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Plötzlicher Kindstod: Forschende kommen ungeklärten Todesfällen von Babys auf die Spur

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Von: Tanja Banner

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Der plötzliche Kindstod kommt im Schlaf – für junge Eltern ein Albtraum. Doch nun haben Forschende einen Biomarker gefunden, mit dem gefährdete Babys identifiziert werden könnten. (Symbolbild)
Der plötzliche Kindstod kommt im Schlaf – für junge Eltern ein Albtraum. Doch nun haben Forschende einen Biomarker gefunden, mit dem gefährdete Babys identifiziert werden könnten. (Symbolbild) © imago/Cavan Images

Der plötzliche Kindstod ist für Eltern ein Albtraum. Nun vermeldet eine Wissenschaftlerin, die selbst ihr Baby auf diesem Weg verloren hat, einen Durchbruch.

Sydney – Es ist der größte Albtraum junger Eltern: Der plötzliche Kindstod. Mit dem Begriff wird der unerwartete und unerklärliche Tod eines Säuglings im ersten Lebensjahr bezeichnet, für den auch bei einer Autopsie kein Grund gefunden wird. Um den plötzlichen Kindstod („Sudden Infant Death Syndrome“, SIDS) zu verhindern, gibt es zahlreiche Empfehlungen für Eltern: so sollen sich beispielsweise keine Kuscheltiere oder sogenannte „Nestchen“ im Babybett befinden, um eine gute Luftzirkulation zu ermöglichen. Außerdem soll das Baby möglichst nicht auf dem Bauch schlafen.

Als Risikofaktoren gelten unter anderem sehr junge Mütter, Drogen- oder Zigarettenkonsum in der Schwangerschaft, aber auch Frühgeburten oder ein sehr geringes Geburtsgewicht. Über den tatsächlichen Grund für den plötzlichen Kindstod ist dagegen nur wenig bekannt – bis jetzt. Nun haben Forschende um Carmel Harrington einen Hinweis darauf gefunden, was hinter SIDS stecken könnte. Dazu haben sie das Blut von Babys, die am plötzlichen Kindstod gestorben sind, untersucht und es mit dem Blut von Säuglingen verglichen, die aus anderen Gründen gestorben sind sowie mit dem Blut gesunder Babys.

Plötzlicher Kindstod (SIDS): Forschende findet einen Hinweis bei Babys

Und die Forschenden fanden tatsächlich einen Unterschied: Die Aktivität des Enzyms Butyrylcholinesterase (BChE) war bei Babys, die an SIDS gestorben sind, deutlich geringer als bei lebendigen Säuglingen und bei Babys, deren Tod andere Ursachen hatte. BChE spielt eine wichtige Rolle in der Erregungsleitung des Gehirns. Die Forschenden gehen davon aus, dass der Enzymmangel wahrscheinlich die Fähigkeit eines Säuglings, zu erwachen oder auf seine äußere Umgebung zu reagieren, verringert – das führe zu einer Anfälligkeit für den plötzlichen Kindstod. Der Enzymmangel kann dazu führen, dass ein Baby, das im Schlaf aufhört zu atmen, nicht hochschreckt oder aufwacht.

Ein scheinbar gesundes Baby, das einschläft und nicht mehr aufwacht, ist der Albtraum aller Eltern, und bis jetzt gab es keine Möglichkeit zu wissen, welches Kind daran sterben würde. Aber das ist jetzt nicht mehr der Fall. Wir haben den ersten Marker gefunden, der auf eine Gefährdung vor dem Tod hinweist.

Carmel Harrington, Hauptautorin der Studie

„Ein scheinbar gesundes Baby, das einschläft und nicht mehr aufwacht, ist der Albtraum aller Eltern, und bis jetzt gab es keine Möglichkeit zu wissen, welches Kind daran sterben würde. Aber das ist jetzt nicht mehr der Fall. Wir haben den ersten Marker gefunden, der auf eine Gefährdung vor dem Tod hinweist“, betont Harrington, Hauptautorin der Studie, die im Fachjournal  eBioMedicine veröffentlicht wurde. „Säuglinge haben einen sehr wirksamen Mechanismus, um uns mitzuteilen, wenn sie nicht glücklich sind. Normalerweise wachen Babys auf und schreien, wenn sie mit einer lebensbedrohlichen Situation konfrontiert sind, zum Beispiel wenn sie während des Schlafs Schwierigkeiten beim Atmen haben, weil sie auf dem Bauch liegen“, erklärt Harrington in einer Mitteilung des Children’s Hospital at Westmead (CHW) in Sydney, an dem sie forscht. „Diese Forschungsergebnisse zeigen, dass manche Babys nicht diese robuste Erregungsreaktion zeigen.“

Plötzlicher Kindstod: Forscherin hat ihr Baby an SIDS verloren

Hinter der Forschung steckt auch ein persönliches Schicksal: Carmel Harrington selbst hat vor 29 Jahren ihr Kind an SIDS verloren und drei Jahre später erfahren, dass das Kind einer Freundin ebenfalls den plötzlichen Kindstod starb. „Damals fasste ich den feierlichen Entschluss, nichts unversucht zu lassen, um das Rätsel des Plötzlichen Kindstods (SIDS) zu lösen“, schreibt sie heute. Seitdem widmet sie sich beruflich der Erforschung des Themas, einen großen Teil ihrer Arbeit finanziert sie durch die Crowd-Funding-Kampagne „Damien‘s Legacy“.

Nun hat Harrington eine gute Nachricht für Eltern: „Diese Entdeckung hat die Möglichkeit für ein Eingreifen eröffnet und gibt den Eltern, die ihre Kinder auf so tragische Weise verloren haben, endlich Antworten. Diese Familien können nun mit dem Wissen leben, dass es nicht ihre Schuld war“, betont sie.

Plötzlicher Kindstod (SIDS) ist immer noch eine häufige Todesursache bei Babys

In den vergangenen Jahren gab es weltweit Kampagnen zur Verhinderung des plötzlichen Kindstods. Die Zahl der Fälle ist seitdem in vielen Ländern gesunken, doch in westlichen Ländern ist immer noch fast die Hälfte aller Todesfälle bei Säuglingen auf SIDS zurückzuführen, heißt es in der Mitteilung zur Studie. „Es gibt die Auffassung, dass SIDS kein Problem mehr ist oder dass das Problem gelöst werden kann, wenn alle Babys die richtigen Schlafbedingungen haben, aber in Australien sterben immer noch jede Woche zwei Kinder an SIDS“, betont Karen Waters, die eine SIDS- und Schlafapnoe-Forschungsgruppe am CHW leitet. „Dieses Ergebnis gibt unserer Forschung eine klare Richtung, sodass wir in Zukunft etwas tun können, um dies zu verhindern.“

Fälle von plötzlichem Kindstod in Deutschland
19901283
1995751
2000482
2010164
202084
Quelle: Statistisches Bundesamt

Forschende arbeiten daran, SIDS-gefährdete Babys über den Biomarker zu identifizieren

Mit dem identifizierten Biomarker – dem niedrigen BChE-Level – können Forschende nun daran arbeiten, wie man SIDS in Zukunft verhindern kann. Die Forschenden wollen sich darauf fokussieren, den Biomarker in Neugeborenen-Screenings mit einzubeziehen und Methoden zu entwickeln, um gegen den möglicherweise gefährlichen BChE-Mangel bei Babys vorzugehen. Die nächsten Stufen der Forschung sollten etwa fünf Jahre dauern, heißt es in der Mitteilung der CHW.

„Diese Entdeckung verändert die Sichtweise auf SIDS und ist der Beginn einer sehr spannenden Reise. Wir werden in der Lage sein, mit Babys zu arbeiten, während sie noch leben, und dafür zu sorgen, dass sie weiterleben“, freut sich Harrington. Ihren eigenen Sohn kann sie durch ihre Arbeit nicht mehr lebendig machen, doch sie kann dafür sorgen, dass andere Eltern ihr Schicksal nicht teilen müssen. (tab)

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