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Plastikrecycling ist in China ein großes Geschäft. Doch seit diesem Jahr darf kein Plastikmüll mehr ins Land importiert werden.

Plastik-Müll

"Ohne Plastik ist unser Leben nicht mehr vorstellbar"

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Umweltforscher Braungart spricht im Interview mit der Frankfurter Rundschau über den nötigen Druck auf die Industrie und ob es ein Verbot von Plastiktüten geben sollte.

Herr Braungart, benutzten Sie Plastiktüten? Und trinken Sie Wasser aus PET-Flaschen?
Möglichst beides nicht. Zum Einkaufen nehme ich einen Einkaufskorb mit, und Sprudel mache ich mir zuhause und im Büro aus Leitungswasser. Plastiktüten sind manchmal praktisch, etwa, man etwas Dreckiges oder Nasses einpacken will, aber zum Einkauf sind sie nicht nötig. Und PET-Flaschen versuche ich zu vermeiden, weil der Kunststoff das Schwermetall Antimon enthält, das als krebserregend gilt. Die Limo aus in diesen Flaschen enthält deutlich mehr Antimon als unser Trinkwasser. Zudem werden die alten PET-Flaschen, nachdem man sie in den Sammelautomaten gesteckt hat, meist nicht wieder zu PET-Flaschen. Sie werden downgecycelt – zu minderwertigerem Granulat, aus dem zum Beispiel in China Spielzeug hergestellt wird.

Ist Plastik mehr Segen oder mehr Fluch? 
Ohne Plastik ist unser Leben nicht mehr vorstellbar. Allerdings ist die Plastikwirtschaft, wie sie heute betrieben wird, höchst unintelligent – und gefährlich. 

Wieso?
Es geht dabei nicht nur um die acht Millionen Tonnen Kunststoffabfälle, die jedes Jahr in den Ozeanen landen. Es sterben ja mehr Robben, Schildkröten und Wale durch Plastik als durch irgendetwas anderes. Es geht auch um die Schadstoffe, die etwa als Weichmacher oder Stabilisatoren in den Kunststoffen stecken und irgendwann in unserer Umwelt landen – ob als zerriebenes Mikroplastik im Meer oder als Abrieb von Teppichböden oder Autoreifen. Es wird gar nicht das Potenzial genutzt, das Plastik eigentlich hat. Stattdessen werden angeblich billige Primitivlösungen gewählt, bei denen die tatsächlichen Kosten in der Entsorgung und durch Umweltschäden anfallen.

Sollte man Plastiktüten oder andere Einwegprodukte verbieten?
Das ist eine Alibidiskussion. Tatsächlich muss das Plastikproblem anders gelöst werden. Die Kunststoffindustrie muss per Gesetz dazu verpflichtet werden, dass nichts von ihren Produkten in der Umwelt landet – weder Tüten noch PET-Flaschen noch Mikroplastik aus Kosmetik. Wir müssen dazu alle Kunststoffe von der Abfallbeseitigung und der Müllverbrennung ausschließen. Die Plastikhersteller wären dann gezwungen, sich Lösungen auszudenken, um ihre Produkte komplett im Kreislauf zu fahren. 

Wie soll das funktionieren?
Wir müssen für dieses Cradle-to-Crade-Verfahren (von der Wiege zur Wiege) umdenken. Die Plastikhersteller wären nicht nur bis zum Werkstor für ihr Produkt verantwortlich, sondern auch während des Gebrauchs sowie für Rücknahme und Recycling. Sie wären dauerhaft der Eigentümer. Dank Digitalisierung und neuen Markierungsverfahren kann man den Verbleib dieser Kunststoffe heute genau verfolgen und dafür sorgen, dass sie wieder zurückgehen. Der Hersteller wäre verpflichtet, entsprechende Bilanzen zu führen. Geht Material verloren, fiele entsprechend der Menge eine Strafe an. Es gäbe keine Müllmafia mehr, die Abfall einsammelt, ihn aufwändig sortiert und einen großen Teil nach China oder sonstwohin exportiert.

Wie würden die Kunststoffe dann aussehen?
Man konnte Tüten und Verpackungen zum Beispiel statt aus den billigsten Materialien wie Polyethylen oder Polypropylen aus dem teureren Nylon herstellen. Nylon ist ein Stoff, der perfekt recycelt werden und praktisch endlos im Kreislauf gehalten werden kann und keins von den gefährlichen Additiven braucht – ob als Plastiktüte, Wasserflasche oder Teppichboden. Kunststoffe, die – etwa durch Abrieb – in die Umwelt gelangen können, müssen zudem chemisch so designed werden, dass sie in der Natur völlig unschädlich sind. Die Forschung hat mittlerweile sogar Kunststoffe entwickelt, die beim Recycling durch die Reinigung sauberer werden als neu hergestellte Stoffe. Sie werden also immer wertvoller. Ein anderes Beispiel: Es gibt inzwischen Teppichböden, die auch die Raumluft reiner machen.

Die neue Plastik-Strategie der EU sieht vor, dass ab 2030 alle Kunststoffe recycelfähig sein sollen. Der richtige Ansatz? 
Es steckt eine gute Absicht dahinter, aber ich habe Zweifel, dass die Maßnahmen radikal genug sind. Nach dem, was man bisher weiß, bleibt das Projekt auf halbem Weg stehen. 

Ist Plastik aus Bio-Rohstoffen, die zum Beispiel aus Mais- oder Kartoffelstärke hergestellt werden, die bessere Alternative?
Bio-Kunststoffe können durchaus zur Lösung beitragen, aber auch bei ihnen müsste das Downcycling ausgeschlossen werden. Irgendwann ist das Erdöl sowieso alle, wenn wir damit weiter so verschwenderisch umgehen und es einfach in Motoren verheizen und als Plastik in Müllverbrennungsanlagen stecken.

Gäbe es denn ausreichend Bio-Rohstoffe, um die heute verbrauchen Plastikmengen herzustellen, also etwa Mais oder Kartoffeln? Oder droht hier auch wie beim Agrosprit das Tank-Teller-Problem?
Nein, die nötigen Mengen sind viel geringer. Viel eher müsste man die Agrosprit-Herstellung und die übermäßige Fleischproduktion herunterfahren, die beide Unmengen an Fläche verbrauchten.

Interview: Joachim Wille

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