Sicher ist sicher: Auch am Flughafen von Hongkong überprüfte im April 2009 das Sicherheitspersonal die Passagiere auf mögliche Infektionen.
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Sicher ist sicher: Auch am Flughafen von Hongkong überprüfte im April 2009 das Sicherheitspersonal die Passagiere auf mögliche Infektionen.

Neue Grippe

Panikmache oder Pandemie?

Der Erreger der Schweinegrippe wurde in seiner Gefährlichkeit erheblich überschätzt - die Suche nach möglichen Schuldigen ist in vollem Gange. Vor einem Jahr tauchte H1N1 - auf Restimpfstoff sitzen die Behörden heute noch. Von Anke Brodmerkel

Von Anke Brodmerkel

Das Unglück schien ausgerechnet in La Gloria seinen Lauf zu nehmen. In dem mexikanischen Dorf mit dem stolzen Namen infizierte sich Ende April des vergangenen Jahres ein fünfjähriger Junge mit einem bis dahin unbekannten Influenza-Virus. Edgar Hernandez sollte als erster Schweinegrippe-Patient in die Medizingeschichte eingehen. Jahrelang schon hatten Virologen davor gewarnt, dass die nächste Grippe-Pandemie überfällig sei. Nun schien sie da zu sein. Am 24. April 2009 ließ die mexikanische Regierung wegen einer Grippewelle alle Schulen in Mexiko-Stadt und dem Bundesstaat Mexiko schließen. Drei Tage später hatte die Schweinegrippe Europa, fünf Tage später auch Deutschland erreicht.

Am 11. Juni erklärte die WHO die neue Grippe zur Pandemie. Zu diesem Zeitpunkt waren rund 30000 Infektionen in 74 Ländern registriert. Etwa 150 Menschen waren an dem H1N1-Virus gestorben. Es wurden kritische Stimmen laut: Die WHO habe sich mit ihrer Entscheidung viel zu viel Zeit gelassen, ein Impfstoff sei nun womöglich nicht mehr rechtzeitig zur Stelle. Experten warnten, dass allein in Deutschland mehrere zehntausend Menschen dem Erreger zum Opfer fallen könnten.

Doch dann kam alles ganz anders. Zwar erkrankten vergangenen November in nur einer Woche bundesweit mehr als 45000 Menschen an der Schweinegrippe. Doch der Erreger war ganz offensichtlich nicht das erwartete Killervirus. In Deutschland starben 254 Menschen. Weltweit wurden knapp 18000 Tote registriert - weit weniger als bei einer gewöhnlichen Grippewelle.

Die Vorwürfe, die der WHO inzwischen gemacht werden, haben folglich einen ganz anderen Tenor angenommen: Von Panikmache ist die Rede und davon, dass die Behörde mit der Pharmaindustrie unter einer Decke stecke. Der Vorsitzende des Gesundheitsausschusses im Europarat in Straßburg, Wolfgang Wodarg (SPD), ging sogar so weit, das Vorgehen der WHO als den größten Medizinskandal des Jahrhunderts zu bezeichnen.

Die derart beschuldigte Behörde lässt ihren Umgang mit der Schweinegrippe jetzt von unabhängigen Experten prüfen. "Wir wollen wissen, was gut lief. Wir wollen wissen, was schief lief und - idealerweise - warum", sagte die Generaldirektorin der WHO, Margaret Chan, vor zehn Tagen in Genf.

Die Vorwürfe, die UN-Behörde habe sich bei ihren Entscheidungen von den Impfstoffherstellern beeinflussen lassen, hatte der WHO-Sonderberater für Grippe-Pandemien, Keiji Fukuda, bereits im Januar entschieden zurückgewiesen.

Der Vizepräsident des Berliner Robert-Koch-Instituts, Reinhard Burger, verteidigt das Vorgehen der WHO schon jetzt. "Influenzawellen lassen sich nicht vorhersagen", sagte er kürzlich der Nachrichtenagentur dpa. "Die Gesundheitsexperten weltweit waren bei der Pandemie-Planung vorsorglich von einem Geschehen ausgegangen, das schlimmer als eine saisonale Grippewelle ist." Einen derart moderaten Verlauf der Schweinegrippe habe kaum ein Experte erwartet.

Dennoch wird sich die WHO nun sicherlich einige Fragen stellen lassen müssen. Zum Beispiel, ob es gerechtfertigt ist, die rasche Verbreitung eines Erregers zum alleinigen Kriterium für den Ausruf einer Pandemie zu erheben. Schließlich hatte sich bereits im Mai 2009 in den USA gezeigt, dass die Schweinegrippe deutlich glimpflicher verlief als zunächst befürchtet.

Mit dem Ausruf der höchsten Warnstufe sechs, der Pandemie, aber waren die Impfstoffhersteller vertraglich verpflichtet, mit der Massenproduktion von Impfstoffen zu beginnen. Ein lukratives Geschäft für die Pharmaindustrie: GlaxoSmithKline (GSK) etwa verkaufte nach Angaben der europäischen Arzneimittelbehörde Emea allein in Europa mehr als 112 Millionen Dosen des Impfstoffes Pandemrix. Die Bundesregierung hatte sich bereits im Vorfeld 50 Millionen Dosen gesichert - auf denen sie später größtenteils sitzen blieb.

Denn Ärzte und Behörden hatten den Impfstoff in den Medien so unterschiedlich bewertet und teilweise vor nicht abschätzbaren Risiken der darin enthaltenen Wirkverstärker gewarnt, dass die Angst der Deutschen vor Pandemrix schließlich größer zu sein schien als die vor H1N1.

Nicht einmal jeder zehnte Deutsche ließ sich in den vergangenen sechs Monaten gegen die Schweinegrippe impfen. Von den bestellten 50 Millionen Dosen wurden gerade einmal 7,7 Millionen verbraucht. Zwar konnten nach harten Verhandlungen mit GSK 16 Millionen Dosen wieder abbestellt werden. Doch auf den restlichen 26,3 Millionen Dosen im Wert von rund 220 Millionen Euro bleiben Bund und Länder vorerst sitzen.

Die niedersächsische Gesundheitsministerin, Mechthild Ross-Luttmann (CDU), hält die Ausgaben für die Impfstoffe dennoch für gerechtfertigt: "Niemand würde auf die Idee kommen, die Investition in den Brandschutz als Defizit zu verbuchen, wenn kein Brand auftritt", sagte sie kürzlich vor Journalisten.

Auch in Mexiko scheint man die unerwartete Entwicklung der Pandemie eher gelassen zu sehen. In La Gloria, wo das Verhängnis seinen Anfang nahm, ist jetzt sogar ein Denkmal zur Erinnerung an die Schweinegrippe errichtet worden. Der erste Patient, Edgar Hernandez, war übrigens nach ein paar Tagen wieder auf den Beinen - dank eines ganz gewöhnlichen Grippemedikaments.

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