+
Blick auf den Turm der Paulskirche in Frankfurt. Der Festakt zur Preisverleihung musste wegen Corona ausfallen.

Auszeichnungen

Ohne Festakt in der Paulskirche

  • schließen

Der japanische Immunologe Shimon Sakaguchi erhält den Paul Ehrlich- und Ludwig Darmstaedter-Preis.

Wegen der Corona-Pandemie ist der Festakt zur Verleihung des Paul Ehrlich- und Ludwig Darmstaedter-Preises an den japanischen Mediziner Shimon Sakaguchi und des Nachwuchspreises an die deutsche Mokularbiologin Judith Reichmann am Samstag ausgefallen. Beide Preise hätten wie jedes Jahr am 14. März, dem Geburtstag Paul Ehrlichs, feierlich in der Frankfurter Paulskirche übergeben werden sollen. Trotz der Absage erhalten Sakaguchi und Reichmann aber natürlich ihre Auszeichnungen. Der Paul Ehrlich- und Ludwig Darmstaedter-Preis zählt zu den international bedeutendsten Preisen für Wissenschaftler. Er ist mit 120 000 Euro dotiert, der Nachwuchspreis mit 60 000 Euro.

Shimon Sakaguchi (69), der an der Osaka University in Japan arbeitet, erhält die hohe Auszeichnung für die Entdeckung der regulatorischen T-Zellen des Immunsystems. Diese speziellen Zellen helfen der Körperabwehr, zwischen Gut und Böse zu unterscheiden – und spielen damit beim Verhindern, aber auch beim Entstehen von Krankheiten eine wesentliche Rolle. Übereifer kann zu Autoimmunerkrankungen wie Rheuma. Typ-1-Diabetes oder Multiple Sklerose führen, ihr Versagen hingegen kann Krebszellen die Gelegenheit verschaffen, sich zu vermehren, Tumore und schließlich Metastasen zu bilden. Damit bieten die regulatorischen T-Zellen gleichzeitig wichtige Ansatzpunkte für mögliche Therapien in beide Richtungen.

Shimon Sakaguchi ist Immunologe und Professor an der Osaka University in Japan.

Shimon Sakaguchi war entgegen der gängigen Lehrmeinung in den 1970er und 1980er Jahren früh von der Existenz spezieller Immunzellen mit solchen Aufgaben überzeugt. Weil es keine Marker gab, diese Zellen zu identifzieren und zu isolieren, suchte er selbst nach einem Merkmal, das sie enttarnen könnte. Der japanische Wissenschaftler fand es in Form eines Oberflächenproteins, das nur bei regulatorischen T-Zellen dauerhaft und in großer Menge vorhanden ist. „Die Entdeckung dieses Markers machte ummissverständlich deutlich, dass es die regulatorischen T-Zelle tatsächlich gibt und dass man sie isolieren und näher charakterisieren kann“, sagt Thomas Boehm, Direktor am Max-Planck-Institut für Immunbiologie und Epigenetik und Vorsitzender des Paul Ehrlich-Stiftungsrates, der die Preisträger alljährlich auswählt: „Shimon Sakaguchi wird nicht nur für diese bahnbrechende Entdeckung geehrt, sondern auch für seine Weitsicht und konsequente Beharrlichkeit,“ Die Erkenntnisse des Japaners hätten dem Arbeitsgebiet einen „enormen Schub verliehen“: „Plötzlich interessierte sich viele Wissenschaftler für die regulatorischen T-Zellen.“

Regulatorische T-Zellen könnten wegen ihrer fundamentalen Bedeutung für das Immunsystem für die Behandlung mehrerer Erkrankungen in Frage kommen – wobei sie auf ganz verschiedene, auch konträre Weise eingesetzt werden müssten. Bei Autoimmunerkrankungen, bei denen das Abwehrsystem sich gegen körpereigenes Gewebe wendet und es schädigt, müssten sie zu stärkerer Aktivität angeregt werden, um die Attacken zu unterbinden. Bei Krebs hingegen, wo das Immunsystem oft zu träge reagiert beziehungsweise getäuscht wird, müsste man die regulatorischen T-Zellen bremsen, damit die bösartigen Zellen ungehindert angegriffen werden können. Man weiß heute zudem, dass Tumoren eine überproportional große Menge an regulatorischen T-Zellen enthalten.

Forscher arbeiten bereits an Wegen, diese Zahl zu reduzieren oder die dämpfende Wirkung der regulatorischen T-Zellen bei Krebs zu verhindern. Eine Schwierigkeit besteht allerdings darin, nur die regulatorischen T-Zellen im Tumor zu treffen und nicht ihre Kollegen im restlichen Körper bei ihrer wichtigen Arbeit zu behindern, wie Thomas Boehm erklärt: „Sakaguchi versucht daher, die im Tumor vorhandenen regulatorischen T-Zellen in konventionelle T-Zellen umzuwandeln, die sich dann am Angriff auf die Tumorzellen beteiligen.“ T-Zellen sind wichtige Zellen der Immunabwehr, sie gehören zur Gruppe der Lymphozyten. Ihre Aufgabe ist es, Antigene – etwa auf der Oberfläche von Krebszellen oder Viren – zu erkennen und an diese zu binden.

Derzeit werden nach Angaben der Paul Ehrlich-Stiftung bereits verschiedene Konzepte zur Behandlung von Krebs und auch Autoimmunerkrankungen geprüft. Sie befinden sich allerdings noch in einer frühen Phase der klinischen Entwicklung. Bis sie in der Praxis angewendet werden und vielen Patienten helfen können, dürfte es daher noch Jahre dauern.

Judith Reichmann (35) vom Europäischen Laboratorium für Molekularbiologie in Heidelberg wurde für ihre Forschung zu den Ursachen von Chromosomenstörungen und Fehlgeburten geehrt. Bei ihrer Arbeit mit Mäusen fand sie heraus, dass viele Embryonen der Nagetiere über eine falsche Chromosomenzahl verfügen und schon nach wenigen Zellteilungen sterben, wenn ihnen ein bestimmtes Protein mit Namen Tex19.1 fehlt. Bereits nach der ersten Zellteilung der befruchteten Eizelle kommt es dann zu Fehlern.

Judith Reichmann ist Mokularbiologin am Europäischen Laboratorium in Heidelberg.

Weiter stellte Judith Reichmann fest, dass der väterliche und mütterliche Chromonsatz bei dieser ersten Zellteilung nicht – wie bisher angenommen – über eine gemeinsame Spindel auf die beiden Tochterzellen verteilt werden, sondern über zwei getrennte Spindeln.

Diese Erkenntnis sorge dafür, „dass Lehrbücher umgeschrieben werden müssten“, so der Paul Ehrlich-Stiftungsrat. Sollte der väterliche und mütterliche Chromosomensatz auch beim Menschen erst im Zwei-Zell-Embryo verschmelzen, so müsste über das Embryonenschutzgesetz diskutiert werden. Denn laut diesem Gesetz beginnt menschliches Leben mit der Verschmelzung von mütterlichem und väterlichem Erbgut. Reichmanns Forschung habe damit auch in dieser Hinsicht „Fragen aufgeworfen“.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare