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Ministerpräsident Alexis Tsipras fürchtet eine Kommerzialisierung des Bildungswesens.

Griechenland

Professoren gegen Tsipras

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Der griechische Regierungschef hält trotz Protesten am Verbot von privaten Unis fest.

Die griechische Regierung plant eine Verfassungsänderung. Ministerpräsident Alexis Tsipras verspricht „mehr Demokratie, mehr Gleichheit und eine radikale Reform des Staates“. So möchte Tsipras die Trennung von Staat und Kirche festschreiben. Eine Verfassungsbestimmung will der Linkspopulist allerdings nicht antasten, den Artikel 16. Er verbietet die Gründung privater Universitäten. Dafür erntet Tsipras heftige Kritik.

Nicht nur die konservative Opposition plädiert für eine Aufhebung des Verbots. Bevor die Parlamentsdebatte über die Verfassungsänderung Mitte Januar beginnt, richteten jetzt 34 namhafte Professoren einen Appell an Tsipras. Die Hochschullehrer kritisieren, es sei undemokratisch, ein solches Verbot in der Verfassung festzuschreiben. Unabhängig davon, ob man für oder gegen private Universitäten sei, müsse das Parlament die Möglichkeit haben, den Status der Hochschulen im Licht der jeweiligen Erfordernisse per Gesetz zu regeln. Das sei „ein Gebot der Demokratie“, heißt es in dem offenen Brief an Tsipras.

Unterzeichner des Aufrufs sind unter anderem der bekannte Verfassungsrechtler Nikos Alivizatos, Nobelpreisträger Christopher Pissarides und der an der Frankfurter Goethe-Universität lehrende Ökonom Michael Haliassos.

Verfassungsänderungen sind in Griechenland kompliziert. Sie müssen vom Parlament mit Dreifünftelmehrheit beschlossen und in der nächsten Legislaturperiode vom neuen Parlament bestätigt werden, um in Kraft zu treten. Die 1974 nach dem Sturz der Obristendiktatur konzipierte Verfassung wurde deshalb erst drei Mal überarbeitet. Die Befürworter privater Universitäten fürchten, dass mindestens ein weiteres Jahrzehnt vergehen wird, wenn der Artikel 16 jetzt wieder nicht geändert wird.

Tsipras fürchtet „Kommerzialisierung“ des Bildungswesens

Dass Tsipras dem Appell der Akademiker oder den Argumenten der Opposition folgt, ist nicht zu erwarten. Der Premier, der seine politische Karriere in der stalinistischen griechischen KP begann, lehnt private Hochschulen aus ideologischen Gründen ab. Tsipras fürchtet eine „Kommerzialisierung“ des Bildungswesens. Dagegen argumentiert der konservative Oppositionschef Kyriakos Mitsotakis, die Zulassung privater, ausdrücklich aber nicht gewinnorientierter Universitäten werde auch das Niveau der staatlichen Hochschulen heben und Griechenland für ausländische Studenten sowie Universitätslehrer attraktiv machen.

Auch der renommierte Athener Politik- und Wirtschaftswissenschaftler Giorgos Pagoulatos glaubt an einen „gesunden Wettbewerb“ privater und staatlicher Hochschulen. In Griechenland komme erschwerend hinzu, dass die Universitäten am kurzen Zügel des Erziehungsministers geführt werden, kritisiert Pagoulatos. Diese staatliche Lenkung ersticke jede Form von Vielfalt, Innovation und Experimentierfreude. Tsipras‘ Vorstellungen zur Bildungspolitik seien „so zeitgemäß wie ein Telefonbuch aus den 80er-Jahren“ spottet Pagoulatos in einem Gastkommentar für die Athener Zeitung „Kathimerini“.

Ein Blick ins benachbarte Zypern scheint jenen recht zu geben, die auf einen Wettbewerb staatlicher und privater Hochschulen setzen. Dort gibt es neben drei staatlichen Hochschulen inzwischen fünf private Universitäten. Daneben haben 43 weitere private Bildungseinrichtungen des tertiären Sektors eine Zulassung des zyprischen Erziehungsministeriums. Die tertiäre Bildung ist in den vergangenen Jahren neben dem Tourismus, den Finanzdienstleistungen und der Landwirtschaft zu einem wichtigen Standbein der zyprischen Wirtschaft geworden. Nicht zuletzt viele jungen Griechen gehen zum Studium nach Zypern.

Rund 37 000 Griechinnen und Griechen studieren im Ausland, weil es in ihrer Heimat nicht genug Studienplätze gibt. Viele kehren nie nach Griechenland zurück. Die Folge dieses Braindrain: 60 Prozent der griechischen Hochschullehrer arbeiten heute im Ausland.
Umgekehrt gibt es an den griechischen Hochschulen nur rund 30 000 ausländische Studierende und eine verschwindend kleine Zahl ausländischer Akademiker. Nach einer Studie der griechischen Nationalbank könnte sich die Zahl der ausländischen Studenten verdreifachen, wenn es ein attraktiveres Angebot an Universitäten gäbe.

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