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Die Gehirne sind verschieden.

Evolution

Der Preis der Intelligenz

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Die amerikanische Anthropologin Dean Falk erforscht die Entwicklung des menschlichen Gehirns. Steigende geistige Fähigkeiten beförderten indirekt den Anstieg der Gewalt, sagt sie.

Wie kam es dazu, dass unsere Vorfahren die Fähigkeit entwickelten, logisch zu denken, zu abstrahieren, ihre Überlegungen und Gefühle über Sprache miteinander auszutauschen, Pläne zu schmieden und – als negative Folge – sich auch Strategien für Verbrechen und Kriege zurechtzulegen? Mit solchen Fragen beschäftigt sich die Anthropologin und Neurowissenschaftlerin Dean Falk.

Sie stellt die These auf: „Viele Dinge haben sich viel früher in der Evolution ereignet als allgemein angenommen.“ Die US-Amerikanerin, die an der Florida State University und der School for Advanced Research in New Mexico, lehrt, war in den vergangenen Tagen bei den Kollegen des Forschungsinstituts Senckenberg zu Gast. Dort hielt sie in diesem Jahr auch die traditionelle Gustav-Heinrich Ralph von Koenigswald-Lecture, die nach dem 1982 in Bad Homburg gestorbenen Paläoanthropologen benannt ist.

Im Fokus der Forschung von Dean Falk steht die Evolution des Gehirns. Um zu verstehen, wie Intelligenz oder Kreativität entstanden seien, müsse man „mit der Hardware anfangen“, erklärt sie. Über die Morphologie fossiler Schädel könne man sich eine Vorstellung von der Größe eines Gehirns machen – und „mit Glück“ auch von dessen Strukturen. Gehirne fossilieren wie alle Weichteile nicht, erhalten über Millionen Jahre bleiben nur Knochen und vor allem Zähne.

Um sich einen Eindruck vom Gehirn unserer Vorfahren zu verschaffen, fertigen Wissenschaftler deshalb Innenabdrücke von Schädelfunden an. Zwar könne man damit „nicht in die Tiefe“ des einstigen Gehirns blicken, sagt Dean Falk, dennoch lasse sich auch an der Oberfläche vieles ablesen.

Gehirngröße nicht alleiniges Kriterium 

Untersucht hat die Anthropologin und Neurowissenschaftlerin auf diese Weise unter anderem den gut erhaltenen Schädel eines Australopithecus‘, der in den Höhlen von Sterkfontein nordöstlich von Johannesburg in Südafrika gefunden wurde. Australopithecus ist ein Hominide („Menschenartiger“), der vor etwa vier bis zwei Millionen Jahren in Afrika lebte und als direkter Vorfahr der Gattung Homo gilt.

Im Forschungsinstitut Senckenberg hat die Anthropologin zwei Abgüsse vor sich liegen: den des Australopithecus und den eines Schimpansen. Der Vergleich zeigt, dass das Gehirnvolumen unseres frühen Vorfahren nur wenig größer als das des Schimpansen und somit wesentlich kleiner als das des modernen Menschen war. Doch die Hirngröße sei nicht das alleinige Kriterium, wenn es um geistige Fähigkeiten gehe, erklärt Dean Falk und verweist auf die erstaunlichen Leistungen, zu denen Vögel wie Krähen oder Papageien in der Lage sind.

Entscheidend im Falle von Australopithecus sei die Tatsache, dass die Hirngefäße sich veränderten. Der Grund dafür liegt im aufrechten Gang. Der Kopf befand sich nun in einer ganz anderen, höheren Position. Der Körper war deshalb gezwungen, neue Blutbahnen auszubilden. Die Folge: Das Gefäßsystem im Gehirn wurde immer komplexer. Blut aus dem Schädel konnte damit auch in den Nacken transportiert und das Gehirn bei körperlicher Anstrengung und Hitze auf diese Weise kühl gehalten werden, erklärt die Forscherin. Diese Möglichkeitwiederum schuf die Voraussetzung für ein massives Wachstum des Gehirns.

Dean Falk geht davon aus, dass sich vor etwas mehr zwei Millionen Jahren – an der Schwelle, als aus Australopithecus die ersten Vertreter der Gattung Homo hervorgingen – das Gehirn zudem umorganisierte: Das den Affen ähnliche Faltenmuster verschwand, die Großhirnrinde entwickelte sich voll, Stirn- und Schläfenlappen prägten sich aus.

Es war zugleich der Zeitpunkt, als die Vorfahren der Menschen erstmals anfingen, Steine und Knochen zu bearbeiten – und ihre intellektuellen Fähigkeiten insgesamt einen gewaltigen Sprung nach vorne machten. Zwischen dem wachsenden Geschick bei der Herstellung von Werkzeugen und der Entwicklung des Gehirns wiederum existierte eine Wechselwirkung, beides befeuerte sich gegenseitig. Dean Falk veranschaulicht das: Wenn jemand Geige spiele, so veränderten sich dadurch auch bestimmte Areale unseres Denkorgans; das hätten Untersuchungen an Gehirnen von Musikern – und übrigens auch an dem Albert Einsteins, der Geige spielte – ergeben.

Komplexere Waffen

Ein regelrechter „Domino-Effekt“ sei damals in Gang gesetzt worden, formuliert es die amerikanische Wissenschaftlerin. Sie geht davon aus, dass bereits der vor mehr als zwei Millionen Jahren lebende Homo habilis eine rudimentäre Sprache entwickelte. Die Möglichkeit zum differenzierteren Austausch untereinander brachte den Vormenschen entscheidende Vorteile: Das Zusammenleben in der Gruppe wurde viel effektiver. Sie konnten besser voneinander lernen, sich bei der Aufgabenteilung abstimmen und Strategien für die Jagd entwickeln.

Leider nutzten unsere Vorfahren Letzteres nicht nur, um Tiere zu erlegen: Die erworbenen Fähigkeiten setzten sie auch gegen ihresgleichen ein, um andere Gruppen zu überfallen und kriegerische Auseinandersetzungen zu führen. Die stetig effektiver werdenden Werkzeuge trugen dazu wesentlich bei, erklärt Dean Falk – ließen sie sich doch auch als Waffen nutzen. Und diese wiederum „machen die Ausübung von Gewalt leichter“.

Zwar sind auch Schimpansen nicht nur friedfertige Gesellen und lösen Konflikte auch auf aggressive Art; zum Teil sogar mit Steinen. „Mit ihren Gehirnen jedoch schufen die Menschen immer komplexere, ausgeklügeltere Waffen“, sagt Falk. Gewalt und Kriege – ein Preis der Evolution des Geistes, die auch so schöne Dinge wie Musik und Kunst hervorbrachte? Dass wir Menschen diesen hässlichen Zug jemals ablegen können, davon geht Dean Falk jedenfalls nicht aus: „Ob es für uns einen Weg aus der Gewalt gibt? Ich glaube nicht, da bin ich pessimistisch.“

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