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Talente zu fördern – dagegen lässt sich nichts sagen. Solange nicht das Kind mit seinen eigenen Wünschen und Plänen auf der Strecke bleibt.

Eltern-Kind-Verhältnis

Das Projekt „Kind“

Schon immer wollten Eltern Töchter und Söhne nach eigenen Wünschen formen – bis heute riskieren sie dabei, den Draht zu ihnen zu verlieren. Niemand hat auf Dauer Lust darauf, das Projekt eines anderen Menschen zu sein.

Von Jesper Juul

Schon immer wollten Eltern Töchter und Söhne nach eigenen Wünschen formen – bis heute riskieren sie dabei, den Draht zu ihnen zu verlieren. Niemand hat auf Dauer Lust darauf, das Projekt eines anderen Menschen zu sein.

Ein Projektkind ist ein Kind, das die Eltern als ihr ganz persönliches Projekt betrachten. Mutter und Vater haben eine bestimmte Vorstellung von der Entwicklung ihres Kindes oder ein bestimmtes Ziel für dessen zukünftiges Leben vor Augen.
Projektkinder hat es schon immer gegeben – oder zumindest seit sich unsere Gesellschaft durch eine explizite soziale Hierarchie und ein gewisses Maß an Wahlfreiheit auszeichnet. Die Weltliteratur und unsere Familiengeschichten sind voll von abschreckenden Beispielen von Söhnen, die gezwungen und manipuliert wurden, um in die Fußstapfen des Vaters zu treten. Und von Söhnen und Töchtern, die in die Rolle von Sportmatadoren, Fotomodellen oder Ähnlichem gedrängt wurden.

Diese Beispiele sind herzlos, brutal und haben häufig massive Konsequenzen für alle Beteiligten. In den vergangenen zwanzig Jahren haben wir eine wachsende Zahl von Projektkindern in Familien festgestellt, die von außen betrachtet alles andere als diktatorisch und herzlos sind.

Wenn das Kind zum Objekt reduziert wird

Vielleicht ist das eine Folge der Tatsache, dass ein Kind keine gesellschaftliche Notwendigkeit mehr ist, sondern vielmehr eine persönliche, existenzielle und emotionale Entscheidung der Eltern. Zurzeit dreht sich das skandinavische Projekt darum, dass die Kinder glücklich und gesund sein sollen. In anderen Ländern ist es wichtiger, dass sie zur Universität gehen, und in wiederum anderen, dass sie gut situiert sind.

Aber natürlich wird ein Kind nicht automatisch zu einem Projekt seiner Eltern, weil diese danach streben, dass ihr Kind glücklich wird, ein gutes Leben hat und seinen Platz in der Arbeitswelt findet.
Das sind doch vermutlich Ambitionen, die alle Eltern haben? Ja, so ist das, und es ist auch nicht schädlich, dass Eltern diese Wünsche hegen und diese Träume träumen. Alles geht so lange gut, bis die Eltern ihre eigenen Ambitionen zu einem Projekt machen und dann ihre ganze Kraft darauf richten, dieses Ziel zu erreichen und das Projekt erfolgreich abzuschließen.

Das kann Schaden anrichten: Als Erstes leidet die Qualität der Beziehung zwischen Kind und Eltern. Wenn das Kind und seine Zukunft zu einem Projekt werden, verwandelt sich das Eltern-Kind-Verhältnis in eine Subjekt-Objekt-Beziehung, in der das Kind zum Objekt wird. Das Kind wird zu einer Art Gegenstand oder Eigentum reduziert und das belastet jede Beziehung, die zwischen Kind und Eltern ebenso wie die zwischen Mann und Frau.

Niemand hat auf Dauer Lust darauf, das Projekt eines anderen Menschen zu sein, auch wenn es ein erhöhtes Maß an Aufmerksamkeit und Engagement mit sich bringt, was am Anfang als positiv und schmeichelhaft empfunden wird. Insbesondere Kinder werden von dem Engagement leicht verführt, und oft vergeht der Großteil der Kindheit, bis sie am Ende einsehen, dass nicht sie im Zentrum des elterlichen Interesses gestanden haben, sondern die eigenen Ambitionen der Eltern, deren Selbstbild, Image und Wünsche.
Diese Erkenntnis erzeugt häufig ein lebenslang anhaltendes Gefühl, immer enttäuscht zu werden, oder die Angst davor, erneut ausgenutzt zu werden. Das wiederum ist der Ursprung eines schlechten Selbstwertgefühls. Denn das Kind hat gehorsam seine eigene Persönlichkeit vernachlässigt und hat jetzt große Schwierigkeiten, zu dem Ich zurückzufinden, das zwischen den Ansprüchen und Erwartungen der Eltern untergegangen ist.

Kinder haben von Anfang an das alles überragende existenzielle Bedürfnis, von ihren Eltern als wertvolle Menschen angenommen zu werden. Ihre bloße Existenz soll das Leben der Eltern bereichern.

Aber Kinder haben aus gutem Grund keine Ahnung, was das Leben ihrer Eltern tatsächlich reicher macht. Darum sind sie darauf angewiesen, den direkten und indirekten Äußerungen ihrer Eltern vertrauen zu können. Und darum werden sie auch schnell abhängig von der positiven Aufmerksamkeit, die ihnen zuteil wird, wenn sie versuchen, den Erwartungen des elterlichen Projekts gerecht zu werden. Kinder sind oft mit Pflanzen und Bäumen verglichen worden, mit denen die Eltern achtsam umgehen müssen, damit sie langsam gedeihen und ihre Individualität entwickeln können. Projektkinder sind Bonsaibäume, über deren Wachstum der Besitzer die Macht übernommen hat.

Projektkinder sind aber auch wie diese zwei Meter großen Bäume, die man in der Baumschule kaufen kann, wenn wir keine Lust haben, darauf zu warten, dass der Setzling groß und stark geworden ist. Doch die Produkte aus der Baumschule haben alle gemeinsam, dass sie jahrelang Stützen benötigen. Sie sind einfach nicht kräftig und stark genug, um auf eigenen Beinen zu stehen.

Ratschläge machen es nicht leichter

Als Eltern ist es schwer oder schlichtweg unmöglich, in dem Meer aus Ratschlägen vonseiten der Medien und der Experten sowie den Äußerungen der Forscher herauszufinden, was für Kinder gesund oder ungesund ist. Die meisten entscheiden sich darum für eine Handvoll Bereiche, die ihnen wichtig sind: Ernährung, Schule, Religion, soziale Kompetenz und Ähnliches.

Gleichzeitig wissen wir, dass Kinder die Führung, Erfahrung und den Überblick der Eltern benötigen. Die Kunst besteht also darin, die Entwicklung des Kindes zu beeinflussen und sich zugleich von seiner Individualität inspirieren und führen zu lassen.
Diese Balance kann niemand tagein, tagaus, Jahr für Jahr aufrechterhalten. Ab und an verlieren wir das Gleichgewicht und sind entweder zu sehr mit uns selbst beschäftigt oder zu serviceorientiert. Und das ist vollkommen in Ordnung, wenn wir mit regelmäßigen Abständen über unser Elternsein nachdenken und aufmerksam und empfänglich bleiben für das Feedback, das uns die Kinder geben.
Eltern sollten ihrem Kind niemals das Gefühl geben, dass es nur wertvoll ist, wenn es sich so verhält, wie sie es sich wünschen. Mütter und Väter sollten stattdessen versuchen, mit ihrem Kind im Hier und Jetzt zusammen zu sein – und nicht so, wie sie es sich in der Zukunft wünschen. Ohne eine solche Anteilnahme verlieren Eltern das Schönste, was es auf der Welt gibt.
Vielleicht hilft dabei der Versuch, sich an die Gefühle und die Stimmung in den ersten Wochen nach der Geburt zu erinnern – das Gefühl, dass dieses Kind ein Geschenk ist und ein Segen, der das eigene Leben bereichern wird.

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