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Wer die Paleo-Diät macht, ernährt sich vor allem von Fleisch, Fisch, Muscheln, Eiern, Nüssen, Samen und Gemüse.

Steinzeiternährung

Paleo-Diät: Ernährungs-Trend könnte Herz-Kreislauf-Erkrankungen fördern

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Die Paleo-Diät - die Ernährung wie in der Steinzeit - verändert die Darmflora und kann dadurch Herz-Kreislauf-Erkrankungen fördern, zeigt eine neue Studie.

Die Versprechen klingen großartig – so wie fast immer, wenn eine bestimmte Ernährungsform von ihren Erfindern oder Anhängern gepriesen wird. Mehr Energie im Alltag soll die Paleo-Diät also verschaffen, zu persönlichen Höchstleistungen verhelfen und zu einem gesunden, nachhaltigen Abnehmerfolg führen (was ja meist das eigentliche Ziel ist). Sie soll die Haut reiner und die Zähne besser machen – und sich überdies auch bei Allergien, Bluthochdruck und Diabetes positiv auswirken. So zumindest ist es auf einschlägigen Seiten im Internet zu lesen.

Die Paleo-Diät hält sich als Trendkost bereits seit einigen Jahren und ist vor allem bei jüngeren Menschen beliebt. Australische Wissenschaftler haben jetzt allerdings herausgefunden, dass diese Form der Ernährung die Darmflora verändert – und zwar nicht zum Guten, sondern in einer Weise, die langfristig zu Ablagerungen in den Gefäßen führt. Eine solche Atherosklerose – die häufigste Form der Arteriosklerose – wiederum gilt als wesentlicher Risikofaktor für Herzinfarkt und Schlaganfall. Die Studie der Forschergruppe um Angela Genoni von der Edith Cowan University in Perth wurde im European Journal of Nutrition veröffentlicht.

Paleo-Diät: So ernähren, wie die Jäger und Sammler

Das Konzept der Paleo-Diät ist es, sich so ernähren, wie es unsere vorgeschichtlichen Ahnen taten, als sie noch Jäger und Sammler waren. Seit Homo sapiens vor etwa 200 000 Jahren begann die Erde zu bevölkern, hatten die Menschen vom Fleisch gemeinsam erlegter wilder Tiere, von gefangenen Fischen sowie von Nüssen, Beeren und Samen gelebt, die sie beim Durchstreifen der Landschaft fanden. Allerdings verzehrten die Menschen früher anders als oft gedacht auch pflanzliche Kost.

Mit Beginn der Jungsteinzeit änderte sich das Leben der Menschen drastisch. Denn damals, vor etwa 10 000 Jahren, fingen sie an, sich niederzulassen. Immer mehr Gruppen wurden sesshaft, hielten sich Nutztiere und legten Felder an, wo sie Getreide anbauten. So wurden Brot und andere Getreideprodukte, Milch und Milchprodukte wichtige Bestandteile der Ernährung.

Anhänger der Paleo-Diät essen Fleisch, Fisch, Eier, Nüsse, Samen und Gemüse

Anhänger der Paleo-Diät predigen den Verzicht auf genau diese Lebensmittel, die erst seit dem großen Kulturwandel vor 10 000 Jahren auf dem Speiseplan unserer Spezies stehen. Stattdessen sollen wie in Urzeiten vor allem Fleisch, Fisch und Muscheln, Eier, Nüsse (mit Ausnahmen von Erdnüssen) und Samen sowie Gemüse verzehrt werden. Auch Obst ist „erlaubt“, allerdings nur in Maßen wegen der darin enthaltenen Fructose. Gleiches gilt für Honig.

Zucker und somit alle Süßigkeiten und gesüßten Getränke sowie künstliche Süßstoffe sind „verboten“, ebenso sämtliche Getreide- und Milchprodukte, also auch Brot, Nudeln, Joghurt und Käse. Selbstredend, dass Fertiggerichte und industriell verarbeitete Lebensmittel wie Wurst tabu sind. Auch raffinierte Öle stehen auf der Negativliste, darunter solche wie Rapsöl und Sonnenblumenöl, die allgemein als gesundheitsförderlich gelten. „Erlaubte“ Fette sind unter anderem geklärte Butter, Kokosöl, Olivenöl, Sesamöl, Palmöl, Speck und Schmalz. Kartoffeln und Reis dürfen wegen der enthaltenen Kohlenhydrate allenfalls in kleinen Portionen verzehrt werden.

Argument der Paleo-Anhänger: Stoffwechsel wie vor 200 000 Jahren

Begründet wird diese Auswahl mit dem Argument, dass sich die genetische Ausstattung und der Körper der Menschen seit 200 000 Jahren nicht verändert hätten. Der Stoffwechsel sei deshalb noch auf die Ernährungsweise der Jäger und Sammler ausgerichtet und vertrage sich nicht mit einer Kost, die reich an Getreide- und Milchprodukten sei. Eine Theorie, die von vielen Wissenschaftlern als nicht haltbar angesehen wird, die auch unberücksichtigt lässt, dass nicht alleine die bloße Gen-Ausstattung, eine Rolle spielt, sondern auch deren unterschiedliche Aktivierung. Und diese kann sich unter verschiedenen Umweltbedingungen durchaus ändern.

Auch die Evolution hat bewiesen, dass eine der ganz großen Stärken der Menschen ihre Anpassungsfähigkeit an Umwelt und Ernährung ist. Gerade das trug dazu bei, dass sich unsere Spezies über den gesamten Globus ausbreiten konnte.

Paleo-Diät erfreut sich wachsender Beliebtheit

Auch Jahre nach dem Erscheinen der ersten Ratgeber auf dem Markt ist die Paleo-Diät noch nicht out. Im Gegenteil: Sie erfreue sich wachsender Beliebtheit, sagt Angela Genoni, Leiterin der australischen Studie. Deshalb sei es wichtig, die gesundheitlichen Effekte zu untersuchen. Die Ergebnisse geben Anlass, die Paleo-Diät kritisch zu betrachten. Diese Ernährungsweise könnte langfristig Konsequenzen im Hinblick auf das Entstehen chronischer Erkrankungen haben, wird Angela Genoni im Wissenschaftsmagazin „Sciene Daily“ zitiert.

Der Grund für diese Befürchtung: Die Forscher stellten fest, dass der hohe Anteil von Fleisch in der Paleo-Ernährung das Mikrobiom im Darm – die Gemeinschaft der dort lebenden Mikroorganismen – verändert. Im Fleisch sind Cholin und Carnitin enthalten. Cholin ist ein Nährstoff, der auch in Eigelb in großer Menge vorkommt und früher den Namen Vitamin B4 hatte. Carnitin ist eine Ammoniumverbindung, die wichtig für den Fettstoffwechsel ist. Beide werden von den Darmbakterien in Trimethylamin verstoffwechselt, ein Zersetzungsprodukt, das auch beim Verderben von Lebensmitteln entsteht.

Ernährungsmythen

Fördert die Paleo-Diät Herz-Kreislauf-Erkrankungen?

Das Trimethylamin wird von der Darmschleimhaut resorbiert und gelangt in die Leber, wo es in Trimethylaminoxid (TMAO) umgewandelt wird. Diese Substanz hat in Versuchen mit Tieren das Entstehen einer Atherosklerose gefördert. Bei epidemiologischen Studien mit Menschen war auffällig, dass Patienten mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen eine erhöhte Konzentration von Trimethylaminoxid im Blut hatten.

Die australischen Wissenschaftler untersuchten für ihre Studie 44 Frauen und Männer, die im Schnitt knapp zweieinhalb Jahre nach den Vorgaben der Paleo-Diät lebten. Die Hälfte der Teilnehmer hielt eine strikte Form der Diät ein und verzehrte am Tag weniger als einmal Getreide- oder Milchprodukte. Die andere Hälfte praktizierte eine Paleo-Diät „light“ und aß mehr als einmal am Tag eine Portion dieser eigentlich „nicht empfohlenen“ Lebensmittel.

Hohe TMAO-Konzentration könnte an der Paleo-Diät liegen

Das Ergebnis: Die Teilnehmer, die eine strenge Paleo.Diät einhielten, hatten am meisten TMAO im Blut. Sie war doppelt so hoch wie in einer Kontrollgruppe von 46 gleichaltrigen Menschen, die sich an keine Diät hielten. Die Frauen und Männer, die sich moderat Paleo ernährten, lagen mit ihren TMAO-Werten dazwischen.

Die hohe Konzentration an Trimethylaminoxid im Blut bei Paleo-Diät könnte in direktem Zusammenhang mit einer vermehrten Zahl von Bakterien der Art Clostridium hathewayl stehen, wie sie im Stuhl der strikten Paleo-Anhänger gefunden wurde, vermuten die Wissenschaftler. Denn von diesen Keimen weiß man, dass sie Trimetyhlaminoxid bilden.

Deutsche Experten sehen die Paleo-Diät kritisch

Auch die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) steht der Paleo-Diät kritisch gegenüber. Mit den DGE-Empfehlungen decken sich zwar der von den Paleo-Anhängern propagierte Verzicht auf Zuckerhaltiges und Fertigprodukte sowie der hohe Anteil an Nüssen, Samen und Gemüse auf dem Speiseplan. Solche naturbelassenen Lebensmittel könnten eine Gewichtsabnahme erleichtern, heißt es bei der Deutschen Gesellschaft für Ernährung. Doch die extrem kohlenhydratarme Kost widerspricht dem, was deren Experten gutheißen.

Auch Milchprodukten und Hülsenfrüchten kommt in der Ernährungspyramide der DGE als hochwertige Proteinquellen eine große Bedeutung zu. Bei der Paleo-Diät stehen sie auf der Liste der Don’ts. Die ebenfalls „verbotenen“ Getreideprodukte seien zudem wichtige Lieferanten von Ballaststoffen, heiß es bei der DGE.

Paleo-Diät: Täglicher hoher Verzehr von tierischen Lebensmitteln ist negativ

Negativ bewertet man dort den „täglichen hohen Verzehr tierischer Lebensmittel“ – und das sowohl unter Gesundheits- als auch unter Nachhaltigkeitsaspekten. Auch die Deutsche Gesellschaft für Ernährung weist auf mögliche (nun durch die australischen Forscher belegte) Veränderungen in der Darmflora zurück – und führt das auf den Verzicht von Kohlenhydraten und den oft schnellen Gewichtsverlust zurück.

Ob sich über diesen Effekt die Paleo-Diät negativ auf die Gesundheit auswirkt und die Anhänger dieser Ernährungsform letztlich häufiger als der Durchschnitt an Atherosklerose, Schlaganfall und Herzinfarkt erkranken werden, könne auf Basis der heutigen Erkenntnisse nur vermutet werden, betont Angela Genoni. Es fehlten bislang die langfristigen Beobachtungen. Eine Aussage dazu wird deshalb frühestens in einigen Jahrzehnten möglich sein – sofern es überhaupt Menschen gibt, die die Paleo-Diät so lange Zeit einhalten und die Steinzeiternährung bis dahin nicht schon längst wieder auf der Müllhalde einstmals gehypter Diäten gelandet ist.

Pegane Ernährung, Mittelmeer-Diät, Veganismus und ketogene Diät

Neben der Paleo-Diät gibt es unzählige andere Formen der Ernährung. Die pegane Ernährung setzt auf möglichst unverarbeitete Lebensmittel, viel frisches Gemüse und vermeidet raffinierte Kohlenhydrate. Veganer verzichten auf sämtliche tierische Produkte - und leben laut einer Studie glücklicher.

Die ketogene Diät dagegen - wenig Kohlenhydrate, viel Fett - ist sehr umstritten. Krebs-Patienten beispielsweise sollten auf ketogene Diät und Intervallfasten lieber verzichten, sagt die Onkologin Jutta Hübner. Die Professorin für Tumormetabolismus und Reproduktionsimmunologie Ulrike Kämmerer antwortet darauf: Es gibt keinen Grund, Krebspatienten vor der ketogenen Diät zu warnen.

Ganz anders sieht es bei der „Mittelmeer-Diät“ aus: Wissenschaftler haben in einer Studie herausgefunden, dass diese Form der Ernährung am besten bei Typ-2-Diabetes hilft.

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