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Lecks in Nord-Stream-Pipelines: Was macht das ausströmende Erdgas mit Umwelt und Klima?

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Von: Tanja Banner

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Lecks in den Erdgas-Pipelines Nord Stream lassen Methan in die Ostsee und die Atmosphäre strömen. Was bedeutet das für die Umwelt und das Klima?

Bornholm – Die Lecks in den Gas-Pipelines Nord Stream 1 und Nord Stream 2 werden nicht nur politisch diskutiert – sie könnten auch Auswirkungen auf die Umwelt und das Klima haben. Schließlich ist Erdgas sehr reich an Methan, das als eines der bedeutendsten Klimagase gilt. Nach Angaben des Umweltbundesamts (UBA) ist es „deutlich klimaschädlicher als CO2“, weil eine Tonne Methan innerhalb von 100 Jahren die Atmosphäre genauso erwärmt wie 25 Tonnen CO2.

Nach Berechnungen des UBA sollen die Lecks in den beiden Pipelines Nord Stream 1 und Nord Stream 2 zur Emission von etwa 0,3 Millionen Tonnen Methan (umgerechnet 7,5 Millionen Tonnen CO2-Äquivalente) in die Atmosphäre führen – das entspricht etwa einem Prozent der deutschen Jahres-Gesamtemissionen. Das UBA geht einer Mitteilung zufolge davon aus, dass „aller Voraussicht nach der gesamte Inhalt der Röhren entweichen“ wird, da die Pipelines keine Abschottungsmechanismen haben. Grundlage für die Berechnungen sei die ungefähre Länge der Röhren von 1250 Kilometern, ein Durchmesser von etwa 1,1 Metern, ein Druck von 100 bar und eine Temperatur von 10 Grad Celsius. Von den vier Nord-Stream-Röhren seien drei befüllt gewesen.

Erdgas-Lecks in Nord-Stream-Pipelines: „Global gesehen ein kleines Ereignis“

Mehrere Lecks in den Nord-Stream-Pipelines lassen Erdgas in die Ostsee strömen und in die Atmosphäre aufsteigen.
Mehrere Lecks in den Nord-Stream-Pipelines lassen Erdgas in die Ostsee strömen und in die Atmosphäre aufsteigen. © IMAGO/UPI Photo

Die Angaben des UBA und auch andere Berechnungen beruhen auf Schätzungen, noch ist unklar, wie viel Gas sich tatsächlich in den beschädigten Nord-Stream-Pipelines befindet. Und auch wie viel Gas tatsächlich entweichen wird, ist noch nicht klar. Nach Berechnungen der Universität Aarhus in Dänemark könnte es im schlimmsten Fall zu einer Freisetzung zwischen 20 und 30 Millionen Tonnen CO2 kommen – das entspricht bis zu zwei Dritteln des CO2, das Dänemark innerhalb eines Jahres ausstößt. Gemessen an der dänischen Freisetzung von Treibhausgasen sei es ein großes, global gesehen eher ein kleines Ereignis, ordnet Gorm Bruun Andersen von der Universtität Aarhus die Situation gegenüber der dänischen öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalt DR ein.

Die Deutsche Umwelthilfe (DHU) geht nach eigenen Berechnungen davon aus, dass mehr als 350.000 Tonnen Methan aus den beschädigten Pipeline-Strängen auszutreten drohen. „Die Lecks sind ein Superemitter-Event von unvorstellbarem Ausmaß“, betont DHU-Bundesgeschäftsführer Sascha Müller-Kraenner in einer Mitteilung und fordert: „Das verbleibende Gas muss sofort aus allen Pipeline-Strängen abgepumpt werden.“ Bereits jetzt sei durch die Lecks ein „unermesslicher Schaden für den Klimaschutz entstanden“.

Forscher: Methan-Austritt durch Nord Stream mit lokal beschränkten Folgen

Trotz der großen Menge an Methan, die durch die Nord-Stream-Lecks in die Atmosphäre gelangen könnte, gibt sich Oliver Schmale, Forscher am Leibniz-Institut für Ostseeforschung Warnemünde (IOW) relativ gelassen: „Das Klimageschehen wird dadurch nicht verändert.“ Nichtsdestotrotz entspreche die Gesamtmenge von 500 Millionen Kubikmetern Erdgas, die nach Annahmen verschiedener Medien aus den Leitungen entweichen kann, rund 18 Prozent des Jahresausstoßes an Methan in Deutschland im Jahr
2021. Im globalen Vergleich sind es Schmale zufolge jedoch lediglich 0,06 Prozent.

Doch kleinreden will Schmale den Schaden, der vom Treibhausgas Methan ausgelöst wird, nicht: Rein wissenschaftlich würde es dem Forscher zufolge Sinn machen, das entweichende Erdgas über der Wasseroberfläche zu entzünden und seine Umwandlung in CO2 auszulösen. Ob dies in der Praxis gangbar ist, könne er jedoch nicht einschätzen. Die direkten Auswirkungen des Methan-Austritts auf die Meeresumwelt dürften dem Forscher zufolge jedoch eher lokal beschränkt sein. Zwar könnte dem Wasser in der Umgebung der Lecks Sauerstoff entzogen werden, doch durch die Umwälzung der Wassermassen dürfte sich dieser Effekt der Diffusion von im Wasser gelösten Sauerstoff in die vom Meeresboden entwichenen Gasblasen in Grenzen halten.

Nord-Stream-Lecks in der Ostsee „heizen global die Klimakrise an und schaden den Meeren“

Der World Wildlife Fund (WWF) fordert unterdessen, dass die Schäden für die Meeresumwelt „umgehend genau analysiert“ werden müssten. Noch sei unklar, was die Gaslecks für die Organismen in der betreffenden Region bedeuten. Es sei jedoch davon auszugehen, dass mit dem entwichenen Erdgas erhebliche Mengen Methan aus den Pipelines ausgetreten und „als hochgradig schädliches Treibhausgas direkt über der Wasseroberfläche in die Atmosphäre ausgeperlt sind“, so Finn Viehberg, Leiter des WWF-Ostseebüros. Das heize unabhängig von möglichen lokalen Schäden global die Klimakrise an und schade den Meeren und der bedrohten Ostsee unmittelbar. „Die Vorfälle zeigen einmal mehr die Fragilität und die Sicherheitsrisiken fossiler Energiesysteme auf“, betont Viehberg.

In der Nacht zum Montag (26. September) war zunächst in einer der beiden Röhren der nicht genutzten Erdgas-Pipeline Nord Stream 2 ein starker Druckabfall festgestellt worden. Später wurde auch ein Druckabfall in den beiden Röhren von Nord Stream 1 gemeldet. Inzwischen wurde das insgesamt vierte Leck gemeldet: „Es gibt zwei Lecks auf schwedischem Gebiet und zwei auf dänischem“, erklärte ein Verantwortlicher der schwedischen Küstenwache gegenüber der Nachrichtenagentur AFP. Die EU und die Nato gehen von Sabotage aus. (tab/dpa/afp)

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