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Sie verschmutzen Meere und schaden Tieren: Mikroplastikkügelchen auf einem Blatt Papier.

Meerestiere

Plastik im Hauptgericht

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Wer sich gerne Miesmuscheln oder Austern gönnt, isst oft eine weniger appetitliche Beilage mit: Mikroplastik.

Wer sich gerne eine Portion Miesmuscheln oder Austern gönnt, könnte eine unerwünschte Beilage mit auf dem Teller haben: Mikroplastik. Denn die Meerestiere nehmen es mit der Nahrung auf, die sie aus dem Wasser filtern. Winzige Plastikpartikel wurden bereits in Miesmuscheln von der deutschen Nordseeküste als auch von der chinesischen Festlandküste nachgewiesen.

Auch Pazifische Austern von der französischen Atlantikküste enthielten die Kunststoffteilchen, wie sich bei Proben zeigte. Und eine Feldstudie zum Kaisergranat vor der Küste Schottlands ergaben bei 83 Prozent der 120 untersuchten Tiere Plastikfasern im Verdauungstrakt; Forscher schließen daraus, dass sich Mikroplastik in Hummer anreichern kann.  Insbesondere Schalentiere könnten im Hinblick auf Plastikrückstände auch für Menschen problematisch sein, da sie meist vollständig verzehrt werden. Es sei deshalb „Vorsicht geboten“, sagt Sandra Schöttner, Meeresexpertin bei Greenpeace.

Genaue Erkenntnisse, ob, auf welchem Weg und in welchem Umfang winzige Plastikpartikel in lebendes Körpergewebe übergehen, gibt es bislang allerdings nicht – so wie überhaupt das Wissen über die Auswirkungen von Mikroplastik unzureichend ist. Die Forschung zu diesem Thema stecke noch „in den Kinderschuhen“, sagt Sandra Schöttner – „erst recht, was die möglichen Folgen für Mensch und Umwelt angeht“.

Greenpeace hat in einer kürzlich veröffentlichten Publikation den aktuellen Forschungsstand zur Belastung von Fischen, Krusten- und Schalentieren mit Mikroplastik zusammengefasst; der neue Report stützt sich dabei auf Ergebnisse aus den jüngsten Feld- und Laborstudien. „Mikroplastik wirkt in der Umwelt wie ein Fremdkörper mit Giftfracht“, erklärt Sandra Schöttner: „Es enthält Schadstoffe, zum Beispiel Weichmacher und Flammschutzmittel.“ Zusätzlich sammelten sich auch Schadstoffe aus der Umwelt an den Partikeln. „Es droht die Gefahr, dass sich Mikroplastik in der Nahrungskette anreichert.“

Plastik ist nicht das einzige Gift

Nachgewiesen wurden die Kunststoffpartikel dort längst – und das nicht allein in Schalentieren, sondern auch in etlichen anderen Meeresbewohnern, die regelmäßig auf dem Speisezettel vieler Menschen stehen, Thunfisch, Kabeljau, Schwertfisch, Petersfisch und Makrele. Die winzigen Teilchen kommen auf unterschiedliche Weise in die Tiere: In Muscheln und Austern gelangen sie über das Wasser, aus dem die Nahrung gezogen und dann nicht weiter selektiert wird. Krabben und Fische nehmen Mikroplastik über den Mund auf – wobei Fische die Partikel entweder indirekt über bereits belastete Beutetiere fressen oder die Teilchen selbst für Beute halten. Laut einer aktuellen Studie wählen einige Arten die aus der Industrie kommenden Fremdkörper im Wasser sogar aktiv als Nahrung aus.

Neben dem Plastik fressen die Meeresbewohner gleich noch eine Menge an Schadstoffen mit. Dabei handelt es sich sowohl um giftige Substanzen, die während des Herstellungsprozesses beigemischt werden, als auch um Gifte, die das Mikroplastik aus der Umgebung adsorbiert und wieder abgibt. Zu den enthaltenen toxischen Substanzen zählen unter anderem Weichmacher, die leberschädigend wirken und den Hormonhaushalt verändern können, Flammschutzmittel, die Einfluss auf die Schilddrüsenfunktion und die neurologische Entwicklung nehmen können, oder Polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe, die teils als krebserregend gelten. Bei Fischen und Schalentieren würden die Plastikpartikel samt des Schadstoffgemischs Entzündungsreaktionen im Darmtrakt hervorrufen sowie die Nahrungsaufnahme oder das Fortpflanzungsverhalten beeinflussen, sagt Sandra Schöttner. Und für manche Tiere endet der Kontakt mit Mikroplastik auch tödlich: Sie verhungern mit vollem Magen, weil sie sich satt fühlen.

Eine große Frage aber bleiben vor allem die Folgen für die menschliche Gesundheit. Klar ist, dass beim Verzehr von belasteten Tieren immer auch Plastikpartikel mit aufgenommen werden. Wie groß diese Menge indes ist, ließ sich bislang nicht erheben. Tamara Galloway und Ceri Lewis von University of Exeter in Großbritannien haben in einer neuen Studie eine Reihe möglicher Risiken beschrieben. So könne es zu Wechselwirkungen zwischen den Partikeln und menschlichen Zellen oder auch Gewebe kommen. Nicht zu vernachlässigen sei außerdem, dass Mikroplastik durch seine Eigenschaft, Substanzen aufzusaugen und abzugeben, eine Quelle verschiedenster Giftstoffe sein könne.

Ein Bericht des Umweltprogramms der Vereinten Nationen kommt zu dem Schluss, das Mikroplastik in Fischen und Meeresfrüchten derzeit keine Gesundheitsgefahr darstelle, räumt aber eine „Restunsicherheit“ ein. Das Verständnis, wie toxisch die Partikel auf den menschlichen Körper wirkten, sei noch sehr lückenhaft. Gleichwohl hält der Bericht auch fest, dass Mikroplastik das Potenzial besitze, Krankheitserreger zu übertragen. Greenpeace weist in seinem Report außerdem darauf hin, dass Nanopartikel grundsätzlich in Zellen aufgenommen werden können. Die Umweltschutzorganisation fordert die Politik deshalb auf, „das Vorsorgeprinzip anzuwenden“, um das Risiko gering zu halten. So könnte als „erster einfacher Schritt“ Mikroplastik in Verbrauchsgütern verboten werden, die täglich ins Abwasser gelangen, also etwa in Kosmetikprodukten. In Großbritannien ist genau das bereits passiert.

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