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Gastbeitrag

Die Netzwerke des Lebens

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Die Corona-Pandemie führt uns drastisch vor Augen, wie sehr wir Kontakt und Bindung, Unterstützung und Anerkennung brauchen. All dies gilt es zu stärken. 

Sars-CoV-2 hat die Welt im Griff. Die Zahl der mit Sars-CoV-2 Infizierten sowie der an COVID-19 Erkrankten und Verstorbenen, aber auch die der Genesenen steigt. Im Gegenzug wird das gesellschaftliche Leben beständig weiter eingeschränkt. Ausnahmezustand. Längst auch in liberalen Demokratien gesellschaftliche Realität, da die allgemein geteilte Unstrittigkeit des Zwecks – die Ausbreitung des Virus zu stoppen, wenigstens zu verlangsamen – eine allgemeine Debatte über die Angemessenheit der eingesetzten Mittel weithin blockiert. Wo noch vor wenigen Wochen wissenschaftliche Expertise zur menschengemachten Zerstörung des Klimas populistischer Verachtung ausgesetzt war, wünschen sich jetzt nicht wenige einen durchregierenden Virologen, der uns sagt, ob wir in der Öffentlichkeit Masken tragen sollen, ob Schulschließungen angemessen sind, Baumärkte hingegen geöffnet bleiben sollten und vieles mehr. In vielen Staaten der Welt gelten weitreichende Ausgangsbeschränkungen und Kontaktverbote, Abstand halten voneinander ist das Gebot der Stunde, #SocialDistancing und #StayAtHome die Devise des Alltags. Es sind Maßgaben, die uns, ungeachtet dessen, ob wir sie für vernünftig und sinnvoll halten oder nicht, ob wir sie beflissen befolgen oder uns ihnen mehr oder weniger freiwillig beugen, vordergründig kontraintuitiv erscheinen. In der Krise rücken wir zusammen, nicht voneinander ab!

Dass Distanz halten eine Weise des Füreinander-Daseins sein kann, und es gilt, von der Verwundbarkeit der anderen und nicht der eigenen ausgehend zu handeln, müssen wir offenkundig erst begreifen lernen. Doch Corona erinnert uns nicht nur daran, dass wir alle verletzlich, wir immer schon in der Hand der anderen sind und genau dies die prekäre Bedingung des Lebens ist. Es führt uns auch vor Augen, dass in einem von vielfältigen Achsen der Dominanz durchzogenen und von eklatanter Ungleichheit geprägten weltgesellschaftlichen Kontext diese Prekarität extrem ungleich verteilt ist. Sars-CoV-2 mag alle treffen, doch das Virus trifft eben nicht alle gleichermaßen und macht schon gar nicht alle gleich. Nicht das Virus macht den Unterschied, sondern die Umstände, in denen es uns jeweils trifft. Der Umstand beispielsweise, dass die einen ganz selbstverständlich über fließend warmes Wasser zu Hause verfügen, und für die anderen die Wasserstelle viele Kilometer zu Fuß entfernt ist, oder, wie in einigen der Elendslager an den europäischen Außengrenzen, die Wasserversorgung gleich ganz eingestellt wird.

Der Umstand, dass die einen zu neunt in zwei Zimmern mit #StayAtHome zu Recht kommen müssen, und die anderen die Yogamatte auf dem Balkon entrollen. Der Umstand, dass die einen unter miesen Bedingungen unsere Versorgung mit Lebensmitteln sicherstellen, und sich die anderen im Home Office mehr oder minder kluge Gedanken über den Zusammenhang zwischen Viren und gesellschaftlichen Zusammenhalt machen. Der Umstand, dass die einen in Ländern wie unserem mit vergleichsweise guter medizinischer Versorgung leben, und die anderen keine andere Wahl haben, als auf ein von Austeritätspolitik und Privatisierungswahn skelettiertes Gesundheitssystem zu vertrauen.

Sars-CoV-2 hat diese Ungleichheit nicht geschaffen, aber es lebt auch von solchen globalen, national verwalteten Ungleichheitsverhältnissen. Sie sind das wahre Wirtstier des Parasiten. Je eher wir das erkennen, desto besser. Das Virus ist keine Entität mit Bewusstsein, der wir gegenüber stehen, der „Feind“, den wir schlagen und besiegen müssen, das Monster, das uns vor sich hertreibt. Es geht nicht um einen Kampf, an dessen Ende, hoffentlich, Sieger – wir Menschen – und Verlierer – das Virus – stehen. Mit diesen antiquierten, und, ja, auch virilen Vorstellungen von Souveränität und Handlungsfähigkeit, die gegenwärtig nicht nur in Form der Trumpschen Hybris ein Revival erleben, werden wir diese Krise nicht bestehen. Sie haben eigentlich ohnehin schon lange ausgedient. Bereits die so genannte „AIDS-Krise“ der 1980er und 90er Jahre hat uns gelehrt, dass physikalische Modelle des Kampfes, in denen klar identifizier- und erkennbare Gegner – dort das Virus, hier wir – aufeinander treffen, untauglich sind, um virale Interventionen zu verstehen. Interventionen also, die nach dem Prinzip heimlicher Ansteckung funktionieren und gerade den Kollaps von Unterscheidungen wie innen / außen, vertraut / fremd, sicher / riskant zur Folge haben. Wir leben, mit anderen Worten, in Gemeinschaft mit dem Virus.

Überlegungen aus der feministischen Wissenschaftsforschung, etwa von Donna Haraway, die biologische und soziale Prozesse als immer schon verbundenes, nicht trennbares Geschehen denkt, können uns helfen, dies zu verstehen. Viren stellen in dieser Perspektive keine abgegrenzten Entitäten dar, sie sind vielmehr Teil „symbiotischer Assemblagen“, in denen wir über alle Speziesgrenzen hinweg miteinander verwoben und füreinander Symbionten sind. Dies ermöglicht uns, zu erkennen, wie virale Prozesse sich einschreiben in das Skript unserer sozialen Interaktionen, wie sie sich an soziale Prozesse und Dynamiken, an historisch gewachsene Strukturen und Verhältnisse, kulturelle Praktiken und Konventionen anlagern, wie sie sich huckepack nehmen lassen für ihr tödliches Geschäft. Sars-CoV-2 reist im Gepäck von Investoren entlang der alten Seidenstraße von China nach Norditalien und zurück, vom Skiurlaub in Ischgl tragen es affluente, weiße Südafrikanerinnen nach Kapstadt und Johannesburg und Berliner Lehrerinnen nach Kreuzberg und Neukölln.

Statt von unabhängig gedachten Organismen auszugehen, die wechselseitig füreinander lediglich Umwelt darstellen und gegen die wir uns jeweils immunisieren können, ist es sinnvoll, von einem immer schon ineinander verwobenen, emergenten Geschehen her zu denken lernen. Wir müssen lernen, mit dem Virus zu leben, statt gegen ihn zu agieren. So paradox auch das klingen mag: wir leben in Gemeinschaft mit dem Virus, wir müssen Gemeinschaften mit ihm bilden. Physisch Abstand halten ist genau das: Im Wissen darum, dass wir mit dem Virus koexistieren, kommen wir anderen räumlich nicht zu nahe, bremsen dadurch das Virus aus und verhindern so, bildlich gesprochen, dass sich das Virus von sozialen Prozessen huckepack nehmen lässt. Eine Praxis der Fürsorge, die von den anderen und ihrer Versehrtheit her denkt und nicht von der eigenen Immunität. #Physical Distancing ist, was Safer Sex im Zeitalter des HI-Virus war.

Es sind solche Zusammenhänge, die es zu verstehen gilt, wollen wir gesellschaftlich nachhaltige, demokratische Antworten auf die virale Herausforderung finden. Antworten, die eben nicht allein virologischer beziehungsweise immunologischer Natur sein können. Für Sars-CoV-2 wird zweifelsohne in baldiger Zukunft ein Impfstoff zur Verfügung stehen. Für die Gestaltung eines demokratischen Zusammenlebens, das, eingedenk der unhintergehbaren Verflechtungen zwischen so genannt „menschlicher“ und „nicht-menschlicher Natur“, an radikaler Gleichheit, geteilter Verletzlichkeit und der Unverzichtbarkeit jeder und jedes Einzelnen, an globaler Interdependenz und reziprok gestalteter Sorge und Verantwortung füreinander orientiert ist, braucht es dagegen mehr als ein Immunserum.

Sabine Hark ist Professorin für Geschlechterforschung an der TU Berlin und Direktorin des Zentrums für Interdisziplinäre Frauen- und Geschlechterforschung (ZIFG) an der TUB. Sie ist außerdem Initiatorin des Vereins „Wir Machen Das“ (www.wirmachendas.jetzt), der sich für eine vielfältige Gesellschaft einsetzt.

Die Corona-Pandemie macht mithin einmal mehr deutlich, wie notwendig wir kritisches Wissen darüber brauchen, welche Geschichten wir jeweils erzählen, mit „welchen Ideen wir andere Ideen denken“, um eine Formulierung der Kulturanthropologin Marilyn Strathern zu gebrauchen. Welche Geschichten also erzählen wir über das Virus und unseren Umgang damit? Geschichten heldenhafter Bezwingung und immunologischer Abschottung oder Geschichten der Affizierung und des Angesteckt-Werdens: nicht vom Erreger einer potentiell tödlichen Krankheit, sondern von der Bedürftigkeit und Angewiesenheit der anderen, die zugleich unsere eigene ist. Die Angewiesenheit auf ein Gemeinwesen, das sicherstellt, dass die einen für die anderen sorgen. Was also wird wie in einen Zusammenhang gebracht und gilt gesellschaftlich als Notstand? Welche Leben werden preis gegeben und welche gelten als schutzwürdig? Welche Körper werden als Gefahr betrachtet und welche als gefährdet, wie wird Gewalt gegen manche Körper gerichtet und nicht gegen andere?

Doch die Pandemie verlangt von uns noch etwas anderes. Sie verlangt nicht nur, dass wir solche Fragen stellen, sie verlangt auch, dass wir gesellschaftliche Solidarität neu zu buchstabieren wagen. Eine solche neue Sprache der Solidarität müsste auf eine Reihe von Herausforderungen antworten: Sie muss erstens dem Umstand Rechnung tragen, dass eine Ontologie voneinander unabhängig gedachter Identitäten nichts dazu beizutragen hat, die auch in der Corona-Pandemie einmal mehr deutlich werdenden weltweiten Interdependenzen und global verflochtenen komplexen Netzwerke der Macht zu begreifen. Sie muss zweitens eine Antwort anbieten für die Aufgabe, wie wir ein Ethos erlernen, das sich nicht nur an diejenigen richtet, mit denen wir uns verbunden fühlen, sondern ebenso an jene, die wir weder kennen noch durchschauen, mit denen wir nichts zu tun haben. Und sie muss dies schließlich drittens tun in einer historischen Situation, in der in einem sich über Jahrzehnte hinziehenden Prozess der neoliberalen Aushöhlung liberaler Demokratien das Credo, dass jede und jeder nur für sich selbst, nicht aber für andere verantwortlich ist, zur moralischen Leitwährung veredelt wurde. Die Chance der kollektiven Verständigung über Lebensformen und kooperativen Entschlussfassung über jene Angelegenheiten, die Menschen gemeinsam sind, ist in Folge dessen ebenso dramatisch erodiert, wie die Verengung und Zerstörung öffentlicher Räume, die Verunmöglichung kollektiver Lernerfahrungen und die Fragmentierung des Gemeinwesens Solidarität subaltern hat werden lassen. Es ist genau diese Möglichkeit, sich selbst zu regieren, die zu den besonders gefährdeten Elementen der Demokratie gehört, wie wir auch in diesen Tagen des Vorrangs des Regierens per Verordnung erleben können.

Doch wie und was wäre jetzt, in the midst of things, zu tun? Vielleicht am wichtigsten: Erkennen, dass alles, „was wir zu tun haben“, wir jetzt zu tun haben, wie Christina Thürmer-Rohr in den 1980er Jahren im Kontext der atomaren Bedrohung schrieb. Wir müssen das Wagnis, Solidarität neu zu buchstabieren, jetzt eingehen und es darf nicht an nationalen, ethnischen oder klassenbasierten, an religiösen, geschlechtlichen oder sexuellen Grenzen halt machen. Was wir heute tun, entscheidet, wie wir morgen leben werden: als kontaktreduzierte, an den Ausnahmezustand gewöhnte Monaden im Home Office und auf digitalen Plattformen oder als Gemeinschaft voneinander abhängiger Wesen, die in Freud und Leid verbunden und auf eine unterstützende Umwelt angewiesen sind. Wir alle sind abhängig von unterstützenden Infrastrukturen, von ökonomisch, kulturell, sozial und historisch je spezifischen Netzwerken und Bindungen und von Anerkennungsverhältnissen, die uns im Leben halten. Es ist eine Abhängigkeit, die wir nicht übergehen können. Sie ist ein nicht verhandelbarer Umstand unseres Seins als körperliche Wesen. Die Pandemie macht aber auch deutlich, dass wir diese Strukturen der Unterstützung sowie die Netzwerke des Lebens dort, wo sie fehlen, auch und gerade unter der Bedingung ihres Fehlens beziehungsweise ihrer systematischen Verhinderung schaffen müssen: im eigenen, derzeit kontaktreduzierten Alltag genauso wie auf den griechischen Inseln, vor den Küsten Libyens, in den Asylunterkünften Brandenburgs, in überfüllten Hospitälern und geplünderten Supermärkten. Das ist, was jetzt zu tun ist: Von der Verwundbarkeit der anderen ausgehend handeln, im Wissen darum, dass es nicht SARS-CoV-2 allein ist, das tötet, sondern die Verweigerung, mit anderen Wesen, menschlichen wie nicht-menschlichen, zu denken, sowie der politisch induzierte Mangel an unterstützenden Infrastrukturen und Solidarität. In diesem Sinne: Haltet Abstand. Bildet Virengemeinschaften!

Von Sabine Hark

Mit einem Phasenmodell macht die indische Ärztin Monika Langeh Mut, die Corona-Krise als Chance für die persönliche Entwicklung zu nutzen. Sie erklärt, worauf es dabei ankommt.

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