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Rudolf Steiner gründete 1912/13 im schweizerischen Dornach die Anthroposophische Gesellschaft.

Buchauszug

Pionier der Pädagogik

Vor 100 Jahren wurde in Stuttgart die erste Waldorfschule gegründet. Heute folgen weltweit mehr als tausend Schulen der Anthroposophie Rudolf Steiners. Die „Geschichte der Waldorfpädagogik“ zeichnet Volker Frielingsdorf in seinem Buch nach. Ein Auszug.

Wenn man bedenkt, dass der eigentliche Impuls für die Gründung einer Schule im Rahmen der „Waldorf-Astoria“ (Zigarettenfabrik in Stuttgart, Anm. d. Red.) erst Ende April 1919 erfolgte, muss man im Nachhinein darüber staunen, wie es möglich war, dass damals in gerade einmal viereinhalb Monaten die Waldorfschule samt einer neuen Pädagogik aus der Taufe gehoben werden konnte. Dass dies alles so schnell ging, lag natürlich insbesondere an den begünstigenden Zeitumständen und an der großen Veränderungsbereitschaft, die eine revolutionäre Umbruchsphase mit sich bringt.

Es lag aber auch an der Entschiedenheit und an der Tatkraft, mit der Emil Molt und Rudolf Steiner das einmal begonnene Vorhaben angegangen waren und vorantrieben – und es lag schließlich daran, dass die beiden Protagonisten genügend Menschen fanden, die sich von der neuen Idee begeistern ließen und die bereit waren, sich für die neue Schule einzusetzen. Denn nach den Gründungsfeierlichkeiten vom 7. September 1919 musste die Schule fortan vor allem von der neuen Lehrerschaft und von den Eltern getragen werden, da Steiner gleich danach in Dornach gebraucht wurde, wo viele Arbeiten liegen geblieben waren. Und Molt hatte ohnehin genügend Aufgaben, denen er sich als Fabrikdirektor nun wieder intensiver zuwenden musste. Die eigentliche Bewährungsprobe stand der Waldorfschule also jetzt bevor. Die vielen Anregungen und Leitlinien, die die Lehrer in ihrem pädagogischen Kurs der Vorwochen erhalten hatten, waren zwar wertvolle Orientierungspunkte, aber den Praxistest musste das von Steiner geschaffene Konzept nun bestehen.

Volker Frielingsdorf: Geschichte der Waldorfpädagogik, Beltz, 2019, 480 Seiten, 29,95 Euro.

Der eigentliche Schulbeginn war eine Woche nach der Eröffnungsfeier, da die Schulmöbel noch geliefert werden mussten. Insgesamt waren es nun 256 Schüler, von denen drei Viertel aus Familien der „Waldorf-Astoria“ stammten. Nur 65 Kinder waren extern, vorwiegend aus anthroposophischen Elternhäusern, dazu gekommen. Die Schule reichte in ihrem ersten Jahr von der 1. bis zur 8. Klasse, die von anfangs insgesamt nur zwölf Lehrern unterrichtet wurden. Durch Zugänge stieg die Zahl der Schüler bis zum Schuljahrsende bereits auf 280, die der Lehrer auf 16.

Nach den Sommerferien 1920 begann der Unterrichtsbetrieb bereits mit 420 Schülern und nunmehr 23 Lehrern, die in inzwischen elf Klassen unterrichteten. Es waren also drei Klassen dazu gekommen: die 9. Klassen und zwei Parallelklassen in der 1. und 6. Klasse. Das Wachstum der Waldorfschule setzte sich auch in den Folgejahren ungebremst fort. So waren es 1922 bereits 640 Schüler in 20 Klassen, die von 38 Lehrern unterrichtet wurden. Auch die Hyperinflationszeit des Jahres 1923 stoppte den weiteren Ausbau der Schule nicht, und 1924 war die Schülerzahl bereits auf 784 gestiegen, die der Klassen auf 24, während das Kollegium nun schon 52 Lehrkräfte zählte. Dieses bemerkenswerte Wachstum dokumentiert zunächst einmal äußerlich den Erfolg der jungen Schule. Bereits nach einem Jahr konnte Emil Molt mit einigem Stolz schreiben, dass die Waldorfschule „die auf sie gestellten Erwartungen nicht nur erfüllt, sondern sie bei weitem übertroffen hat“, ja: „Es hätten gar schon einige Hundert Kinder mehr sein könne, wären nicht durch Platz- und Geldmangel weitere Aufnahmen von selbst unmöglich gemacht worden.“ Von allen Seiten und aus allen Bevölkerungsschichten und aus den verschiedensten Regionen Deutschlands und sogar aus dem Ausland gebe es Anmeldungen. Außerdem kämen fast täglich Briefe von Menschen, die sich für die Schule interessierten, insbesondere deshalb, weil sie als realisierte „Einheitsschule“ von sich reden mache.

In der Tat war es gerade ihr Gesamtschulcharakter, durch den die Waldorfschule vielen Menschen in den 1920er Jahren sympathisch wurde, dies umso mehr, als sie ihren Anspruch einer „Einheitlichen und Höheren Schule“ auch beim Aufbau der Oberstufe konsequent fortführte, sodass es im Schuljahr 1923/24 erstmals eine 12. Klasse gab, in der die Schüler, ohne dass es eine Begabtenauslese gegeben hätte, weiterhin gemeinsam unterrichtet wurden. Wie bemerkenswert dies in der damaligen Zeit war, zeigt eine Schulstatistik von 1922 aus dem „Volksstaat Württemberg“, der zufolge 94,5 Prozent aller Schüler die Volksschule besuchten, während nur 1,0 bzw. 1,1 Prozent auf ein Realgymnasium oder ein Gymnasium gingen und auch nur 3,4 Prozent auf einer Realschule waren. Ansonsten galt in Württemberg auch noch in den 1920er Jahren im Gegensatz zu vielen anderen deutschen Regionen nur eine siebenjährige Schulpflicht, sodass schon die achte Klasse der Waldorfschule einen Fortschritt gegenüber der Regelschulzeit bedeutete.

Ein Novum war die Waldorfschule auch insofern, als sie nicht konfessionell gebunden war. Dies traf in Württemberg damals auf lediglich fünf von insgesamt 2320 Volksschulen zu. Die konfessionelle Prägung bestimmte damals auch die Lehrerseminare, die den beiden großen Kirchen unterstanden. Insofern war der von Steiner mit dem Kultusministerium ausgehandelte Kompromiss etwas wegweisend Neues. Denn in der Waldorfschule gab es zwar einen von den beiden großen Konfessionen zu verantwortenden Religionsunterricht, aber alle anderen Lehrer waren lediglich genehmigungspflichtig, mussten also kein Seminar der Evangelischen Landeskirche absolviert haben.

Auch die in der Waldorfschule von Anfang an auch in der Oberstufe durchgeführte Koedukation war im Württemberg der Weimarer Republik in den Höheren Schulen alles andere als selbstverständlich. Bedenkt man, dass die Geschlechtertrennung in den westdeutschen Gymnasien noch lange nach dem Zweiten Weltkrieg der Normalfall geblieben ist, war die Stuttgarter Waldorfschule in diesem Punkt ebenfalls fortschrittlich und musste sich hierin manche Kritik von kirchlicher Seite gefallen lassen, wohingegen sie andererseits mit der Koedukation eine weitere zentrale Forderung der sozialistischen Schulreform in praxi realisierte.

Mit der Verwirklichung einer einheitlichen Gesamtschule für alle Schüler bis zur 12. Klasse und mit der Aufhebung der Konfessionsgebundenheit entsprach die Waldorfschule ganz den Vorstellungen der damaligen Sozialdemokraten und Sozialisten, zu deren Programm andererseits aber auch die Forderung nach einer Abschaffung der Privatschulen gehörte. Der Weimarer Schulkompromiss von 1920 hatte demgegenüber eine wenig befriedigende und nur halbherzig umgesetzte Bildungsreform erbracht. Zwar war fortan zumindest für die ersten vier Schuljahre eine gemeinsame Grundschule festgelegt, aber die Vertreter der Kirchen und der Zentrumspartei hatten dafür die faktische Beibehaltung der Konfessionalität der Volksschule durchgesetzt und den konservativen Bildungspolitikern war es gelungen, dass das dreigliedrige Schulwesen ab der 5. Klasse unangetastet blieb. Die Waldorfschule war indessen bei ihrer Gründung bahnbrechend, indem sie auf einen Schlag zentrale Forderungen der Arbeiterbewegung konsequent umgesetzt hat. Dagegen stieß die Kompromissformel des Weimarer Schulgesetzes bei allen reformorientierten Lehrern auf einhellige Ablehnung. Paul Oestreich (1878 – 1959), der Vorsitzende des im September 1919 gegründeten „Bundes Entschiedener Schulreformer“, bezeichnete sie sogar als „inneres Versailles“.

Der besonders 1919/20 mit heute kaum mehr vorstellbarer Härte und Erbitterung geführte „Kampf um die Schule“ hatte zu einer emotional ungemein aufgeladenen Debatte geführt, auch und gerade, weil der schließlich mühsam gefundene Kompromiss letztlich keine Seite zufriedenstellte. Dagegen war das Vorbild der Waldorfschule in sich konsistent und folgerichtig. Es sprach daher auch nicht nur die Arbeiterschaft an, sondern ebenso bildungsnahe Bevölkerungsgruppen, die für die Zukunft der Waldorfschulbewegung zunehmend wichtig wurden.

Bereits im zweiten Jahr der Waldorfschule gab es etwa gleich viele externe Schüler wie aus der Belegschaft der Fabrik, „und in jedem kommenden Jahr wurde die Übermacht der nicht aus der Waldorf-Astoria stammenden Kinder größer“ . Hieraus resultierten verschiedene Schwierigkeiten: Zum einen musste überlegt werden, wie das Schulgeld für die externen Kinder zu bemessen war, zum anderen war die Rolle Molts und seines Verhältnisses zur Schule und zum Kollegium zu klären.

Was das Schulgeld anbetrifft, zahlte die Firma für die Kinder von Werksangehörigen und sogar von näheren Verwandten der Fabrikmitarbeiter. Die Eltern der anderen Kinder mussten nach einem bestimmten Richtsatz Schulgeld bezahlen oder gemäß einer Selbsteinschätzung. Außerdem hatten zahlreiche Gönner Patenschaften für bestimmte Schüler übernommen, um ihnen den Besuch der Waldorfschule zu ermöglichen.

Dadurch erhöhten sich zwar die Einnahmen des Betriebs der Schule, aber rechtlich und wirtschaftlich war und blieb sie ein Teil der Waldorf-Astoria-Zigarettenfabrik und insofern auch von deren Wohlwollen abhängig. Nun hatte der Aufsichtsrat der Firma, die ja eine Aktiengesellschaft war, nolens volens der Gründung der Schule zugestimmt und damit den Alleingang Molts im Nachhinein akzeptiert. Dennoch war Steiner im September 1920 der Auffassung, dass der Firma „die ganze Schule ein Greuel ist“ und dass es alleine Molt zu verdanken sei, mit großer Mühe „diesen Greuel zu überwinden“.

Volker Frielingsdorf ist Professor für Waldorfpädagogik und ihre Geschichte an der Alanus Hochschule für Kunst und Gesellschaft.

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