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Wie läuft’s bei den Schülerinnen und Schülern? Die PISA-Studie wird in Berlin vorgestellt.

Gastbeitrag

PISA-Studie: Es hätte wohl noch schlimmer kommen können

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Am 3. Dezember werden die Ergebnisse der PISA-Studie 2018 vorgestellt. Überraschungen sind bei den Ergebnissen wohl kaum zu erwarten.

Am 3. Dezember werden in Berlin die Ergebnisse von PISA 2018 vorgestellt. PISA gibt es alle drei Jahre und es ist die mittlerweile siebte PISA-Studie, an der sich Schulen in Deutschland beteiligt haben. Schwerpunktthema werden diesmal wieder die Lesekompetenzen unserer 15-Jährigen sein. Besondere Überraschungen sind nicht zu erwarten. Allenfalls darf man auf die Aussagen zur digitalen Lesekompetenz der Jugendlichen gespannt sein – ein Thema, das im Nachgang zur sogenannten Stavanger Erklärung zur Zukunft des Lesens in den Feuilletons bereits intensiv diskutiert wurde.

Ansonsten werden Bildungsforscher und -politiker wieder die (zu große) Anzahl der schwachen Leser problematisieren und die (zu großen) Disparitäten der Lesekompetenzen. Wieder wird es nämlich so sein, dass familiäre Risikolagen mit den Leseleistungen der Jugendlichen zusammenhängen. Weil für die gut 6000 PISA-Testlinge keine auf die 16 Bundesländer bezogenen Auswertungen möglich sind und auch keine separaten Auswertungen für die (sehr wenigen) Geflüchteten, die in der PISA-Stichprobe enthalten sind, wird sich die politische Aufregung allerdings in Grenzen halten.

PISA-Studie: Sprachliche Defizite bei vielen Kindern

Wieder wird man hören, dass alles noch viel schlimmer hätte kommen können, wenn wir nicht seit etlichen Jahren so intensiv in die Leseforschung investiert hätten. Und wenn es nicht mittlerweile eine Reihe nachweislich wirksamer Leseförderprogramme gäbe, die ihren Weg in den Unterricht gefunden haben. Es stimmt ja auch. Wenn bei einer stetig zunehmenden Heterogenität der Schülerschaft und angesichts weiterer Herausforderungen auch nur annähernd ein Status quo gehalten werden kann, ist das keine schlechte Leistung.

Nicht schlecht ist aber nicht gut genug! Die Leseförderung in den Schulen muss noch mehr als bislang durch eine bereits im Vorschulalter beginnende Sprachförderung sowie durch eine Förderung der Vorläuferfertigkeiten des Schriftspracherwerbs begleitet und unterfüttert werden. Sonst stehen die schwachen Leser von PISA 2030 – dann werden die derzeit Dreijährigen getestet – bereits fest.

PISA-Studie in Zukunft: es zeichnet sich eine größere Gruppe Leseschwacher ab

So wie sich für die heute Dreizehn-, Zehn- und Siebenjährigen – die nach der PISA-Logik 2021, 2024 und 2027 mit der Überprüfung ihrer Lesekompetenzen an der Reihe wären – wiederum eine größere Gruppe Leseschwacher abzeichnet. Das sind nämlich diejenigen Kinder, die ihre Schuleingangsuntersuchungen schon hinter sich haben und dort durch sprachliche Defizite auffällig geworden sind.

„Wo geht’s hier nach ALDI?“ „Zu ALDI!“ „Wie? ALDI schon zu?“. Der gesprochene Sprachwitz illustriert die sprachlichen Defizite vieler Kinder: Fehlerhaft verwendete Präpositionen und fehlende Satzglieder. Hinzu kommen Fehler bei der Pluralbildung und bei der Verwendung von Artikeln. So zeigen es Schuleingangsuntersuchungen, die eine halbwegs differenzierte Erfassung des mündlichen Sprachgebrauchs zulassen.

Schuleingangsuntersuchung zeigt: Mehr als ein Drittel ist sprachlich auffällig

Je nach Kommune sind mehr als ein Drittel der schulärztlich untersuchten Fünf- bis Sechsjährigen in der Schuleingangsuntersuchung sprachlich auffällig. Und es sind nicht nur die Kinder aus den zugewanderten Familien. In einer hessischen Großstadt weisen 2018 immerhin 20 Prozent der Kinder ohne Zuwanderungsgeschichte Defizite beim Satzbau und bei der Verwendung von Präpositionen auf, noch etwas höher ist der Prozentsatz bei der korrekten Verwendung der Artikel. Bei Kindern mit Migrationshintergrund sind es zwischen 50 und 70 Prozent.

PISA-Studie: Viele Antworten werfen neue Fragen auf

Sprachliche Defizite beeinträchtigen den Schriftspracherwerb. Lesen lernt leichter, wer über einen umfangreichen Wortschatz in der gesprochenen Sprache verfügt und mit Morphologie und Syntax der Sprache vertraut ist. Der Rest der Geschichte ist rasch erzählt. Aufgrund der sprachlichen Defizite verläuft der Schriftspracherwerb in der Grundschule holpriger. Weil die basalen Leseprozesse nur mühsam vorangehen und weil die Kinder unflüssig lesen, macht ihnen das Lesen keinen Spaß. Wem Lesen Mühe bereitet, wird nicht gern und nicht zum Vergnügen lesen. Lesesituationen werden – innerhalb und außerhalb der Schule – gemieden.

Wo aber die Viellesephase am Ende der Kindheit fehlt, bleiben wichtige Lernerfahrungen aus. So entwickelt sich ein ungünstiges Selbstkonzept der eigenen Lesefähigkeit. Das unterminiert die Anstrengungsbereitschaft und beeinträchtigt die Kompetenzentwicklung. Die unzureichenden Lesekompetenzen vieler 15-Jähriger sind nur der Endpunkt eines früh gescheiterten Anfangs. Natürlich ist es auch bei den Sechsjährigen noch nicht zu spät für eine intensive sprachliche Förderung. Noch größere Wirkungen erzielen Fördermaßnahmen, die bei den Drei- bis Fünfjährigen ansetzen.

Wie sollte eine optimale vorschulische Sprachförderung aussehen?

Viel zu wenig wissen wir allerdings über die optimale Ausgestaltung und über Gelingensbedingungen einer strukturierten vorschulischen Sprachförderung, die über eine alltagsintegrierte Förderung in den Spielgruppen hinausgeht. Hier besteht Handlungsbedarf auf mehreren Aktionsfeldern. Beispielhaft – und zur Ausweitung dringend empfohlen – sei in diesem Zusammenhang auf die Aktivitäten der Initiative von Bund und Ländern „Bildung durch Sprache und Schrift“ (BiSS) verwiesen.

Dort werden erprobte Materialien und griffige Handreichungen zu nachweislich wirksamen Fördermaßnahmen angeboten und Fortbildungsbausteine bereitgestellt. Für eine umfassende und systematische vorschulische Sprachförderung für Kinder mit sprachlichen Defiziten werden wir zusätzliche qualifizierte Kräfte im Elementarbereich benötigen.

PISA-Studie: Mangelnde Bildung kommt teuer zu stehen

Wer nur auf Leseförderung im Schulalter setzt, springt zu kurz. Sie erreicht vor allem diejenigen, die bereits halbwegs gut lesen können. Was ebenfalls nottut, ist der Einbezug der Familien, denn dort wird das Fundament gelegt, auf dem alles Weitere aufbaut. Die Deutschkenntnisse und der Sprachgebrauch der Hauptbezugspersonen – also in der Regel der Eltern – hängen eng mit der Entwicklung der kindlichen Sprachkompetenzen zusammen. Dies gilt nicht nur für die Zuwanderungsfamilien.

Wie man die Eltern durch Anreize oder durch gelinde Schubser (Nudges) dazu bewegen kann, mehr Verantwortung für die Sprachentwicklung ihrer Kinder zu übernehmen, ist eine der großen Herausforderungen unserer Tage. Aufklärung und gezielte Hilfsangebote gehören dazu. Aber auch, dass Anforderungen und Erwartungen klar formuliert werden.

PISA-Studie: Kinder, die nicht gut Deutsch können, bekommen Probleme beim Erwerb der Schriftsprache

Im Sommer hatte ein Unionspolitiker einen Shitstorm ausgelöst, weil er eine Vorschulpflicht für alle gefordert hatte, die schlecht deutsch sprechen. Natürlich kann man Kinder, die nicht gut Deutsch können, nicht einfach von der Einschulung zurückstellen. Richtig ist aber auch, dass diese Kinder erhebliche Probleme beim Erwerb der Schriftsprache bekommen werden.

Wo sich die sprachlichen Defizite nicht vor Schulbeginn beheben lassen, wird man im Primarbereich zusätzliches und qualifiziertes Personal benötigen. Auch dies wird eine Menge Geld kosten. Aber die unzureichenden Lesekompetenzen unserer 15-Jährigen kommen uns noch teurer zu stehen.

Andreas Gold ist Professor für Pädagogische Psychologie an der Goethe-Universität Frankfurt.

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