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Brasilien, Brasília: Mitglieder der Armee in Schutzanzügen desinfizieren die Kathedrale Nossa Senhora Aparecida.
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In Brasilien liegt die Sterblichkeitsrate bei 3,1 Prozent.

Epidemie und Gesellschaft

Coronavirus: Hätte die Menschheit für die Corona-Pandemie besser gewappnet sein müssen?

  • Pamela Dörhöfer
    VonPamela Dörhöfer
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Einschränkungen von Wirtschaft und Gesellschaft gibt es nicht erst seit Corona. Im Buch „Pest und Corona“ erklären Historiker die Geschichte von Seuchen.

  • Die Corona-Pandemie ist nicht die erste Seuche, mit der es die Menschheit zu tun hat
  • Medizinhistoriker zeigen im Buch „Pest und Corona", wie Gesellschaften seit jeher mit Epidemien umgehen
  • Masken und Quarantäne sollten schon vor der Pest schützen

Wie sehr darf man die Wirtschaft belasten und das öffentliche Leben einschränken, um die Gesundheit aller zu schützen? Diese Diskussion gibt es nicht erst seit Corona. Bereits im 19. Jahrhundert, als in Europa die Cholera wütete, beschäftigte der Konflikt Wissenschaft und Politik.

Der erste deutsche Hygieneprofessor Max von Pettenkofer bezog 1873 klar Stellung: „Der freie Verkehr ist ein so großes Gut, daß wir es nicht entbehren könnten, selbst um den Preis nicht, daß wir von Cholera und noch vielen anderen Krankheiten verschont blieben.“

Mit vielem, was uns heute neu erscheint, sahen sich schon frühere Generationen aus weit zurückliegenden Jahrhunderten konfrontiert. Oft haben sie ganz ähnlich reagiert, in mancher Hinsicht aber auch völlig anders. Die Medizinhistoriker Heiner Fangerau und Alfons Labisch zeichnen in ihrem Buch „Pest und Corona. Pandemien in Geschichte, Gegenwart und Zukunft“ nach, wie Menschen einst und heute mit den Ausbrüchen gefährlicher Infektionskrankheiten umgegangen sind.

„Pest und Corona“: Hätte die Menschheit auf die Seuche besser gewappnet sein müssen?

Dabei beleuchten sie, welche Lebensumstände Seuchen und ihre Ausbreitung befördert haben – und es bis heute tun. Ein Buch, das auch das Geschehen der vergangenen Monate besser einordnen lässt. Das zudem Fragen aufwirft – wie jene, ob die Menschheit angesichts der Erfahrungen aus der Vergangenheit nicht besser hätte gewappnet sein müssen. „Wir betreiben bis heute eine rein reaktive Gefahrenabwehr. Historisch gesehen befinden wir uns damit auf dem Niveau der Handelsstädte und Territorialstaaten der frühen Neuzeit“, lautet ein ernüchterndes Fazit.

Eine Desinfektionskolonne während der Cholera-Epidemie in Hamburg 1892.

Seuchen sind Begleiter der Menschen, seit sie anfingen, sich niederzulassen. Dabei spielte auch das dichte Beisammensein von Mensch und Vieh eine wichtige Rolle. Denn Infektionskrankheiten gehen oft von Tieren aus, durchbrechen irgendwann die „Spezies-Barriere“ und springen auf den Menschen über. Heute sind laut Fangerau und Labisch 80 Prozent aller neu auftauchenden Infektionskrankheiten Zoonosen. Auch das Sars-Coronavirus-2 gehört dazu.

Buch „Pest und Corona“ beschreibt verheerende Seuchen der Geschichte

Eine der ersten bekannten Epidemien der Menschheitsgeschichte war die „Attische Seuche“, der zwischen 430 und 426 vor Christus vermutlich ein Drittel der Bevölkerung Athens zum Opfer fiel und die als eine der Hauptursachen für den Niedergang der klassischen griechischen Kultur gilt.

Wie die Autoren schreiben, ist der auslösende Erreger bis heute nicht bekannt. Von dieser frühen Epidemie bis heute gibt es viele Konstanten: Infektionskrankheiten greifen bevorzugt dort um sich, wo Menschen eng zusammen leben – im antiken Athen etwa geschah es, als die Stadt von den Spartanern belagert wurde. Ähnlich verheerend dürfte sich bei der Spanischen Grippe während des Ersten Weltkriegs die Situation in den Soldatenlagern ausgewirkt haben.

Spätestens seit der großen Pestepidemie der Jahre 1346 bis 1353 in Europa weiß man, dass Krankheitserreger sich über Handelswege ausbreiten, parallel zur fortschreitenden Entwicklung der Technik mit zunehmender Geschwindigkeit. Fangerau und Labisch rekonstruieren, wie die Pest von der asiatischen Steppe – wo der Erreger bis heute ein Reservoir hat – Richtung Europa vordrang und über den Handel im Schwarzen Meer und im Mittelmeer an die Häfen Italiens und Südfrankreichs gelangte.

„Von dort breitete sie sich mit einer Geschwindigkeit von zirka 30 Kilometern pro Tag in Europa aus, das ist ungefähr die Strecke, die ein Reisender zu der Zeit an einem Tag zurücklegen konnte.“ Die Cholera war im 19. Jahrhundert bereits wesentlich schneller unterwegs, sie hat ebenfalls weite Wege von Asien aus zurückgelegt, um „hochzivilisierte Weltstädte im Chaos versinken zu lassen“.

„Pest und Corona“: Die Art, wie Menschen auf solche Seuchen reagieren, hat sich kaum verändert

Auch in der Art, wie Menschen auf die Bedrohung reagieren, ist über die Jahrhunderte hinweg vieles gleich geblieben. Dazu zählt die Neigung, einen Schuldigen zu suchen: „Bei nahezu jeder Pandemie gab es Phänomene der Ausgrenzung, der Stigmatisierung und der Verdächtigung und Denunziation“, schreiben die Wissenschaftler in ihrem Buch „Pest und Corona“.

Ebenso haben Maßnahmen wie das Tragen von Masken oder das Verhängen von Quarantäne eine lange Tradition und sollten schon bei der Pest vor Ansteckung schützen. So durften im 14. Jahrhundert in Venedig Schiffe mit Kranken an Bord nicht in den Hafen einlaufen, sondern mussten 40 Tage warten; der Ausdruck Quarantäne rührt daher.

Pandemien treiben auch das Gesundheitswesen voran

Aber Pandemien waren auch Treiber des öffentlichen Gesundheitswesens: In den 1790er Jahren etwa entwickelte der englische Landarzt Edward Jenner die Schutzimpfung gegen die Pocken, bis dahin eine der gefährlichsten Infektionskrankheiten der Welt. Interessante Parallele zu heutigen Diskussionen: Schon damals gab es Impfkritiker.

Ende des 19. Jahrhunderts führten Infektionskrankheiten wie Cholera oder Typhus dazu, dass man die Bedeutung der Hygiene erkannte und auch den negativen Einfluss schlechter Lebensverhältnisse; eine staatliche Gesundheitsfürsorge bildete sich aus.

Heiner Fangerau, Alfons Labisch: Pest und Corona. Pandemien in Geschichte, Gegenwart und Zukunft. Herder, 192 S., 18 Euro.

Infektionskrankheiten stellten für den Einzelnen wie auch für die Gesellschaft stets auch einen „Störfall“ dar, schreiben Fangerau und Labisch. „Eine schwere Krankheit“, heißt es, „offenbart den Charakter eines Menschen, eine Epidemie offenbart den Charakter einer Gesellschaft“. Und in dieser Hinsicht scheint sich dann im Vergleich mit der Vergangenheit – auch der jüngeren – doch einiges gravierend geändert zu haben.

Corona unterscheidet sich zu anderen Pandemien der Geschichte

So sei noch Ende der 1950er Jahre „nicht viel Aufhebens“ gemacht worden um die schweren Influenza-Epidemien der Nachkriegszeit, schreiben Fangerau und Labisch. Eher sei der Umstand „skandalisiert“ worden, „dass Arbeitnehmer krankgeschrieben waren und damit die Wirtschaftsleistung gefährdet war“.

Was ist passiert in den dazwischen liegenden Jahrzehnten? „Heute ist die Gesellschaft entschlossen, vorzeitige Tode nicht mehr hinzunehmen und so viele Menschen wie möglich zu retten“, schreiben die Autoren. Das unterscheidet die Corona-Pandemie in Deutschland von vielen ihrer Vorgängerinnen: „Jedes Leben ist gleich viel wert.“ So zumindest das Ideal. (Von Pamela Dörhöfer)

Seuchen sind also nichts aus der Neuzeit. Sie haben schon immer Angst verbreitet.

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