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Eine Wucherung, wo keine hingehört: Darmtumore entstehen aus Schleimhautzellen.

Darmkrebs

Neue Frühtests gegen Darmkrebs

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Experten arbeiten an einem neuen Konzept für die Früherkennung der dritthäufigsten Krebserkrankung.

An Darmkrebs müsste heute kaum noch jemand sterben und ein Großteil auch gar nicht erst erkranken. Eigentlich, sagt der Epidemiologie Hermann Brenner, Leiter der Abteilung Präventive Onkologie am Nationalen Centrum für Tumorerkrankungen in Heidelberg, wäre dieser Tumor „nahezu komplett vermeidbar“. Denn das kolorektale Karzinom – so der Fachbegriff – ist ein langsam wachsender Tumor, der sich meist über Jahre aus Vorstufen in Gestalt größerer Polypen entwickelt. Diese lassen sich bei einer Darmspiegelung gut erkennen und entfernen. 

Tatsächlich jedoch ist Darmkrebs nach wie vor die dritthäufigste Krebserkrankung weltweit. Etwa die Hälfte der Patienten stirbt daran – hauptsächlich deshalb, weil ihr Tumor zu spät erkannt wurde; im Frühstadium liegen die Heilungschancen bei 90 Prozent. In Deutschland erhalten jedes Jahr rund 62 000 Menschen die Diagnose Darmkrebs; hier ist Zahl der Sterbefälle um knapp 30 Prozent gesunken, seit 2002 die Koloskopie (Spiegelung) für Frauen und Männer ab 55 von den Krankenkassen übernommen wird.

Doch immer noch nutzt die Mehrheit dieses Angebot nicht. Eine häufige Ursache dafür dürfte die Furcht vor der als unangenehm eingeschätzten Untersuchung sein. „Die Vorstellung, einen Schlauch in den Darm gesteckt zu bekommen, ist für viele  der Horror“, sagt Thomas Seufferlein, Ärztlicher Direktor der Klinik für Innere Medizin am Universitätsklinikum Ulm, Aber auch der Stuhltest werde von der Mehrheit der Patienten, die ihn von ihrem Arzt in die Hand gedrückt bekommen, nicht abgeben; es kostet halt auch Überwindung, nach dem Toilettengang eine Probe zu nehmen...

Wie mehr Menschen zur Früherkennung zu bringen sind, war das Thema einer Tagung, die das Netzwerk gegen Darmkrebs gemeinsam mit dem Deutschen Krebsforschungszentrum, dem Nationalen Centrum für Tumorerkrankungen, dem Universitätsklinikum Heidelberg und der Felix Burda Stiftung in Heidelberg veranstaltete. Rund 300 Wissenschaftler trafen sich dort am Montag und Dienstag, um neue Strategien für die Vorhersage, Prävention und Früherkennung von Darmkrebs zu entwickeln. Dafür gibt es mehrere Ansatzpunkte: So stehen neue Testmethoden in Aussicht, die eine größere Akzeptanz erwarten lassen, außerdem wollen die Experten daran arbeiten, die Vorsorge anders als bisher zu organisieren. 

Bei den neuen Verfahren ruhen die Hoffnungen vor allem auf Bluttests. Zwar steht allen Patienten seit dem 1. April 2017 auch ein neuer Stuhltest zur Verfügung, der genauere Ergebnisse als der bisher gebräuchliche verspricht, weil er Blut im Stuhl nicht chemisch, sondern immunologisch über spezifische Antikörper nachweist. Mit ihm lassen sich nach Angaben von Hermann Brenner rund 80 Prozent der Tumore und ein guter Teil der Vorstufen erkennen. Doch auch diese Methode berge die psychologische Hürde, dass man selbst Stuhl entnehmen und ihn dem Arzt zur Untersuchung bringen oder verschicken muss, erklärt Thomas Seufferlein. Außerdem: Zwar bluten die meisten Tumore häufiger als gesunde Schleimhaut – aber eben nicht alle. Entsprechend fällt ein kleiner Teil bei dieser bei dieser Untersuchung durchs Raster und bleibt unentdeckt.

Weitaus mehr Menschen ließen sich zur Früherkennung bewegen, wenn bei einer normalen Blutuntersuchung Hinweise auf Darmkrebs gefunden werden könnten, vermutet Seufferlein. Tatsächlich sind bereits mehrere Bluttests entwickelt worden Sie versuchen, Tumoren auf unterschiedliche Weise auf die Spur zu kommen. Eine Methode etwa basiert auf der Reaktion des Immunsystems und sucht nach bestimmten Genmerkmalen in weißen Blutzellen, die auftreten, wenn sich ein Krebsgeschwür gebildet hat. Andere prüfen, ob im Blut Tumor-DNA zirkuliert oder ob sich dort Glykane – Polysaccharide – finden, wie sie speziell bei Tumoren vorkommen. 

Optimale Ergebnisse liefern sie alle bislang indes nicht, jeder hat seine Schwächen und Stärken. Es gelte, eine Balance zu schaffen, erläutert Seufferlein: Einerseits müsse ein solcher Test empfindlich und spezifisch genug sein, um auch Krebs-Vorstufen zu erkennen. Andererseits dürfe er aber nicht so sensibel sein dürfe, dass es zur „Überdiagnostik“ komme. Eine nicht leicht zu bewältigende Gradwanderung: So ist falscher Alarm auch ein Problem des PSA-Tests, bei dem die Konzentration eines bestimmten Eiweißes im Blut auf Prostatakrebs hindeuten kann.

Weitere Alternativen, an denen gearbeitet wird, sind Urintests sowie Atemtests mit Hilfe von Massenspektrometrie, einem Verfahren, das die Zusammensetzung der Atemluft analysiert (unter anderem wird es eingesetzt, um den Magenkeim Helicobacter pylori aufzuspüren). „Es ist etliches in Bewegung, um der Bevölkerung entgegen zu kommen“, sagt Thomas Seufferlein. Eines allerdings haben sämtliche potenziellen neuen Methoden zur Früherkennung gemeinsam: Ergeben sie einen Verdacht auf Darmkrebs, so kommt man zur Abklärung des Befunds um eine Darmspiegelung nicht herum.

Dass in Deutschland nur etwa 20 bis 30 Prozent der über 55-Jährigen die Koloskopie in Anspruch nehmen und auch Massen an Patienten ausgehändigter Briefchen für den Stuhltest im Müll landen, hängt nach Ansicht der Experten aber nicht allein mit dem Unbehagen angesichts dieser diagnostischen Methoden zusammen. Auch die Tatsache, dass es bislang kein organisiertes Programm zur Vorsorge gebe, sei ein wesentlicher Faktor, sagt Hermann Brenner. In anderen Ländern handhabe man das anders; mit entsprechenden Erfolgen. Als Vorbild nannte er die Niederlande, wo persönliche Einladungen zusammen mit einem immunologischen Stuhltest und einem frankierten Rückumschlag an die Bürger verschickt werden. Bereits im ersten Jahr hätten mehr als 70 Prozent der Angeschriebenen an der Früherkennung teilgenommen. 

Ändern sollte sich nach Ansicht von Christa Maar, Präsidentin des Netzwerks gegen Darmkrebs und Vorstand der Felix Burda Stiftung, auch etwas am Umgang der Hausärzte mit dem Thema. So müsste verpflichtend bei allen Patienten im frühen Erwachsenenalter nachgefragt werden, ob in der Familie bereits Fälle von Darmkrebs aufgetreten seien. Der Hintergrund: Bei einem Teil der Patienten liegt ein familiär erhöhtes Risiko vor. In Deutschland treffe das auf zwei bis Millionen Menschen zu, sagt Christa Maar. (Eine solche Veranlagung ist allerdings nicht zu verwechseln mit genetisch bedingtem Darmkrebs, der auf bestimmten Mutationen beruht, die vererbt werden können.)

Vor allem bei Menschen, die vor dem 50. Lebensjahr erkranken, gebe es auch in der Verwandtschaft Fälle von Darmkrebs, sagt Christa Maar. Die wissenschaftlichen Leitlinien empfehlen deshalb für alle, die Darmkrebs in der Familie haben, eine Vorsorge bereits zehn Jahre vor dem Alter des jüngsten erkrankten Familienmitglieds zum Zeitpunkt der Diagnose. 

Die Zahl derjenigen, die bereits mit unter 50 Darmkrebs bekommen, hat sich in den vergangenen 20 Jahren verdoppelt; bei den 20- bis 34-Jährigen hat sie sich laut Robert Koch Institut zwischen 1995 und 2013 sogar um 168 Prozent erhöht; wenngleich auf niedrigem Niveau. Die genauen Ursachen für diese Entwicklung sind noch nicht geklärt, vermutet wird, dass der Lebensstil damit zu tun hat. Da diese Altersgruppe jedoch von der Früherkennung ausgenommen sei – auch der Stuhltest wird erst ab 50 bezahlt – und Ärzte Symptome wie sichtbares Blut im Stuhl oft lange als Hämorrhoiden fehlinterpretierten, würde die Erkrankung dann häufig erst im fortgeschrittenen Stadium erkannt, erklärt Maar. 

Mit besseren Programmen und angenehmeren Methoden zur Früherkennung erhoffen sich die Experten in den nächsten zehn Jahren eine Halbierung der Neuerkrankungen, sagt Christof von Kalle, geschäftsführender Direktor des Nationalen Centrums für Tumorerkrankungen – ähnlich wie es auch bei den Verkehrstoten gelungen sei. Deren Zahl hätte sich ebenfalls durch das Drehen an verschiedenen Stellschrauben wie Gurtpflicht oder Geschwindigkeitsbeschränkungen extrem reduziert. Mit 3200 Fällen war sie 2016 so niedrig wie nie. An Darmkrebs sterben jedes Jahr in Deutschland noch doppelt so viele Menschen. 

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