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Dieses Bild schickte die "Chang?e 4"-Sonde am 3.Januar 2019 vom Mond zur Erde.

Mondsonde Chang?e-4

Pioniere auf der dunklen Seite

Der Volksrepublik China gelingt es als erster Weltraumnation, eine Sonde weich auf der Rückseite des Mondes landen zu lassen. Ein Beweis für Chinas technologische Sprünge der vergangenen Jahre.

Um 10.26 Uhr vormittags chinesischer Zeit ist es soweit. Auf einer virtuellen Simulation ist am Donnerstagmorgen im chinesischen Staatsfernsehen zu sehen, wie die Mondsonde Chang’e-4 landet. Rund eine Stunde später zeigt der Sender die ersten Bilder von der Mondoberfläche. Zu sehen ist ein kleiner Krater und ein schroffer Sandboden.

Mondlandungen hat es schon eine Reihe gegeben. China ist aber die erste Nation, die mit einer Sonde auf der von der Erde abgewandten Seite des Mondes gelandet ist. „Alles lief wie geplant“, sagt Sun Zehzhou, Chefentwickler der chinesischen Weltraumbehörde CNSA im Staatsfernsehen. Die Landung sei stabil verlaufen, die Funkverbindung habe geklappt, die ersten Ergebnisse seien präzise. „Wir sind am Ziel.“

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Landeplatz war der Aitken-Krater, in der Nähe des Südpols vom Mond. Der Krater ist 1970 nach dem amerikanischen Astronomen Robert Grant Aitken benannt worden. Diesen Ort hat die Sonde offenbar genau getroffen. Ein Roboterfahrzeug, das mit Panoramakamera und zahlreichen Messgeräten ausgestattet ist, wird in den nächsten Wochen den Boden untersuchen und die Ergebnisse per Funk zur Erde schicken. Chang’e-4 soll damit „wichtige Erkenntnisse zum Ursprung der Sterne und der Evolution von Nebeln liefern“, wird der Sprecher der Mission, Yu Guobin, von Chinas amtlichen Nachrichtenagentur Xinhua zitiert.

Die Messgeräte sind aus speziellen Materialien entwickelt. Denn sie müssen unter sehr harten Bedingungen funktionieren. Eine Mondnacht entspricht 14 Tagen auf der Erde. In dieser Zeit sinken die Temperaturen auf bis zu minus 200 Grad Celsius. Am Mondtag, der ebenfalls 14 Tage dauert, wird es bis zu 127 Grad heiß. Die Instrumente wie auch die Sonde selbst müssen diesen extremen Schwankungen standhalten. Die Sonde ist nach Chang’e benannt, der chinesischen Göttin des Mondes.

Eine Trägerrakete des Typs Langer Marsch war am 8. Dezember vom Weltraumbahnhof Xichang im Südwesten Chinas mit der „Chang’e 4“ an Bord in Richtung des Erdtrabanten gestartet. Was eine Landung auf der „dunklen Seite des Mondes“ so besonders macht: Sie ist von der Erde aus nicht zu sehen und weitgehend unerforscht. Eine Landung galt technisch bislang als äußerst schwierig. Die chinesischen Raumfahrtingenieure mussten zunächst für den nötigen Kommunikationsweg sorgen. China hat zu diesem Zweck im vergangenen Mai den Übertragungssatelliten Queqiao in die Umlaufbahn des Mondes gebracht.

Noch ein Faktor macht die Landung auf der erdabgewandten Seite des Mondes schwierig. Als 1969 Neil Armstrong mit der Apollo 11 als erster Mensch auf dem Mond landete, klappte die Operation nicht wie geplant. Die Kapsel verfehlte das eigentlich anvisierte Ziel, sodass Armstrong per Handsteuerung auf eine der zahlreich vorhandenen ebenen Stelle ausweichen musste.

Die sind auf der von der Erde abgewandten Seite des Mondes jedoch kaum vorhanden. Denn auf der Oberfläche dort sind mehr Meteoriten eingeschlagen als auf der Seite, die der Erde zugewandt ist. Es gibt jede Menge Krater, die Oberfläche ist bergig und sehr viel schroffer als die Vorderseite. „Der gesamte Prozess ist ziemlich kompliziert, und es wird viele Risiken geben“, wurde Yu Guobin, ein Sprecher des Raumfahrtprogramms, noch kurz vor der Landung der Sonde im Staatsfernsehen zitiert. Experten preisen die gelungene Landung nun denn auch als technische Meisterleistung der Chinesen.

China hat sich und der Welt ein weiteres Mal bewiesen, was es innerhalb kurzer Zeit imstande ist zu leisten. Auf zahlreichen Technik-Feldern hat es das Land dank massiver staatlicher Hilfe bereits an die Weltspitze geschafft: Bei Hochgeschwindigkeitszügen etwa, beim Bau von Superrechnern, in der Pharmazie und bei der Entwicklung der Elektromobilität – China spielt in diesen Bereichen in der Weltliga mit und hat zum Teil die einstigen Vorbilder aus dem Westen sogar übertroffen. Auch im All verfolgt China ehrgeizige Ziele. Dabei konnte die Raumfahrttechnik der Volksrepublik vor wenigen Jahren noch nicht einmal mit dem der EU mithalten. Jahrzehnte nach den USA und Russland war China mit „Chang’e 3“ erst 2013 erstmals die Landung einer Sonde auf dem Mond gelungen. Nach einer Pause von 37 Jahren gab es auf der Oberfläche des Mondes wieder eine weiche Landung.

Und auch die bemannte Raumfahrt ist in China noch jung. Doch inzwischen hat China kräftig aufgeholt: Die Landung einer Sonde auf der Rückseite des Mondes ist eine echte Premiere. Und dabei soll es nicht bleiben: Auf die Chang’e 4-Mission folgt noch in diesem Jahr die Mission „Chang’e 5“. Diese Sonde soll Mondgestein zur Erde bringen. Bis spätestens 2030 will die chinesische Führung, dass auch erstmals Taikonauten – so heißen Astronauten in China – auf dem Mond landen. Geplant sind zudem Flüge zum Mars.

Wolfgang Hillebrandt, renommierter Forscher vom Max-Planck-Institut für Astrophysik in Garching, hält derartige Missionen für wissenschaftlich fragwürdig. „Bei solchen Missionen geht es einzig und allein um eine politische Prestigeangelegenheit, da wird viel Geld verbrannt – und das unter der Etikette von Forschung und Wissenschaft.“ Bei vielen der geplanten Experimente gehe es vor allem darum, Material, Versorgung und menschliche Gesundheit unter Weltraumbedingungen zu testen. „Wenn wir also mal zum Mars fliegen sollten, wissen wir, was uns da erwartet.“ So würde etwa der Eindruck erweckt, dass menschliches Leben auf dem Mars möglich sei. „Das ist Unsinn – genauso gut können wir einen Schutzanzug entwickeln und uns in einen brennenden Hochofen setzen – das ist genauso lebensfeindlich, aber das ist billiger.“

2018 hat China bereits mehr Raketen in den Orbit geschickt als jedes andere Land. Die Last, die neue Raketen-Generationen ins All tragen können, ist dabei stetig gestiegen. Bereits 2021 will die chinesische Führung eine wiederverwertbare Trägerrakete entwickelt haben, die mehr Fracht transportieren kann als die Nasa und das private Raumfahrtunternehmen SpaceX.

Und ebenfalls innerhalb der kommenden drei Jahre will China eine bemannte Raumfahrtstation nach Art der ISS oder ihres russischen Vorläufers „Mir“ im Orbit kreisen lassen.

Die Chinesen könnten dann einen regelmäßigen Verkehr von Astronauten und Fracht aufrechterhalten. Bis dahin geht zugleich das internationale Kooperationsprojekt der ISS außer Betrieb. China übernimmt damit die alleinige Verantwortung dafür, einen Außenposten der Menschheit im All zu betreiben.

China hat Europa in der Raumfahrtforschung bereits eingeholt. Denn anders als die Europäer verfügen die Chinesen über ein eigenständiges bemanntes Weltraumprogramm. Es gilt unter Experten nur noch als Frage der Zeit, bis die aufstrebende Techniknation in Fernost vollständig mit den USA und Russland gleichzieht.

Vor allem aber sind mit der Raumfahrtforschung immer auch militärische Ambitionen verknüpft. Chinesische Militärexperten verweisen gerne darauf, dass künftige Kriege im All gewonnen werden. Denn wer imstande ist, Raketen zielsicher ins All zu schießen, kann auch jedes Ziel auf der Erde treffen.

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