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Für Bienen kann der Kontakt mit Pestiziden auf Blumen fatal sein.
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Für Bienen kann der Kontakt mit Pestiziden auf Blumen fatal sein.

Naturschutz

Pestizide in Naturschutzgebieten

  • Pamela Dörhöfer
    VonPamela Dörhöfer
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Forschende der Universität Koblenz-Landau weisen 47 verschiedene Pflanzenschutzmittel in Insekten in deutschen Fauna-Flora-Habitaten nach.

Auch in Naturschutzgebieten sind Bienen, Fliegen, Mücken, Käfer oder Schmetterlinge nicht vor dem Kontakt mit Pestiziden gefeit und können dadurch schweren Schaden nehmen oder sogar sterben: Forschende der Universität Koblenz Landau unter der Leitung des Umweltwissenschaftlers Carsten Brühl haben in Zusammenarbeit mit dem Entomologischen Verein Krefeld bei Insekten in 21 untersuchten deutschen Schutzgebieten insgesamt 47 verschiedene Pestizide nachgewiesen. Im Schnitt entdeckten die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler pro Gebiet 16 dieser auch als Pflanzenschutzmittel bezeichneten Chemikalien.

Vom Bund gefördert

Der Spitzenwert lag bei 27 verschiedenen Pestiziden in einem einzigen Areal. Darunter befanden Insektizide, die Insekten töten oder in niedrigen Konzentration schwächen, sowie Herbizide (Unkrautbekämpfungsmittel) und Fungizide (gegen Pilze und Sporen gerichtet), die entweder direkt oder indirekt negativen Einfluss auf die Tierchen nehmen.

Das Team der Uni Landau hatte mithilfe von sogenannten Malaisefallen Insekten gesammelt und diese auf eine Auswahl von 92 Wirkstoffen, die oft in Pestiziden enthalten sind, untersucht. Die Arbeit ist Teil des Forschungsprojekts Dina - „Diversity of Insects in Nature protected Areas“ –, das vom Bundesministerium für Bildung und Forschung gefördert wird. Die Studie wurde im Fachmagazin „Scientific Reports“ veröffentlicht.

Malaisefallen sind zeltartige Konstruktionen, die Insekten, die sich in ihrer Nähe aufhalten, erfassen und direkt vor Ort in Alkohol konservieren. Der in der Fangflasche enthaltene Alkohol ist zudem gleichzeitig ein Lösungsmittel für Chemikalien, die sich außen an den Insektenkörpern oder in ihrem Inneren befinden. Es handelt sich um eine standardisierte Fangmethode für Insekten, die auf den schwedischen Entomologen (Insektenkundler) René Malaise zurückgeht. Malaisefallen wurden auch bei den Forschungen des Entomologischen Vereins Krefeld eingesetzt, die den massiven Schwund bei der Biomasse und Artenvielfalt der Insekten belegt haben. Über den Zeitraum von 27 Jahren wurde dabei ein Rückgang der Gesamtmenge an Insekten um etwa 76 Prozent ermittelt. Die darauf basierende Publikation sorgte 2017 weltweit für Aufsehen und Erschrecken. Als Ursache für das Insektensterben gelten vor allem intensive Landwirtschaft, Flächenversiegelung und schwindender Lebensraum sowie der Einsatz von Pestiziden.

Das Ergebnis der aktuellen Untersuchung ist umso alarmierender, als es sich bei den ausgewählten Naturschutzgebieten um FFH-Gebiete handelt – um Flächen, die als Bestandteile des europäischen Schutzgebietssystems Natura 2000 nach der Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie ausgewiesen wurden und dem Schutz von Pflanzen, Tieren und Lebensraumtypen dienen sollen. „Höchst wertvolle Lebensräume“ also, wie der Entomologische Verein Krefeld in einer Mitteilung zur Studie schreibt. Orchideenreiche Kalkmagerrasen gehören ebenso dazu wie seltene Silikatmagerrasen.

Fehlende Pufferzonen

Wie können Pestizide in diese streng geschützten Gebiete gelangen? Eine Analyse von Gotthard Meinel vom Leibniz-Institut für ökologische Raumentwicklung liefert Anhaltspunkte dafür: So lägen die 21 für die Studie untersuchten Standorte inmitten einer Agrarlandschaft, wo konventionell mit Pestiziden gearbeitet würde – und das ohne jede Pufferzone an den Rändern oder sogar mit Äckern mitten im Schutzgebiet. Das sei „ein erster Hinweis auf das Umfeld, in dem eine ausreichende, seriöse Risikoanalyse vor Ort stattfinden und ein Risikomanagement mit geeigneten Maßnahmen“ stattfinden sollte“, heißt es in der Mitteilung des Entomologischen Vereins Krefeld.

Für die beiden Ko-Autoren der Studie, Thomas Hörren und Martin Sorg, wirft die aktuelle Veröffentlichung „eine Reihe von Fragen“ auf: vor dem Hintergrund, dass solche Daten erst jetzt aufgedeckt wurden, etwa die nach einer „ausreichend qualifizierten, interdisziplinären Naturschutzforschung“. „Noch viel mehr“ stelle sich zudem die Frage nach einer „vernünftigen, wissenschaftsbasierten Raum- und Landschaftsplanung“. Denn bis heute sei Ackerbau ohne Pestizide „sowohl innerhalb als auch am direkten Rand neben wertvollen Schutzgebieten eine Ausnahmeerscheinung“. Damit sich das ändere, bedürfe es „geeigneter, heute nicht ausreichend existierender Konzepte und Förderprogramme“ für eine angepasste Nutzung solcher Flächen durch die Landwirtschaft, erklären Hörren und Sorg. Außerdem sei eine „raumplanerische Neuausrichtung auf wissenschaftlicher Basis“ nötig. Die Übergänge von Schutzgebieten zu Agrarflächen müssten reformiert werden – weg von linearen Grenzen hin zu gestaffelten Schutz- und Pufferzonen.

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