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Was an Sprachentwicklung versäumt wird, kann nie wieder ganz nachgeholt werden.

Sprache

Ohrenmensch wird Augenmensch

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Was an Sprachentwicklung versäumt wird, kann nie ganz nachgeholt werden.

Ob in Frankreich, Schweden, Japan, Singapur oder Brasilien formen Kleinstkinder – unabhängig von der jeweiligen Landessprache – beim ersten Plappern weltweit die gleichen Laute. Drei Muster der Babysprache haben US-Forscher in einer Studie nachgewiesen und in der Wissenschaftszeitschrift „Science“ vorgestellt. Ein viertes Lautmuster erkannten sie über alle Kontinente und Kulturen hinweg an der Struktur und Bedeutung der ersten komplett geformten Wörter. Dabei sind vier feste Folgen von Konsonanten und Vokalen auf den „Ursprung von Sprache“ zurückzuführen, wie Peter MacNeilage und Barbara Davis von der University of Texas schreiben. Was für Englisch, Deutsch und Spanisch gilt, findet sich an Lautmustern auch in Suaheli, Hebräisch, Estnisch und in der Maori-Sprache. 

Es beginnt beim ersten Plappern immer mit einem der Lippenkonsonanten p, b oder m, gefolgt von einem zentralen Vokal. So ergibt sich beispielsweise das universelle „Mama“. Das zweite Muster bildet sich aus den koronalen Konsonanten t, d oder n, die von der Spitze der Zunge kommen, und einem Vokal, also beispielsweise Dada. 

Das dritte Muster entsteht aus dorsalen Konsonanten wie k und g sowie dem Vokal o wie in Gogo. Den ersten komplett geformten Wörtern mit einer Bedeutung liegt dann folgendes Muster zugrunde: Lippenkonsonant (p, b, m) plus Koronalkonsonant (t, d, n), was dann zum Beispiel „put“ für „kaputt“ ergibt.

Jedes vierte Vorschulkind ist sprachgestört

Der bayerische Schulrektorenverband hat festgestellt, dass bei „immer mehr Kindern die Sprachfähigkeit ihrem Alter hinterherhinkt“. Immer mehr Erstklässler können sich nicht mehr altersgemäß artikulieren und weichen deshalb auf andere Kommunikationsformen aus:

- Jedes vierte Vorschulkind ist mittlerweile sprachgestört, wie die Logopäden-Lehranstalt in Mainz festgestellt hat; 1985 waren es nur vier Prozent.

- Kinder, die in Ein-Eltern-Familien und ohne Geschwister aufwachsen, leben mit einem Mangel an Sprechanlässen, der zu einer Sprachverkümmerung führt, so dass es immer wichtiger wird, dass solche Kinder früh in Kinderkrippen und Kindergärten kommen.

- Kinder, deren Eltern wenig Zeit haben, die erschöpft oder problembeladen sind, werden allzu oft als störend empfunden. Kleine Kinder brauchen aber neben Liebe, Zeit, Körperkontakt, Bewegung, Spiel, Muße und richtiger Ernährung immer viel Ansprache und Zuhören.
 – Wir wissen, dass Kinder, die mit allem versorgt werden, aber nicht mit Sprache, krank werden und schließlich sterben (Kaspar-Hauser- oder Wolfskind-Effekt).

- Was an altersspezifischer Sprachentwicklung versäumt wird, kann nie wieder ganz nachgeholt oder ausgeglichen werden, wie wir von autistischen Kindern wissen, die normal intelligent sind, aber auch von Kindern, die lange unerkannt schlecht hören konnten.

- Die intellektuelle Entwicklung korrespondiert mit der Sprachentwicklung: Kinder, mit denen viel und anspruchsvoll im Sinne eines elaborierten Sprachcodes kommuniziert wird, zeigen wesentlich differenziertere kognitive Fähigkeiten als solche, die mit einem Ansprachedefizit aufgewachsen sind.

- Kinder, die tagsüber vor dem Fernseher „geparkt“ werden oder die täglich stundenlang mit Schrumpfsätzen über ihr Smartphone kommunizieren, fallen schon als Jugendliche durch einen restringierten Sprachcode auf; sie haben Mühe, ausgestaltete Sätze zu verstehen und sprechen selbst nur noch in unvollständigen Sätzen.

- Kinder, denen nur selten vorgelesen wird, entwickeln zu 52 Prozent Lesefrust; liest man man Drei- bis Zehnjährigen hingegen 15 Minuten täglich vor, entwickeln sie sämtlich Lesefreude.

- Mütter sprechen im Schnitt mit ihren Töchtern mehr als mit ihren Söhnen. Mädchen weisen in der Folge eine differenziertere Sprachentwicklung auf und sind deshalb auch im Fremdsprachlichen erfolgreicher. Sie trainieren aber auch mehr als Jungen ihre Verbalkompetenz mit Puppen, Kuscheltieren oder Haustieren. Von Jungen wird oft unterbewusst weniger Sprachkompetenz erwartet, deshalb neigen sie dazu, das mit Naturwissenschaftlichem, Technischem und Rechnerischem zu kompensieren.

- Kinder, die aus Mangel an Sprechanlässen in ihrer Verbalkompetenz zurückgeblieben sind, versuchen es mit einem Mehr an Mimik, Gestik sowie Charme zu kompensieren. Sie weichen eher auf Lächeln, Augenrollen, auf Reden mit Händen und Füßen aus, wozu auch Schlagen, Beißen, Treten, Würgen, Kneifen und Spucken gehört. Aber sie weinen auch eher und länger als Kinder mit einer guten Sprachkompetenz. Wenn sie feststellen, dass ihnen der verbale Ausdruck Mühe bereitet und dass ihr Gegenüber eigentlich keine Zeit zum Zuhören hat, versuchen sie zunächst schneller zu sprechen, was oft in Stottern oder in Poltern – also in einem Überschlagen von Silben – einmündet. 

Wenn das aber zu geringe Resonanzerfolge bringt, weichen sie zunächst in Richtung Distanzlosigkeit aus und sodann auf kürzere Floskeln wie „Du Arsch“, „Idiot“, „Du schwule Sau“ oder „Du bist Scheiße“, also auf die deftigere Fäkaliensprache aus, die sie schon im Kindergarten immer wieder wahrnehmen, oft ohne zu wissen, was diese Worte eigentlich bedeuten. 
Und merken sie, dass sie dann eher beachtet werden, bauen sie das aus. Gewalt beginnt also im Allgemeinen zunächst immer mit der Sprache. Mit dem Motto „Wehret den Anfängen!“ muss daher von Anfang an deutlich gegen Sprachgewalt vorgegangen werden, weil sich die Kinder sonst rasch an sie gewöhnen.

- Kleine Kinder, die schon vom zweiten Lebensjahr an zu viel fernsehen, obwohl sie nie vor dem dritten Lebensjahr vor einem Bildschirm sitzen sollten, bleiben anfangs ganz von der das Bild begleitenden Sprache abgekoppelt; sie orientieren sich nur an Bildern und nehmen ansonsten lediglich nicht verbale Aspekte der Töne wahr, also Schreien, Weinen, Explosions- sowie Aufprallgeräusche. 

So zeigte man in Hamburg einer großen Gruppe von Fünfjährigen eine sechsteilige Tom-und-Jerry-Staffel; die erste Folge war Deutsch synchronisiert, die zweite Italienisch, die weiteren Spanisch, Französisch, Dänisch und Portugiesisch. Kein Kind hat das gemerkt, ein Indiz dafür, dass alle längst gelernt hatten, sich ausschließlich visuell zu orientieren. Wegen der Bildschirmsozialisation sind heutzutage nahezu alle Kinder Augenmenschen, früher gehörte die Hälfte von ihnen zu den Ohrenmenschen. 

Veränderung der Jugendsprache

Abschließend noch ein paar Sätze zur Veränderung der Jugendsprache: Lehrer, die eine neunte Klasse abgeben und danach wieder eine siebte übernehmen, stellen europaweit immer wieder fest, dass sie es nur drei Jahrgänge tiefer bereits mit einer ganz anderen Generation zu tun haben; Kleidung , Haarschnitt, Musikgeschmack, Freizeitverhalten, bevorzugte Jugendkultnischen, Partnerschaftsverhalten, bevorzugte soziale Netzwerke. All das verändert sich wesentlich rascher, als Erwachsene, die keine Kinder haben, vermuten. 

Und bei allen speziellen Gruppen – Rapper, Sprayer, Hooligans, Grufties, Elektro- und Techno-Freaks gibt es so wie früher bei den Hippies, den Mods, den Skatern, den Faschos und Skins Insider-Sprachcodes, über die Gleichgesinnte und Fremde jeweils identifizierbar sind, und zwar im Sinne von Wir- und Die-Bewusstsein. Solche Sprachcodes ermöglichen Orientierung, Identifizierung und Abgrenzung, und zwar gezielt von älteren und jüngeren Generationen. 

„Pieces“, „tags“, „whole trains“ und „cans“ sind Begriffe der Sprayer-Szene, „wheely“ und „kick down“ der Moto-Cross- Szene, „Asys klatschen“ hieß es bei den Skinheads, Skater sprechen von „one-eighty“, „grinds“ und „downstairs“. Darüber hinaus gibt es jugendübergreifende Termini. „Oberaffengeil“, „krass“ oder „voll die Härte“ sagt heute kaum noch jemand, stattdessen spricht man von „merkeln“ (aussitzen), „abschädeln“ (grundlos betrinken), „lan“ (krass), „verbaggt“ (voller Fehler), „wack“ (uncool), „lit“ (cool), „Alda“ (Alter), „auf dein Nacken!“ (du zahlst), „auf keinsten“ (auf keinen Fall), „Schrittschwitzer“ (übergewichtige Person), „Alpha-Kevin“ (der Dümmste von allen), „Alimentenkabel“ (Penis), „breiern“ (kotzen und weiterfeiern), „Besti“ (beste Freundin), „züngeln“ (sich küssen), „sozialtot“ (ohne soziales Netzwerk), „Speichelhockey“ (Zungenkuss), „Maulpesto“ (Mundgeruch), „Nuttendiesel“ (mies duftendes Parfum), „Mafiatorte“ (Pizza), „Nullchecker“ (untalentierte Person) oder „Saftschubse“ (Flugbegleiterin). Manches darunter ist durchaus kreativ oder sogar witzig; aber es fällt auf, dass es vielfach um die Verknüpfung eines deutschsprachigen Stammes mit einem Amerikanismus geht. 

Jugendsprache passt keineswegs zu jeder Altersstufe, auch wenn Erwachsene immer häufiger jugendlich aussehen wollen und bemüht sind, sich Jugendlichen mit einer unpassender Sprache anzubiedern. Kinder wollen immer früher wie Jugendliche leben, und Erwachsene wollen immer länger wie Jugendliche wirken. Die Jugendkultur wird also von beiden Seiten her bedrängt, so dass sie sich immer rascher immer anderes einfallen lassen muss, um ihr Eigenes zu haben. 

Ein Jugendlicher will nicht Kind und nicht Erwachsener sein. Es ist schon tragisch, dass sich die vermeintlich heilen Generationen, Kinder und Erwachsene, ausgerechnet die zerrissene Übergangsgeneration der unfertigen Jugend zum höchsten Lebensideal erkoren haben! Denn eigentlich hat die reife Erwachsenengeneration doch die Aufgabe, Kinder und Jugendliche zu einer hohen Sprachkultur heraufzuziehen, auch gegen das gedankenlose Um-sich-Greifen solcher Floskeln wie „halt“, „ich denke mal“, „sag ich mal“ sowie „und so“ oder des leider zunehmend aussterbenden Genitivs („wegen Umbau(s)“).

Prof. Dr. Peter Struck ist Erziehungswissenschaftler an der Universität Hamburg. 

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