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Teile des OP-Bestecks liegen einsatzbereit neben dem Operations-Tisch.
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Teile des OP-Bestecks liegen einsatzbereit neben dem Operations-Tisch.

Fachzeitung

Pflichtlektüre für Weißkittel

Das New England Journal of Medicine ist das wichtigste Fachmagazin für Ärzte. Was hier veröffentlicht wird, ist schon bald darauf klinische Praxis. Vor 200 begann es bescheiden. Ein Rückblick.

Von Sebastian Moll

Eines der ersten Dinge, die Doktor James Trotter seinen jungen Assistenzärzten verordnet, ist ein Zeitschriftenabonnement. Wer unter dem renommierten Onkologen am Baylor Medical Center in Houston etwas werden will, der kommt nicht daran vorbei, sorgfältig jede Ausgabe des New England Journal of Medicine (NEJM) zu studieren.

„Das New England Journal“, sagt Trotter, „ist die New York Times unseres Faches.“ Wer in der Medizin auf dem Stand der Forschung bleiben wolle, der müsse das Journal lesen. Egal um welches Gebiet es sich handele: „Wenn es im Journal steht, dann ist es in spätestens drei Jahren klinische Praxis“, sagt der Direktor der Abteilung für Lebertransplantationen am Baylor.

Zuerst steht es im NEJM

Deshalb ist das New England Journal of Medicine nicht nur in Texas Pflichtlektüre. 600.000 Mediziner in 177 Ländern lesen jede Woche das Heft. Die Fachzeitschrift aus Boston, die in diesem Jahr 200 Jahre alt wird, ist weltweit der Goldstandard für medizinische Forschungsliteratur. Aus keiner anderen wissenschaftlichen Publikation wird häufiger zitiert. Eine Veröffentlichung im New England Journal ist wie ein Ritterschlag.

Fast immer, wenn es einen Durchbruch in der medizinischen Forschung gibt, dann wird dort darüber zuerst berichtet. So war in dem Journal 1846 über den ersten Einsatz von Äther aus Narkosemittel vor einer Operation zu lesen. 1948 wurde die erste erfolgreiche Behandlung von Kinderleukämie gemeldet. 1957 beschrieb E. Donnall Thomas die erste erfolgreiche Knochenmarktransplantation. Im Dezember 1981 wurden im NEJM erstmals detailliert vier Fälle von HIV beschrieben. Und im Dezember 2007 berichtete ein Artikel von der ersten erfolgreichen Gesichtstransplantation.

Bis das Journal seine heutige Bedeutung für die Forschung erlangte, hat es allerdings lange gedauert. Beinahe 140 Jahre war das New England Journal nach seiner Gründung zwar für die Medizin in den USA wichtig, für den Stand der Forschung weltweit jedoch alles andere als tonangebend. Erst als die medizinische Forschung in den USA eine globale Führungsrolle übernahm, wurde auch das Journal an den Fakultäten und Laboren der ganzen Welt wahrgenommen.

Als im Jahr 1812 der Bostoner Arzt John Collins Warren das Journal ins Leben rief, war die medizinische Profession auf dieser Seite des Atlantiks praktisch nicht existent. Die wenigen Universitäten, die es gab, waren aus Priesterseminaren hervorgegangen, die Ausrichtung war vorwiegend humanistisch.

Naturwissenschaft wurde in der Hauptsache in privaten Gelehrtenzirkeln betrieben. Erst 1847 wurde die American Medical Association gegründet, die dann eine formalisierte Medizinerausbildung einführte.

Die Hauptfunktion des New England Journal war es deshalb lange Zeit, die Praktiker in Amerika über die Entwicklungen auf dem Laufenden zu halten, die an den Hochschulen in London, Paris und Berlin passierten. So waren im Jahr 1821 auf 150 Seiten Ausführungen über den Gebrauch des Stethoskops nachzulesen, das fünf Jahre zuvor in Frankreich entwickelt worden war. Ohne große zeitliche Verzögerung berichtete das Journal 1882 über die Entdeckung des Tuberkulose-Bakteriums durch Robert Koch. Und 1910 lernten amerikanische Ärzte aus dem Journal die Behandlung der Syphilis mit Salvarsan, die Paul Ehrlich erfolgreich entwickelt hatte.

Erst als nach dem Zweiten Weltkrieg die amerikanische Pharmaindustrie international dominant wurde und sich in der Folge der Schwerpunkt der medizinischen Forschung nach Amerika verlagerte, hatte das NEJM von Durchbrüchen im eigenen Land zu berichten. Die Stoßrichtung kehrte sich um – das Journal berichtete fortan aus US-Kliniken und Laboren in alle Welt.

Doch in jüngster Zeit wandelt sich die Situation wieder. Die Profession internationalisiert sich, und die Forschungsmittel in Amerika fließen lange nicht mehr so üppig wie einst. „Vor 15 Jahren“, berichtet der Lungenspezialist Jeffrey Drazen, Chefredakteur des Journals seit 2000, „kamen noch 70 Prozent unserer Beiträge aus den USA. Jetzt sind es weniger als die Hälfte.“

Mit der Globalisierung der medizinischen Forschung wächst natürlich auch der Konkurrenzdruck auf das New England Journal of Medicine. Das bekommen die Redakteure in ihrer täglichen Arbeit deutlich zu spüren. „Es wird immer schwieriger, die Balance zwischen der gründlichen wissenschaftlichen Überprüfung der Beiträge und dem Druck zu finden, schnell auf dem Markt zu sein“, sagt Drazen.

Gewöhnlich, erläutert Drazen, liegen mehrere Monate zwischen der Einsendung einer Studie und ihrer Veröffentlichung. Die vorausgewählten Artikel werden von Drazen an den jeweiligen Fachredakteur weitergegeben, der ihn wiederum von Experten aus der Forschung prüfen lässt. Wenn ein Beitrag diese Hürden überwunden hat, dann wird er noch einmal zur statistischen Prüfung der Datensätze herausgegeben.

Die Konkurrenz im Blick

Bisweilen muss dieser Prozess jedoch auf wenige Wochen verkürzt werden, so wie im vergangenen Jahr, als neue Erkenntnisse zum Grippevirus H1N1 an die Öffentlichkeit drängten und das Journal den Beitrag nicht an Mitbewerber aus Übersee verlieren wollte.

Bislang gelingt die Gratwanderung noch bestens. Die Reputation des altehrwürdigen Magazins ist einwandfrei. Einen unrühmlichen Vorfall gab es allerdings: Das NEJM war in den Skandal um das MSD-Präparat Vioxx verwickelt. Es hatte seinen Lesern die nachgewiesenen Bedenken gegen das Schmerzmittel vorenthalten.

Die Geschichte wurde als Ausrutscher verbucht. Der texanische Krebsspezialist James Trotter wird seine Assistenten auch weiterhin dazu anhalten, sorgfältig jede Ausgabe des Journals zu studieren: „Eine neue Erkenntnis“, sagt Trotter, „ist in dem Augenblick, in dem sie im NEJM publiziert wird, relevant und beachtenswert.“

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