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Ein Bild, an das man sich leider schon gewöhnt hat: Plastik und andere Abfälle am Strand, hier auf Koh Rong Island in Kambodscha. 

Umwelt

Recycling scheitert – Die „Plastokalypse“

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Das Recycling der Kunststoffe scheitert bislang notorisch. Was entsorgt wird, kehrt zurück – zu Lande, zu Wasser und in der Luft.

Nicht sehr oft, aber hin und wieder kommt es vor, dass Fische oder Frösche vom Himmel regnen. Die Erdatmosphäre ist wie ein gigantischer Wind- und Wassermixer. Wo sie besonders wild wirbelt, saugen Tornados oder Wasserhosen auch mal Tiere himmelwärts, die dort eigentlich nicht hingehören. Und tragen sie an Orte, wo man sie nicht erwarten würde.

Plastik: Kunststoff im Regenwasser 

Insofern wäre es kaum verwunderlich, wenn man noch in den entlegensten Winkeln der Welt auf Fluggut stieße, das ungleich kleiner und leichter und unvergänglicher ist als Fische und Frösche. Dennoch waren die Wissenschaftler des United States Geological Survey (USGS), einer Behörde des amerikanischen Innenministeriums, verdutzt, als sie im entlegenen Rocky-Mountain-Nationalpark auf mehr als 3000 Metern Höhe eine Regenwasserprobe nahmen – und Plastik darin fanden. Sie hatten eigentlich nach ganz anderen Stoffen Ausschau gehalten. Aber unter dem Mikroskop war es nicht zu übersehen: Plastikfasern, Plastikkrümel, Plastikkügelchen, blau, rot, lila. Der Fund lege nahe, so die USGS-Wissenschaftler in ihrer dazu veröffentlichten Studie, dass „die nasse Deposition von Plastik allgegenwärtig“ sei. Mit anderen Worten: Es regnet Plastik. Überall auf der Welt.

Federleichte, fast unsichtbare, millimeter- bis mikrometerkleine Plastikpartikel, wie sie auf die Rocky Mountains herabregneten, können aus vielen Quellen stammen. Dieses „Mikroplastik“ wird beim Waschen von Kunstfaserkleidung in die Flüsse und Meere gespült. Es landet als Reifenabrieb neben den Straßen. Es entsteht, wenn größere Plastikteile – Verpackungen, Flaschen, Zigarettenfilter – über Jahre und Jahrzehnte in immer kleinere Fragmente zerfallen.

Plastik: Weltweite Produktion bei 400 Millionen Tonnen 

Die weltweite Jahresproduktion von Kunststoffen liegt mittlerweile bei rund 400 Millionen Tonnen; 1950 waren es noch zwei Millionen. Ein entscheidender Wegbereiter in das Wegwerfzeitalter ist Coca-Cola. Der Konzern entschied vor gut 40 Jahren, seine Zuckerbrause fortan statt in Glas- in PET-Einwegflaschen zu verkaufen. Heute spuckt der Konzern im Sekundentakt Tausende Plastikflaschen in die Welt, zehn Millionen pro Stunde, 88 Milliarden pro Jahr. Die Begeisterung der Industrie für Plastik ist verständlich. Der Werkstoff ist günstig, leicht, vielseitig – und theoretisch durch einen Recyclingkreislauf wiederverwertbar. Doch die Erfahrung der zurückliegenden Jahrzehnte zeigt: Grau ist alle Theorie. Und grauslig die Praxis: Nur neun Prozent der geschätzt 6,3 Milliarden Tonnen Plastikmüll, die seit 1950 angefallen sind, wurden recycelt, so eine Studie des Fachmagazins „Science Advances“. Der Rest wurde verbrannt, landete auf Halden oder in der Natur.

Selbst in Deutschland, das sich selbst den Titel des Recyclingweltmeisters verliehen hat, sieht es kaum besser aus, wie der vom Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) und der Heinrich-Böll-Stiftung veröffentlichte „Plastikatlas“ verdeutlicht hat. Demnach hat die offizielle deutsche Plastik-Recyclingquote von rund 40 Prozent – die restlichen rund 60 Prozent werden verbrannt – wenig mit der Menge zu tun, die dem Kreislauf tatsächlich als recycelter Kunststoff erhalten bleibt. De facto dürfte die Recyclingquote deutlich unter 20 Prozent liegen. Denn ein Teil des in der Statistik als „recycelt“ vermerkten Abfalls wird später von den Recyclingfirmen doch noch aussortiert und verbrannt. Zudem werden etwa 14 Prozent des deutschen Plastikmülls exportiert. „Dieser Müll gilt offiziell als recycelt, sofern er zum Zwecke des Recyclings exportiert wurde“, erklärt Manuel Fernandez vom BUND, einer der Plastikatlas-Autoren. Wobei in der Regel nicht kontrolliert wird, was dann tatsächlich mit diesem Müll geschieht. Immer wieder finden sich Verpackungen aus Deutschland auf illegalen Müllkippen in Asien.

Deutscher Plastikmüll landet dort, wo er nicht hingehört 

Auch viel vom deutschen Plastikmüll landet also dort, wo er eigentlich nicht hingehört. Und gelangt, über kleinere und größere Umwege, letztlich auch auf unsere Teller und in unsere Gläser. Vor einigen Monaten publizierte die Universität von Newcastle in Australien eine Metastudie auf der Basis von mehr als 50 wissenschaftlichen Studien, die die menschliche Aufnahme von Mikroplastik untersucht hatten. Ihr zufolge könnte ein Mensch im globalen Durchschnitt rund 2000 Mikroplastikpartikel pro Woche zu sich nehmen, zusammengenommen bis zu fünf Gramm Plastik – so viel wie eine Kreditkarte. Aus den Augen, in die Nahrungskette: Wir haben tatsächlich einen Plastikkreislauf in Gang gesetzt. Allerdings einen, den keiner wollen konnte.

Die größte Quelle für die Aufnahme von Mikroplastik ist der Studie zufolge Wasser, sowohl in Flaschen abgefüllt als auch Leitungswasser. Im Schnitt nehmen wir darüber pro Woche 1800 Plastikteilchen zu uns. Wobei es große regionale Unterschiede gibt, so finden sich im Leitungswasser der USA mehr als doppelt so viele Partikel wie im europäischen. In Meeresfrüchten fanden sich rund 180 Partikel, in Bier zehn.

Also lieber Bier als Wasser trinken? Die Zahlen seien nur erste Anhaltspunkte, gibt die Hauptautorin der Studie Kala Senathirajah zu bedenken: „Die Erforschung von Mikroplastik steht erst ganz am Anfang.“ So erscheine die Plastikbelastung im Wasser zum jetzigen Stand der Forschung besonders hoch – aber das liege auch daran, dass Wasser eben schon vergleichsweise gut untersucht worden sei: „Wenn wir uns weitere Speisen und Getränke wie Milch oder Limonade, Reis oder Brot genauer ansehen würden und obendrein auch den Gebrauch von Plastikutensilien in der Küche, könnte es sein, dass der Mikroplastikgehalt von Wasser am Ende eher moderat erscheint.“

Plastik: Unfreiwilliger Verzehr von Kunststoff 

Dass der unfreiwillige Verzehr von Kunststoffen gesundheitliche Gefahren mit sich bringt, ist naheliegend – allerdings lassen sie sich aufgrund der dünnen Datenlage noch nicht abschätzen. Womöglich noch problematischer als das Plastik selbst dürften verbreitete Zusatzstoffe wie Weichmacher sein, die zu Unfruchtbarkeit, Diabetes und Leberschäden führen können. Zudem könne sich das Mikroplastik aufgrund seiner chemischen Eigenschaften mit weiteren gefährlichen Schadstoffen anreichern, so Kala Senathirajah.

Es wäre gesünder für uns alle, den riesigen Plastikmüllberg so schnell wie möglich zu verkleinern. Nur wie? Eine Möglichkeit könnte darin liegen, ausrangierten Kunststoff als Energielieferanten für unsere Mobilität zu entdecken, glaubt Senathirajah: „Die Gewinnung von Benzin aus Plastik ist ein Feld, das weitere Forschung wert wäre.“

Die Idee ist nicht ganz neu. Und im Prinzip funktioniert sie ganz gut. Die Firma Biofabrik bei Dresden hat 2019 einen Prototypen vorgestellt, der pro Tag rund 250 Kilogramm Kunststoff in Kraftstoff umwandeln kann. Eine noch größere Anlage steht bereits seit 2018 in Schwechat bei Wien. Dort produziert der österreichische Energiekonzern OMV aus bis zu 100 Kilogramm Plastik pro Stunde synthetisches Rohöl.

Die Gleichung ist in beiden Fällen dieselbe: Ein Kilogramm Plastik wird zu einem Liter Rohöl. Allerdings hat diese Transmutation ihre Tücken. Die größte: Um Öl zu gewinnen, muss das Plastik auf 400 bis 500 Grad Celsius erhitzt werden – mit entsprechend großem Energieaufwand. Experten bezweifeln deshalb, dass dieses „chemische Recycling“ unter den heutigen Randbedingungen – günstiges Rohöl, klimaungünstiger Energiemix – ökonomisch und ökologisch sinnvoll ist.

Plastik: Dem Klimawandel etwas entgegensetzen 

Wie wäre es unter diesen Umständen, den Müllberg durch Bioplastik zu verkleinern? Klingt doch charmant: Plastik aus nachwachsenden Rohstoffen, das nach Gebrauch kompostiert werden kann. Produktion: kein Problem mehr. Entsorgung: kein Problem mehr. „Durch Nutzung von biogenen Ressourcen tragen wir dazu bei, fossile Ressourcennutzung zu begrenzen und so dem Klimawandel etwas entgegenzusetzen.“ So umriss Iris Lewandowski, Leiterin des Fachgebiets Nachwachsende Rohstoffe und Bioenergiepflanzen an der Universität Hohenheim, bei der Eröffnung des universitätseigenen Bioraffinerie-Technikums die Hoffnung, die im Bioplastik steckt.

Doch Bioplastik ist, Stand heute, nicht so bio wie es klingt. Werden die Pflanzen dafür konventionell angebaut, sorgen Dünger und Pestizide eben doch für eine erhebliche fossile Ressourcennutzung. Und mal angenommen, wir könnten die 400 Millionen Tonnen Kunststoff pro Jahr tatsächlich auf Basis von Mais, Kartoffeln und Co. erzeugen: Wo genau sollten all diese „nachwachsenden Rohstoffe“ nachwachsen? Die Abholzung von Regenwäldern für „Biosprit“ hat gezeigt, wie schief gut Gemeintes gehen kann. Zudem ist Plastik aus nachwachsenden Rohstoffen nicht automatisch biologisch abbaubar. Das gilt nur für „kompostierbares“ Bioplastik – und auch hier funktioniert die Kompostierung im Alltag meist nicht. Denn dafür sind spezielle Kompostieranlagen mit hoher Wärmezufuhr nötig. Außerhalb solcher Anlagen verrottet der Kunststoff kaum. „Eine Tüte aus Bioplastik kann man aber im Alltag kaum von einer normalen Plastiktüte unterscheiden“, so BUND-Experte Manuel Fernandez. Deshalb würden kompostierbare Plastikprodukte letztlich häufig im Restmüll landen. „Wenn man suggeriert, dass Bioplastik einfach weggeworfen werden kann, weil es in der Natur ja abgebaut wird, fördert man die Wegwerfkultur, für die Plastik steht, sogar noch.“

150 Millionen Tonnen Plastik in den Ozeanen 

Eine ganze Menge von dem Plastik, das wir wegwerfen, landet im Meer. „Die derzeit wahrscheinlich zuverlässigste Schätzung geht davon aus, dass bereits 150 Millionen Tonnen Plastik in den Ozeanen gelandet sein könnten“, sagt Lars Gutow vom Alfred-Wegener-Institut in Bremerhaven. Manche Meerestiere verstricken sich in Plastikabfall. Viele fressen den Müll versehentlich.

Die größten maritimen Plastikproblemzonen befinden sich in der Nähe von Küstenmetropolen und Flussmündungen. Global gesehen, so Gutow, sei die Mülldichte im ostasiatischen Meer besonders hoch. Als Gründe nennt er die in der Region ebenfalls besonders hohe Bevölkerungsdichte, das rasante Wirtschaftswachstum, mit dem das Müllmanagement nicht mithalten könne – und die Müllimporte aus Europa, den USA und anderen Industrienationen.

Den auf dem Meer schwimmenden Plastikmüll hält Lars Gutow für ein im Wortsinne oberflächliches Problem. Der weitaus größere Teil des Mülls treibe unter der Wasseroberfläche oder liege am Meeresgrund. „Selbst Kunststoffobjekte aus Material, das eine geringere Dichte als Meereswasser hat, sinken früher oder später zum Meeresgrund herab“, so Gutow. Den Müll wieder vom Meeresgrund wegzubekommen – aussichtslos. Müllfischerprojekte wie „The Ocean Cleanup“ versuchen, zumindest das Plastik einzusammeln, das noch oben treibt. Gutow sieht solche gut gemeinten Maßnahmen skeptisch: „Wenn man das wirklich substanziell machen wollte – also in dem Sinn, dass es einen Unterschied macht –, müsste man in viel größerem Stil vorgehen.“ Man müsste, wie Gutow es nennt, „sehr unselektiv“ auf Plastikjagd gehen, mit riesigen Netzen. Doch jede Maßnahme, die in großem Stil Müll aus dem Meer fischt, würde „gleichzeitig auch biologisches Material extrahieren, das in das Meer hineingehört“. Der Schaden für die Umwelt könnte am Ende größer sein als der Nutzen.

„Die Rate, mit der die Organismen PET abbauen, ist erschreckend schlecht“

Wo bleibt, in dieser Plastokalypse, das Positive? Für Hoffnung sorgte 2016 eine Meldung aus Japan. Wissenschaftler hatten in einer Recyclinganlage ein Bakterium entdeckt, das Wundersames vermag: Ideonella sakaiensis frisst Polyethylenterephthalat (PET) – das Material, aus dem beispielsweise Coca-Cola seine 88 Milliarden Flaschen pro Jahr produziert.

Allerdings hat sich die Euphorie inzwischen etwas gelegt. „Die Arbeit der japanischen Kollegen ist sicherlich bahnbrechend“, sagt Wolfgang Streit, Abteilungsleiter Mikrobiologie und Biotechnologie an der Universität Hamburg. Aber er würde nicht darauf setzen, dass die Natur uns beim Lösen des Plastikproblems zeitnah unter die Arme greift: „Die Rate, mit der die Organismen PET abbauen, ist erschreckend schlecht.“

Zudem ist PET nur einer der sieben am weitesten verbreiteten Kunststoffe. Zwar seien inzwischen auch Organismen bekannt, die spezielle Varianten von Polyurethan (PU) zersetzen können, erklärt Streit. Aber im Fall von Polypropylen (PP), Polyethylen (PE), Polyamid (PA), Polystyrol (PS) und Polyvinylchlorid (PVC): Fehlanzeige. Eher unwahrscheinlich also, dass eine Armee von kleinen plastikfressenden Helferlein die Plastokalypse abwenden wird. Die gute Nachricht ist: Es gibt eine Lösung. Sie ist so einfach wie schwer: Plastik vermeiden.

Es gibt zahlreiche Initiativen, die zeigen, dass Alternativen zum ungehemmten Kunststoffkonsum möglich sind, wenn man wirklich will – auf allen Ebenen. Es gibt Städte wie Penzance in Großbritannien, die sich zum Ziel gesetzt haben, den Verbrauch von Einwegplastik und Verpackungen in ihren Geschäften, Schulen und öffentlichen Einrichtungen radikal zu reduzieren.

Alternativen zum Plastik 

Es gibt Produkte wie die PET-Flaschen der „Frosch“-Haushaltsreiniger, die zu 100 Prozent aus recyceltem Altplastik hergestellt werden. Es gibt inzwischen mehr als 150 Unverpackt-Läden in Deutschland, wo man plastikfrei einkaufen kann. Es gibt immer mehr Menschen, die versuchen, ihren Plastikmüll bewusst zu reduzieren.

All das wird allerdings allein nicht reichen, ist Manuel Fernandez vom BUND überzeugt. Der Einzelne sei bei einer so komplexen Angelegenheit schlicht überfordert. „Und dass die Wirtschaft sich selbst reguliert, ist ein Irrglaube – das müsste mittlerweile jeder verstanden haben. Da ist die Politik in der Pflicht.“ Das EU-weite Verbot für einige Einweg-Plastikartikel wie Besteck oder Wattestäbchen, das 2021 in Kraft tritt, hält Fernandez für einen guten Anfang. „Aber diese Liste ließe sich beträchtlich erweitern.“

Ähnlich sieht es auch Kala Senathirajah, die Autorin der „Kreditkartenstudie“. Sie appelliert an die Politik, dafür zu sorgen, dass Firmen ihre Produkte und deren Verpackung nicht nur für den kurzen Zeitraum entwickeln, den diese in Gebrauch sind. „Sie sollten dazu gebracht werden, für die gesamte Lebensdauer des Plastiks Verantwortung zu übernehmen, von der Wiege bis zum Grab.“

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