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Brille

Der Preis der Klugheit

In den Industrieländern sind immer mehr Menschen kurzsichtig und benötigen eine Sehhilfe. Vor allem Asiaten sind betroffen.

Von Frank Ufen

Schwarzer Rahmen, eckiges Format. Die sogenannten Nerd-Brillen der sonderlichen Computerfreaks sind bei Jugendlichen derzeit so beliebt, dass sich sogar Normalsichtige ein schickes Gestell samt Fensterglas auf die Nase setzen. Doch das ist eher ein amüsanter Nebenaspekt einer bedrohlichen Entwicklung. Forscher warnen jetzt vor einer Epidemie der Kurzsichtigkeit, die in den Industrieländern um sich greift.

In einigen Städten Japans, Chinas oder Singapurs ist es besonders dramatisch. Dort tragen bereits acht von zehn Schulkindern eine Brille, wie jetzt ein internationales Wissenschaftlerteam im britischen Fachmagazin The Lancet auflistete. Aber auch in den anderen Industrieländern – mit Ausnahme von Australien und Dänemark – wächst die Zahl derjenigen unaufhörlich, die sich kurzsichtig durchs Leben schlagen müssen. Die Entwicklung erfolgt weltweit in einem Tempo, dass genetische Mutationen daran nicht schuld sein können.

Frank Schaeffel, Leiter der Sektion für Neurobiologie des Auges am Universitätsklinikum Tübingen, schätzt, dass sich das Heer der Kurzsichtigen in den skandinavischen Ländern bereits zwischen 1968 und 2000 nahezu verdreifacht hat. Dort seien heute etwa 35 Prozent der Studentinnen und Studenten kurzsichtig, während es in Großbritannien schon über 50 Prozent seien. Solche Zahlen können jedoch in Südostasien niemanden schockieren. In Taiwan sind mittlerweile 60 Prozent der 11- bis 13-Jährigen kurzsichtig, wohingegen es vor 30 Jahren lediglich 20 Prozent waren.

Merkwürdig ist allerdings, dass Landkinder wesentlich seltener unter Kurzsichtigkeit leiden als Stadtkinder. Während in den ländlichen Regionen Chinas ungefähr 20 Prozent der Bevölkerung kurzsichtig sind, sind es in der Metropole Hongkong nicht weniger als 80 Prozent. Noch etwas ist merkwürdig: Es gibt mehr kurzsichtige Frauen als kurzsichtige Männer, und es gibt mehr weitsichtige Männer als weitsichtige Frauen.

Frauen sehen anders

Kürzlich haben die britischen Psychologen Helen Stancey und Mark Turner vom Hammersmith and West London College etwas Erstaunliches entdeckt. In einem Experiment wurden weibliche und männliche Versuchspersonen mit Linien auf einem Blatt Papier konfrontiert, auf deren Mitte sie mit einem Laserstrahl zeigen sollten. Hierbei trat ein wesentlicher Unterschied zutage. Die Frauen schnitten bei einem Abstand von 50 Zentimetern am besten ab, die Männer hingegen bei einer Entfernung von 100 Zentimetern.

Laut Helen Stancey ist dieses Leistungsgefälle darauf zurückzuführen, dass Frauen Daten über nahe und ferne Objekte in anderen Gehirnarealen verarbeiten als Männer. Sie vermutet, dass es sich hierbei um ein urzeitliches Erbe handeln könnte. Offenbar seien Frauen als geborene Sammlerinnen auf die Wahrnehmung des unmittelbar vor ihren Augen Liegenden spezialisiert, Männer hingegen als geborene Jäger auf das Spähen in die Ferne.

Schon seit einiger Zeit ist bekannt, dass Kinder umso weniger dem Risiko ausgesetzt sind, kurzsichtig zu werden, je mehr Zeit sie im Freien verbringen. Man vermutet, dass die Helligkeit des Tageslichts – an einem sonnigen Tag kann die Lichtstärke ohne weiteres 30?000 bis 100?000 Lux betragen – hierbei eine Schlüsselrolle spielt. Denn durch helles Licht wird in der Netzhaut die Produktion des Botenstoffs Dopamin angekurbelt, der bewirkt, dass das Wachstum des Augapfels gehemmt wird. Den Augapfel daran zu hindern, übermäßig zu wachsen, ist jedoch unbedingt erforderlich, da jeder Millimeter Überlänge das Auge um etwa 2,7 Dioptrien kurzsichtiger macht.

Mittlerweile sprechen die Befunde einer Reihe von Tierexperimenten für die Vermutung, dass Kurzsichtigkeit allein schon durch einen Mangel an Tageslicht hervorgerufen werden kann.

Vor kurzem haben zwei Mitarbeiter Schaeffels – Regan Ashby und Arne Ohlendorf – Experimente mit Hühnerküken durchgeführt. Diesen Küken wurden Mattbrillen verpasst, die ein nahes Sehen vortäuschen. Jeden Tag wurde den Tieren 15 Minuten die Brille abgenommen. Während dieser Viertelstunde kam die Hälfte der Küken an die Sonne. Die anderen Küken blieben im Labor, wo sie künstlichem Licht mit einer Stärke von nur 500 Lux ausgesetzt waren.

Enorme Helligkeit

Das eindeutige Ergebnis: Bei den Küken, die bei Kunstlicht aufwuchsen, wurde doppelt so häufig Kurzsichtigkeit diagnostiziert wie bei denjenigen, die täglich eine Dosis Sonnenlicht erhielten. In weiteren Versuchen wurden Scheinwerfer mit der äußerst hohen Beleuchtungsstärke von 15?000 Lux eingesetzt. Die enorme Helligkeit, die mit ihnen erzeugt wurde, wirkte sich auf die Augen der Hühner ähnlich wohltuend aus wie das Sonnenlicht.

Schon 652 vor Christus – zur Zeit der Tang-Dynastie – wurde in China gemutmaßt, dass das Lesen bei schummerigem Licht kurzsichtig machen könnte. Ganz so einfach ist die Sache leider nicht. „Viele epidemiologische Studien“, erklärt Schaeffel, „zeigen, dass Lesen und Computerarbeit zwar mit Kurzsichtigkeit zusammenhängen, aber nicht so direkt, wie man vielleicht erwarten würde. Der Faktor Naharbeit erklärt nur einige Prozent der Wahrscheinlichkeit, kurzsichtig zu werden.“

Doch eines ist laut Schaeffel ziemlich sicher: Kinder laufen umso mehr Gefahr, kurzsichtig zu werden, je länger und intensiver sie aus extrem kurzem Abstand – weniger als 30 Zentimeter – lesen. Warum das der Fall ist, ist allerdings nach wie vor ungeklärt.

Es gibt die plausibel klingende Hypothese, dass sich das Auge bei sehr geringem Leseabstand so einstellen muss, dass der Brennpunkt knapp hinter der Netzhaut liegt – weshalb es dann versucht, diese Verschiebung auszugleichen, in dem es in die Länge wächst. Experimente mit Hühnern, Meerschweinchen und Affen schienen diese Hypothese zu bestätigen. Doch die Befunde einer Langzeitstudie an Kindern stellen sie wieder in Frage.

Außerdem hat sich mittlerweile herausgestellt, dass die Netzhaut die Ebene der höchsten Sehschärfe selbst bestimmt und das Längenwachstum des Augapfels selbst reguliert. Wenn man Hühnern Linsen aufsetzt, die in der Mitte ein Loch aufweisen, wachsen ihre Augen in der Mitte normal, in der Peripherie hingegen werden sie kurz- oder weitsichtig. „Leider gibt es derzeit keine gute Hypothese, wie und warum Lesen und Kurzsichtigkeit zusammenhängen“, konstatiert Schaeffel.

Unlängst hat Daphne Bavelier – eine US-Hirnforscherin von der Universität von Rochester – zwei Gruppen von Studenten innerhalb von neun Wochen 50 Stunden lang Computerspiele spielen lassen. Die eine Gruppe bekam es mit rasend schnellen Spielen wie „Call of Duty?2“ oder „Unreal Tournament 2004“ zu tun, die andere Gruppe mit dem farben- und kontrastreichen, aber gemächlichen Spiel „Sims 2“.

Gehirn passt sich an

Das Experiment endete mit einer Überraschung: Ausgerechnet die Probanden, die ihre Augen wochenlang mit Ego-Shooter-Spielen malträtiert hatten, konnten ihre Fähigkeit zum Kontrastsehen um 50 Prozent verbessern. „Wenn man Actionspiele spielt“, sagt Daphne Bavelier, „verändert sich der Wahrnehmungsweg im Gehirn, über den Informationen verarbeitet werden. Diese Spiele bringen das visuelle System des Menschen an seine Grenzen, und das Gehirn stellt sich darauf ein.“

Kann man verhindern, dass Kurzsichtigkeit überhaupt entsteht, oder kann man zumindest erreichen, dass sie sich nicht weiter verschlimmert? Im Prinzip, ja.

Der simple Rat lautet, Kinder jeden Tag an der frischen Luft im Sonnenlicht spielen zu lassen. Daneben sind auch neue Brillen in der Entwicklung. Die optischen Gläser und Kontaktlinsen, die gegenwärtig zur Korrektur von Kurzsichtigkeit verwendet werden, sind nicht gerade optimal. Sie machen nämlich oft genug das kurzsichtige Auge an seiner Peripherie weitsichtig. Doch neuerdings gibt es spezielle Linsen, die so geschliffen sind, dass sie auch in der peripheren Netzhaut Kurzsichtigkeit erzeugen.

Um das Längenwachstum des Augapfels zu verlangsamen wird in China und Taiwan bereits jedes dritte kurzsichtige Kind mit Atropin behandelt. Dieser Wirkstoff hemmt zwar tatsächlich das Längenwachstum des Augapfels, hat aber schwerwiegende Nebenwirkungen: Atropin erweitert die Pupille dermaßen, dass das Auge leicht geblendet wird. Außerdem muss der Wirkstoff ununterbrochen verabreicht werden. Wird er abgesetzt, fängt das Auge sofort wieder an zu wachsen.

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