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Ohne Wissen geht’s nicht, aber Wissen ist auch nicht alles.

Prüfungen

Placebo gegen Prüfungsangst

Studien zeigen, dass Erfolge bei Examen nicht nur vom Wissen abhängen. Forscher suchen nach Wegen, das Selbstvertrauen zu stärken. Auch eine Art-Placebo-Effekt kann helfen.

Von Nicola Menke

Wenn es um Prüfungen geht, reagieren Menschen äußerst verschieden. Die einen treten selbstbewusst in den Prüfungsraum, auch wenn sie den Lernstoff nur oberflächlich überflogen haben. Die anderen sind fürchterlich nervös, auch wenn sie tagelang gepaukt haben und alles perfekt sitzt. Tendenziell schneiden die Selbstbewussteren auch bei gleicher oder schlechterer Prüfungs-Vorbereitung besser ab als die Unsicheren. „Der Grund ist, dass sie entspannter an die Sache herangehen“, sagt der Psychologe Hans-Ulrich Dombrowski. Und dies habe in aller Regel mit einem höheren Selbstvertrauen zu tun.

Nach Meinung des Autors psychologischer Ratgeber spiele das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten bei Prüfungsleistungen und auch für den Arbeitserfolg eine zentrale Rolle. Auf der anderen Seite haben sogenannte Blackouts durch nervöse Anspannung und Angst auch bei bestem Wissen schon manche Prüfung versemmelt. Wenn das Panikkarussell im Kopf zu rasen anfängt, ist logisches Denken und Analysieren kaum noch möglich.

Der Grund ist ein hirnphysiologischer: Der Gefahrenradar unseres Gehirns – die Amygdala – schaltet in starken Angst- und Stresssituationen auf Bedrohungsabwehr um. Es kommt zu einer vermehrten Ausschüttung von Botenstoffen wie Adrenalin und einer Erhöhung von Blutdruck, Herzschlag und Muskelspannung. Und in zweiter Instanz, den evolutionär fest in unserem Gehirn verankerten Alarm-Reaktionen: Flucht, Angriff und Erstarren. Normalerweise passiert das bei einer existentiellen Bedrohung. Bei manchen Menschen ist die Angst vor Prüfungssituationen jedoch so groß, dass die Amygdala sie als eine solche bewertet und dementsprechend reagiert. Man hat sich selbst blockiert.

Einfach der Intuition folgen

Umgekehrt kann jemand, der an seine Fähigkeiten glaubt, auch mit relativ wenig Wissen erfolgreich sein. Ja, hier kann sogar eine Art Placebo-Effekt wirken. Diesen hat jetzt Ulrich Weger, Leiter des neuen Departments für Psychologie und Psychotherapie der Universität Witten-Herdecke, in einer Studie nachgewiesen. An seinem zum letzten Wintersemester ins Leben gerufenen Lehrstuhl wurden 40 Probanden einem Multiple-Choice-Test zu ihrem Allgemeinwissens unterzogen.

Die eine Hälfte musste sich dem Test ohne Hilfe stellen, die andere wurde speziell vorbereitet. Dabei spielte man ihr zunächst in einem Probedurchlauf die korrekten Antworten am Computer vor: erst langsam, dann immer schneller, bis die über den Bildschirm huschenden Lösungsworte irgendwann nicht mehr zu erkennen waren. „Wir erklärten den Testpersonen aber, dass sie sie trotzdem unterbewusst wahrnehmen könnten und dann einfach nur ihrer Intuition zur richtigen Lösung folgen sollten“, schildert Ulrich Weger.

So sollten sie das Gefühl bekommen, das für die Prüfung nötige Wissen zu haben. Tatsächlich zeigte man ihnen in der eigentlichen Testphase aber keine richtigen Antworten mehr, sondern völlig willkürliche Buchstabenfolgen. Trotzdem schnitten sie mit durchschnittlich 9,9 korrekten Antworten besser als die unvorbereitete Vergleichsgruppe ab, die nur 8,4 lieferte.

Weger erklärt dies als Folge eines psychologischen Placebo-Effekts: „Indem wir sie glauben ließen, sie hätten die Lösungen gesehen, erreichten wir, dass sie stärker auf die eigene Leistungsfähigkeit vertrauten.“ Sie hätten Versagensängste zurückstellen und das vorhandene Wissen unbeeinträchtigter abrufen können, als die anderen Probanden.

Ein solch „mentales Placebo“ kann man sich natürlich schwer selbst verabreichen – schließlich beruht die Wirksamkeit eines Placebos darauf, dass man nicht weiß, dass es eines ist. Weger und seine Kollegen wollen deshalb, ausgehend von ihren bisher gewonnenen Erkenntnissen, nach weiteren Ansätzen suchen, die es Menschen ermöglichen, ihre noch ungenützten geistigen Reserven zu mobilisieren. Es geht um Strategien ohne (Placebo-)Manipulation, um das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten zu verbessern.

Die ersten Jahre entscheiden

Jemand, der bei jeder Prüfung in einen Strudel von Angst und Selbstzweifeln gerät, tut gut daran, zunächst einmal sein Selbstbild kritisch zu hinterfragen. „Man sollte sich überlegen, warum man so wenig auf sich baut und so große Angst hat, zu versagen“, betont der Psychologe Hans-Ulrich Dombrowski.

Bei manchen spielten konkrete negative Vorerfahrungen, wie der Blackout in einer Abfrage oder eine verpatzte Prüfung, eine Rolle. Bei anderen seien es tiefsitzende emotionale Muster, die oft schon aus der Kindheit herrühren: „Das Selbstbild und damit auch Selbstvertrauen und Selbstwertgefühl entwickeln sich in Interaktion mit dem Umfeld. Besonders entscheidend ist der Input, den man in den ersten drei Lebensjahren bekommt“, sagt Dombrowski.

Ist er negativ, wirkt sich das auch dementsprechend aus: So entwickelt jemand, der in dieser Lebensphase zu wenig beachtet oder nie gelobt wurde, oft eine „chronische“ Misserfolgserwartung und Angst vor Ablehnung. Und wo es für Fehler rigorose Sanktionen wie Liebesentzug und für Erfolge Zuwendung und Anerkennung gab, entstehen oft schwerwiegende Versagensängste oder der Wunsch, immer alles perfekt machen zu wollen. Wenn man weiß, wo das Problem liegt, kann man daran arbeiten, wobei es dazu oft der Hilfe eines Psychotherapeuten bedarf.

„Er kann dem Betroffenen dabei helfen, die alten Denkmuster aufzubrechen und abzulegen und das Vertrauen in sich selbst und seine Fähigkeiten systematisch aufzubauen“, erklärt Dombrowski. Außerdem sollten Entlastungsstrategien für die Stresssituation Prüfung selbst gefunden werde. Das können Entspannungstechniken wie Autogenes Training oder besonders hilfreiche Regeln sein, etwa das Beginnen mit der einfachsten Aufgabe. So kann man sich Stück für Stück von nagenden Selbstzweifeln und lähmenden Blockaden lösen und seine wahren geistigen Kapazitäten mehr und mehr ausschöpfen.

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