1. Startseite
  2. Wissen

Primaballerina auf dünnem Eis

Erstellt: Aktualisiert:

Kommentare

Die Raumfahrtexpertin Monika Auweter-Kurtz hat scheinbar ein Talent, Leute vor den Kopf zu stoßen.
Die Raumfahrtexpertin Monika Auweter-Kurtz hat scheinbar ein Talent, Leute vor den Kopf zu stoßen. © dpa

Seit Wochen befindet sich die Hamburger Universitäts-Präsidentin Monika Auweter-Kurtz im offenen Streit mit Professoren und Studierenden - jetzt hat sie auch noch die jüdische Gemeinde gegen sich aufgebracht. Von Hermann Horstkotte

Von HERMANN HORSTKOTTE

Seit Wochen befindet sich die Hamburger Universitäts-Präsidentin Monika Auweter-Kurtz im offenen Streit mit Professoren und Studierenden, die ihren Rücktritt verlangen. Mangels Sensibilität für das jüdische Erbe, manövriert sie die Hochschule jetzt in neue Schwierigkeiten. In einer Aktuellen Stunde befasst sich am heutigen Mittwoch die Hamburger Bürgerschaft mit der Hochschul-Krise, die sich zuspitzt.

Die Raumfahrtexpertin Auweter-Kurtz hat offenbar die seltene Begabung, die Menschen in ihrer Umgebung vor den Kopf zu stoßen: Hunderte Professoren und Tausende Studenten gingen während des Bildungsstreiks in der Hansestadt auf die Straße - vor allem für besser finanzierte Hochschulen, aber auch gegen ihre eigene Präsidentin. Jetzt hat Auweter-Kurtz auch noch die Jüdische Gemeinde gegen sich aufgebracht.

Vordergründig geht es um ein normales Immobiliengeschäft zwischen der Universität als Mieterin und der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) in Hamburg als Vermieterin einer Gründerzeit-Villa. Dort sitzt jetzt die Bauverwaltung der Hochschule.

Wie GEW-Geschäftsführer Dirk Mescher der FR bestätigt, laufen seit Februar Verhandlungen über die vorzeitige Verlängerung des Mietvertrages um zehn Jahre. Beabsichtigter Unterschriftstermin: Ende Juni. Der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde, Ruben Herzberg, sieht in diesem Vorgehen einen schwerwiegenden Vertrauensbruch. Denn der Erste Bürgermeister Ole von Beust (CDU) hatte der Jüdischen Gemeinde bereits im April 2007 in Aussicht gestellt, das 1935 von den Nazis "arisierte" und Ende der 40er Jahre an die GEW gelangte Gebäude für die Stadt zu kaufen und in ein lebendiges Denkmal der jüdischen Tradition zurückzuverwandeln. Dabei, so von Beust, gehe es "nicht um juristische Fragen, sondern um die moralische Pflicht, um die historische Verantwortung und um menschlichen Anstand."

Für eine einvernehmliche Lösung, die auch der jüdischen Tradition in Hamburg gerecht würde, wäre an sich noch Zeit bis zum Ende des laufenden Mietvertrages 2011 - wenn Uni und GEW jetzt nicht mit einem neuen Mietvertrag vollendete Tatsachen bis ins übernächste Jahrzehnt schaffen wollten. Die Jüdische Gemeinde hatte die Uni-Präsidentin schon im Dezember wissen lassen: "Wir fänden es außerordentlich irritierend, wenn durch eine langfristige Anmietung eine Entscheidung über die Zukunft des Hauses vorweggenommen würde." Auweter-Kurtz antwortete darauf: "Die Verantwortung den Studierenden gegenüber, die sich zum Teil die Studiengebühren vom Munde absparen, erlaubt es nicht, auf angemietete Flächen zu verzichten!"

Für die Bürgerschaftsabgeordnete Dorothee Stapelfeldt (SPD) beweist diese Absage, dass die aus Stuttgart zugereiste Präsidentin "bis heute in Hamburg nicht angekommen ist. Die Geschichte des Grindelviertels mit den jüdischen Tradition vor Ort ist ihr bisher offenbar völlig verschlossen geblieben."

Auch innerhalb der Universität wirft man der Chefin mangelnde Sensibilität vor. "Es ist weder zu verstehen noch zu billigen, wenn die Präsidentin in einem 1935 ,arisierten' jüdischen Gebäude die Ansiedlung eines jüdischen Museums nicht zulassen will", wettert Professor Hans-Martin Gutmann, neugewählter Dekan der geisteswissenschaftlichen Fakultät. Die Uni-Verwaltungseinheit könne überall in der Stadt angesiedelt werden, das Museum nicht.

Wissenschaftssenatorin Herlind Gundelach (CDU) sucht nun eine "gesichtswahrende" Lösung, wie es heißt. Dementsprechend rudert ein Uni-Sprecher am Dienstag plötzlich zurück: Wenn es nicht zu einer Einigung mit der Jüdischen Gemeinde komme, "werden wir von einer weiteren Nutzung Abstand nehmen."

Die Hochschulchefin scheint auf Druck von außen einzulenken, doch der Unmut bleibt. Kritiker bemängeln, dass historisch-politische Abwägung offenbar keine Stärke der Ingenieurin und Raketenforscherin ist. Das zeigte sie schon gleich nach ihrer Wahl zur Präsidentin: In einem Interview mit dem Hamburger Abendblatt erklärte sie den "Raketentechniker und Raumfahrt-Visionär Wernher von Braun" zum beruflichen Vorbild - obwohl der tief in die Waffenentwicklung unter Hitler und die Kriegswirtschaft mit KZ-Insassen verstrickt war.

Ein Mitglied im Akademischen Senat verlangte für das moralisch fragwürdige Bekenntnis eine Entschuldigung - und wartet darauf bis heute vergeblich. Und das in einer Universitätsstadt, die sich sonst so viel auf die jüdische Tradition mit Gelehrten wie Aby Warburg und Ernst Cassirer einbildet.

Auch interessant

Kommentare