Studie der Charité

Operativer Eingriff bei Bluthochdruck

Bisher wird Bluthochdruck vor allem mit Medikamenten bekämpft. Das Problem lässt sich allerdings auch operativ lösen: per Schrittmacher, Gefäßverödung oder Blutentnahme.

Von Astrid Gieselmann

„Es ist eine ganz irrige Ansicht, dass das Blut zur Erhaltung des Lebens notwendig ist“, doziert Doktor Sangrado. Der dürre Mann mit eingefallenen Wangen erteilt einem Chirurgen die Anweisung zum Aderlass. Im Halbdunkel liegt der Patient regungslos auf dem Rücken. Der Chirurg legt ihm eine Binde an. Langsam schwellen die Venen am Unterarm an. Einem der hervorgetretenen Gefäße nähert sich der Chirurg mit einer Fiete und öffnet mit dem messerartigen Gegenstand die Vene. Der Patient zuckt, das Blut fließt am Unterarm entlang. „Eine Vene atmen lassen“, heißt die Methode.

Doktor Sangrado ist eine fiktive Figur im Roman „Die Geschichte des Gil Blas von Santillana“ des französischen Schriftstellers Alain-René Lesage (1668-1747), der damals schon den Aderlass satirisch verarbeitete. Im Mittelalter wurden Patienten zur Ader gelassen, um ihnen beispielsweise bei Fieber, Kopfschmerzen oder Lungenentzündungen zu helfen – eine Therapie, die sich als unwirksam herausstellte.

Schon länger Hinweise

Heute kennt man die „Entlassung des Blutes“ am häufigsten in Form einer ungefährlichen Blutspende – und dem haftet eher ein aufopfernder Ruf an. Vielleicht aber zu Unrecht. Patienten, die an Bluthochdruck leiden, könnte es möglicherweise auch eigenen Nutzen verschaffen. Forscher der Charité Berlin gehen nun der Beobachtung nach, dass regelmäßiges Blutspenden einen günstigen Einfluss auf den Blutdruck hat.

„Wir wollen herausfinden, ob das regelmäßige Blutspenden zu hohen Blutdruck senken könnte. Hinweise darauf gibt es schon lange“, sagt Abdulgabar Salama, Professor am Institut für Transfusionsmedizin der Charité in Berlin-Mitte. „Systematisch untersucht worden ist dieser Effekt bisher aber noch nicht.“

Das Team um den Berliner Wissenschaftler hat in einer Vorstudie Hochdruckpatienten zweimal im Abstand von vier Wochen jeweils 300 Milliliter Blut abgenommen. Sechs Wochen später haben die Forscher die Blutdruckwerte mit denen einer Kontrollgruppe ohne Behandlung verglichen. Bei den behandelten Patienten sank der obere (systolische) Blutdruckwert im Mittel um 16 Millimeter Quecksilbersäule (mmHg) – ein beachtlicher Effekt.

Komplexer Mechanismus

Wie der Aderlass genau auf den Blutdruck wirkt, ist bislang noch ein Rätsel. Der Blutdruck wird durch einen komplexen Mechanismus reguliert, bei dem biochemische Botenstoffe, Organe, Blutgefäße und das Nervensystem miteinander in Wechselwirkung treten. Möglicherweise spielt der Eisengehalt des Blutes dabei eine Rolle. Dieser wird durch eine Blutentnahme gesenkt. „Der genaue Mechanismus ist noch nicht bekannt. Es gibt allerdings Beweise, dass ein Eisenüberschuss schädlich ist. Und es gibt Hinweise, dass ein niedriger Eisenwert den Blutdruck senken könnte“, sagt Salama.

Ein niedriger Eisenspiegel trägt möglicherweise dazu bei, dass die Gefäßwände elastisch bleiben und den Druck besser ausgleichen. „Frauen haben beispielsweise einen niedrigeren Eisenwert und sie haben weniger häufig Bluthochdruck. Sie erleiden auch seltener Schlaganfälle als Männer“, erläutert der Transfusionsmediziner. Ob regelmäßiges Blutspenden einmal als Therapieverfahren in Frage kommen könnte, wird nun in einer größeren Studie untersucht. Andreas Michalsen, Professor für Klinische Naturheilkunde der Charité, ergänzt: „Sollte sich das Blutspenden als Therapieansatz bei Hypertonie bestätigen, wird man umdenken müssen.“

Besser erforscht als die Ursachen für den zu hohen Druck sind die Umstände, die ihn begünstigen. Dazu tragen in erster Linie die Erbanlagen und der Lebensstil bei. Hoher Blutdruck beginnt schleichend, sodass viele Betroffene nicht einmal wissen, dass sie krank sind. Diese Patienten leben riskant. Unbehandelt macht der Bluthochdruck die Gefäße mürbe, sie verkalken schneller, das Herz muss kräftiger pumpen und wird langfristig geschädigt, Schlaganfall und Herzinfarkt drohen.

Lösung per Operation

Besonders schwerwiegend ist die Situation, wenn man zur Gruppe derjenigen Patienten gehört, die Ärzte als therapierefraktär bezeichnen. Diese Patienten nehmen bis zu fünf verschiedene Medikamente und stellen ihr Leben um – vermeiden Stress, reduzieren den Salzkonsum, verlieren Gewicht – und erzielen trotzdem nicht den gewünschten Erfolg.

Für sie gibt es nun eine Lösung per Operation: die renale Denervation. Dabei werden überaktive Nierennerven, die den Bluthochdruck in die Höhe treiben, mittels Hochfrequenzstrom verödet und ausgeschaltet. „Wir setzen also einen kontrollierten Schaden mittels Hitze. Ein Katheter wird dabei über die Leistenarterie in die Nierenarterie vorgeschoben“, erklärt Dietrich Andresen, Klinikdirektor der Kardiologie am Vivantes Klinikum in Berlin. „Der Vorgang dauert ungefähr eine Stunde und der mittlere Blutdruck wird dabei um etwa 25 mmHg gesenkt.“

Auch dies ist eine Methode, die altbekannt ist. Bereits in den 1940er-Jahren durchtrennten Chirurgen erfolgreich die Nervenbahnen, die zu den Nieren führen, um eine Blutdrucksenkung zu bewirken. Durch die erfolgreiche Behandlung mit Medikamenten geriet diese Methode dann aber für Jahrzehnte in Vergessenheit.

Ähnlich wie ein Herzschrittmacher

Das Verfahren wirkt, weil es einen Regelkreis des sympathischen Nervensystems an der Niere durchbricht. „Das autonome Nervensystem in unserem Körper ist geteilt in den Sympathikus, der den Körper in hohe Leistungsbereitschaft versetzt, ihn auf Flucht oder Angriff vorbereitet und deshalb auch den Blutdruck erhöht und als Gegenspieler den Parasympathikus, der für Ruhe und Erholung sorgt und die Vorgänge im Körper verlangsamt“, erklärt der Kardiologe. „Normalerweise stehen Sympathikus und Parasympathikus in einer Balance. Bei Hochdruckpatienten ist diese Balance aber gestört, der Sympathikus dominiert.“

Bei Bluthochdruck senden die Nerven der Nierenarterie dem Gehirn fälschlicherweise die Information, dass eine zu geringe Menge Blut bei der Niere ankommt. Andere sympathische Nervenfasern aus dem Gehirn steigern den Druck durch eine Verengung der Gefäße und es bilden sich verstärkt Hormone, die den Blutdruck erhöhen.

Ganz ähnlich funktioniert eine zweite Methode. „Um die bei Hochdruckpatienten gestörte Balance wieder in den Griff zu bekommen, können wir natürlich nicht nur den Sympathikus hemmen, sondern wir können auch versuchen, die Wirkung des Parasympathikus zu verstärken“, erläutert Andresen. Dies wollen Wissenschaftler mit Hilfe des sogenannten Barorezeptorstimulators erreichen – einem Gerät, das ähnlich wie ein Herzschrittmacher funktioniert.

Kritiker mahnen

„An der Blutdruckregulierung sind Messfühler, sogenannte Barorezeptoren beteiligt, die an der Halsschlagader sitzen. Werden diese Rezeptoren mit elektrischen Impulsen stimuliert, geben sie Nervenimpulse ab, die den Blutdruck senken“, erläutert der Berliner Kardiologe. Auch dafür reiche ein kurzer chirurgischer Eingriff – der streichholzschachtelgroße Blutdruckschrittmacher wird in Höhe des Herzens unter die Haut implantiert.

„Ich habe den Traum, dass wir eines Tages alle Patienten mit diesen Verfahren so behandeln können, dass eine medikamentöse Therapie gar nicht mehr notwendig ist“, sagt Andresen. Bisher sei das aber noch Zukunftsmusik. „Viele Fragen sind ja noch offen. Deshalb fangen wir erst mal da an, wo die Not am größten ist.“

Das Verfahren der renalen Denervation wird bisher in spezialisierten Kliniken eingesetzt. Kritiker mahnen dabei zu einem vorsichtigen Einsatz der Methode, denn Langzeitergebnisse gibt es bislang noch nicht.
Bei fast 25 Millionen Menschen, die in Deutschland ungesund hohen Druck in den Adern haben, sind neue Behandlungsansätze jedoch gefragt. Im Kampf gegen Bluthochdruck sind Wissenschaftler einen großen Schritt weiter – auch durch eine Wiederentdeckung in Vergessenheit geratener Methoden.

Ist das Mittelalter aus medizinischer Sicht also möglicherweise doch nicht so finster gewesen wie der Schriftsteller Alain-René Lesage vermutete? Im Licht moderner Erkenntnisse sehen so manche eigentlich antiquierte Methoden jedenfalls gar nicht mehr so alt aus.

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