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An Schulen fehlen aktuell die Ressourcen, um Bildungsräume zu eröffnen.

Buchmesse

„Pädagogik in falschen Verhältnissen“

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Auf einer Bildungskonferenz im Rahmen der Frankfurter Buchmesse kritisiert ein Wissenschaftler das deutsche Schulsystem scharf.

Paul Mecheril beginnt mit einer Entschuldigung. Die anwesenden Lehrkräfte und Sozialpädagogen sollen seine Kritik am Bildungssystem nicht persönlich nehmen, aber „es gibt keine richtige Pädagogik in falschen Verhältnissen“, sagt der Professor für Migrationspädagogik an der Universität Bielefeld in Anlehnung an das berühmte Zitat von Adorno.

Mecheril, Autor des aktuellen Buches „Pädagogik neu denken! Die Migrationsgesellschaft und ihre Lehrer_innen“, ist einer der Redner auf der Frankfurt EDU Konferenz, die die gemeinnützige Gesellschaft Litcam (Literacy Campaign) während der Frankfurter Buchmesse veranstaltet. Mecheril kritisiert, dass die Schule den Herausforderungen der Migrationsgesellschaft nicht gewachsen sei. Und er spitzt seine These noch zu, indem er fragt, „ob das politisch so gewollt sei“. Seiner Analyse zufolge fehlen der Schule aktuell die Ressourcen, um Bildungsräume zu eröffnen. Um andere in ihrer Vielfalt anzuerkennen, brauche es vor allem Zeit; es gehe darum, „das Hingucken zu pflegen“.

Dazu erforderlich seien gebildete Lehrer, die in ihrer Ausbildung etwa lernten, „die Alltäglichkeit und Brutalität des Rassismus“ in Deutschland zu thematisieren. Seit der Wiedervereinigung habe es bis heute insgesamt 198 Todesopfer rechtsextremer Gewalt gegeben, führt Mecheril an und verweist auf Zahlen der Amadeu-Antonio-Stiftung. Dieses Unvermögen, in unserer Wissensgesellschaft, über solche Fragen zu sprechen, sieht Mecheril als Folge jahrzehntelanger Versäumnisse.

In diesem Zusammenhang erinnert er an die Regierungserklärung aus dem Jahr 1989, als Bundeskanzler Helmut Kohl verkündete: „Wir sind kein Einwanderungsland.“ Gegen diese „bundesrepublikanische Lebenslüge habe etwa der Migrationsforscher Klaus Bade in vielen Schriften argumentiert. Aktuell sei ein „Kampf um die Ordnung“ in unserem Bildungssystem entbrannt, konstatiert Mecheril. Zur Demokratie gehöre auch die verstörende, nicht nur erwünschte Formen der Pluralität. Nur wenn in Kitas und Schulen dem Rechnung getragen werde, sei es möglich, „sie als Ort der Bildung wiederzugewinnen“. Das sei Aufgabe der Politik, aber auch Lehrkräfte könnten in diesem Prozess ihre Autonomie und ihren Einfluss geltend machen.

Für Mecheril gibt es jedoch noch eine globale Baustelle – und zwar unsere „imperiale Lebensweise“, die anderen Menschen das Recht auf Würde vorenthalte, immense Ressourcen verbrauche und schlimmes Leid produziere. So seien gerade fast 70 000 Kinder in Nordostsyrien auf der Flucht, sagt Mecheril und hält eine Zeitung in die Höhe. Für ihn kommt darin ein Spannungsverhältnis zwischen Bürger- und Menschenrechten zum Ausdruck: „Mit welcher Legitimität errichten wir an den Rändern Europas Lager und verwehren den Flüchtlingen die Menschenrechte?“, fragt der 1962 geborene Mecheril. Mit solchen für unsere Epoche grundlegenden Problemen sollten sich Erziehungseinrichtungen auseinandersetzen, fordert er. „Wir brauchen Rezepte zum Aussteigen“ – nicht zuletzt aus der ökologischen Krise. Schließlich gehe es in der Pädagogik um die Ertüchtigung, das Selbstbestimmungsrecht auszuüben und in Einklang zu bringen mit der Idee, wie ein gutes, gelingendes Leben für alle Menschen jenseits der eigenen nationalstaatlichen Interessen aussehen soll. Solange Kinder aber nur aufgrund ihrer Leistung aussortiert würden, mache Schule dumm.

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