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Auch wenn's manchmal kracht: Mit Geschwistern aufzuwachsen ist eine Erfahrung, von der die meisten Kinder profitieren.

Geschwister

Nesthäkchen hat's nicht nur schön

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Wie die Stellung in der Geschwisterfolge das Wesen eines Menschen prägt. Ein Gastbeitrag.

Das afrikanische Sprichwort „Jedes Kind braucht zu seinem Gelingen ein ganzes Dorf“ meint vor allem eines: Dass ein Kind nicht nur Eltern und Großeltern braucht, um seine Persönlichkeit auszubilden, sondern auch Freunde und Vorbilder. Und im besten Falle eben auch Geschwister. Denn so wie es prägend ist, ob ein Kind mit beiden Eltern aufwächst oder mit nur einem Elternteil und ob das Kind geliebt oder eher als störend empfunden wird, so kann es bestimmte Dinge des Lebens schon früh durch Geschwister lernen: Abgesehen davon, dass Geschwister immer gut zum Spielen, zur Welterkundung und für Gespräche sind, lernt ein Kind in der Geschwisterfolge auch die Prinzipien Über- und Unterordnung, Machtausübung oder -erduldung kennen. Ebenso das Lügen und Klauen oder auch das Wahren von Geheimnissen.

Die amerikanische Soziologin Jill Suitor hat 550 Mütter mit inzwischen erwachsenen Kindern befragt und dabei erfahren, dass 50 Prozent dieser Frauen ein Lieblingskind gehabt haben – und das auch zugeben. Weitere 30 Prozent dieser 550 Frauen haben ebenfalls ein Lieblingskind, aber hüten das Geheimnis, welches. Grundsätzlich ist ein Lieblingskind kein Problem, gibt es doch den Phasenwechsel, demzufolge mal ein Kind, dann ein anderes lieber gemocht wird. Und ohnehin hat der Vater häufig ein anderes Lieblingskind als die Mutter – so wie sich Kinder mal mehr zu Mama, mal mehr zu Papa hingezogen fühlen.

Nur 20 Prozent aller Eltern haben dauerhaft ein Lieblingskind. Wirkliche Vorteile haben diese Lieblingskinder nicht: Sind sie doch mehr als andere von Depressionen bedroht, auch weil sie irgendwann spüren, dass sie die Erwartungen ihrer Eltern kaum erfüllen können. Die Forderung, Eltern sollten grundsätzlich alle ihre Kinder gleich behandeln, nützt in diesem Zusammenhang nicht viel, denn das Liebermögen entzieht sich rationalen Erwägungen.

Jungen bekamen mehr Zuwendung als Mädchen

Historisch betrachtet war es eigentlich immer so, dass Jungen mehr Zuwendung bekamen als Mädchen, Erstgeborene mehr als mittlere Kinder in einer Geschwisterfolge, leibliche mehr als „Kegel“, also uneheliche Kinder, und vom Partner in die Ehe mitgebrachte „Stiefkinder“. Selbst in Märchen wie Aschenputtel geht es um bevorzugte Kinder und auch in der Bibel, in der Jakob seinen Sohn Josef mehr liebte als seine anderen Söhne und diese Liebe auch nicht verbarg.

Jill Suitor hat herausgefunden, dass Erstgeborene, die ja anfangs die ungeteilte Liebe ihrer Eltern bekamen, am häufigsten Lieblingskinder werden, am ehesten gelingen und die wenigsten Störungen aufweisen, obwohl die Eltern beim ersten Kind im Allgemeinen noch unerfahren sind und viele Fehler machen.

Am schwersten haben es stets die mittleren Kinder in einer Reihe gleichgeschlechtlicher Kinder; Sie bekommen meist weniger Aufmerksamkeit als die „Thronfolger“ und die Nesthäkchen, so dass sie sich späterhin taktisch am besten bewähren, Karriere machen und auch das meiste Geld verdienen – oder eben am revolutionärsten werden. Hat allerdings ein Junge eine ältere und eine jüngere Schwester (oder ein Mädchen einen älteren und einen jüngeren Bruder), so werden in der Regel alle drei Kinder gleichbehandelt –wenn das mittlere nicht sogar bevorzugt wird.

Der Psychiater Paul Watzlawick hat einmal so schön formuliert: „Bei der Wahl seiner Eltern kann man nicht vorsichtig genug sein“. Man müsste ergänzen: Bei der Stellung in der Geschwisterkette auch nicht. Alfred Adler hat 1927 in seinem Buch „Menschenkenntnis“ ein Kapitel dem Thema „Geschwister“ gewidmet; er führt darin aus, dass die ältesten Kinder sich im Allgemeinen an die Autorität ihrer Eltern anlehnen und später oft „Stützen der elterlichen Macht“ werden, während die Nachgeborenen eher zur Rebellion neigen, weil sie permant den „Stachel ihrer Kleinheit“ empfinden.

Was Einzelkinder an Geschwisterlichkeit nicht haben, müssen Eltern selbst anbieten oder über Sportverein und Musikschule für Geschwisterersatz und damit für Anlässe sorgen zum Balgen und für Heimlichkeiten, für soziale Grenzerfahrungen, Jugendsprachanbindung sowie Spiel und Bewegung. Einzelkinder orientieren sich früher an der Erwachsenenwelt und laufen so Gefahr, wichtige kindliche Entwicklungsstufen zu überspringen. Wir sprechen dann von „Verfrühung“. Aber Einzelkinder sind in der Regel verantwortungsbewusster, verlässlicher und selbstbewusster, allerdings oft auch konservativer. Berühmte Einzelkinder sind Franklin D. Roosevelt, Jean-Paul Sartre, Elvis Presley oder Indira Gandhi.

Jedes Kind ist eine unverwechselbare Besonderheit

Eltern von mehreren Kindern berichten oft, wie viel leichter ihnen die Erziehung der jüngeren gefallen sei. Mütter, die selbst als Einzelkind aufgewachsen sind, tun sich mit der Erziehung ihres ersten Kindes und erst recht mit der der folgenden Kinder eher schwer, weil sie nicht auf Erfahrungen mit eigenen Geschwistern aufbauen können. Mit zwei oder mehreren Kindern zu leben, öffnet erst die Augen für die enorm wichtige Erkenntnis, dass jedes Kind eine unverwechselbare Besonderheit ist und ganz anders behandelt werden muss als die anderen.

Nimmt man die letzten 60 großen Studien zur Bedeutung der Stellung in der Geschwisterreihung aus den letzten 30 Jahren zusammen, dann ergibt sich im statistischen Mittel, also nicht für den Einzelfall, folgendes Bild:

- Der Arzt Job Metsemakers von der niederländischen Universität Limburg kommt nach der Auswertung von fast 6000 Familienakten zum Schluss, dass Einzelkinder häufiger als andere krank sind sowie Übergewicht haben und dass der Gesundheitszustand der Kinder in Großfamilien am besten ist.

- Einzelkinder und Erstgeborene sind im Schnitt klüger und sprachgewandter, weil die Eltern häufiger und mehr mit ihnen sprechen. In einer Geschwisterkette ist der Intelligenzquotient im Allgemeinen beim Erstgeborenen am höchsten und sinkt dann von Kind zu Kind langsam ab. Beim Längenwachstum ist es umgekehrt: Der Zweitgeborene wird meist größer als der Erstgeborene.

- Einzelkinder sind nur dann krankheitsanfälliger, wenn es zu Familienkrisen kommt, weil sie bei einer Scheidung 50 Prozent ihrer Hauptbezugspersonen verlieren, Drittgeborene aber nur 25 Prozent.

- Die Zahl der Einzelkinder nimmt in unserer Gesellschaft drastisch zu. 40 Prozent der Menschen, die Kinder haben, haben nur noch ein Kind, in Großstädten wie Hamburg sind es sogar 60 Prozent.

- In getrennten Milieus aufwachsende eineiige Zwillinge sind sich im Wesen ähnlicher als eineiige Zwillinge, die im selben Umfeld leben, weil sich Zwillinge – und erst recht Drillinge und Vierlinge – , die im selben Milieu leben, in der direkten Konkurrenz jeweils eigene Wesenszüge akzentuieren.

- Es hängt von den Eltern ab, ob Erstgeborene durch Geschwister „entthront“ werden oder sich zurückgesetzt fühlen – und in der Folge mit Trotz oder Rebellion aufbegehren. Das passiert oft, wenn der Altersabstand zum nächsten Kind gering ist und sich die Eltern deutlich mehr um das Baby kümmern als zuvor um das Erstgeborene. Erstgeborene zeigen jedenfalls als Folge der Konkurrenz durch ein Geschwisterkind ein Leben lang mehr kämpferischen Ehrgeiz.

- Erstgeborene neigen nach einer großen Studie des Amerikaners Frank Sulloway, für die er Tausende von Biografien ausgewertet hat, zu Dogmatismus und Dominanz, oft gelten sie als „altklug“. Berühmte Erstgeborene sind Winston Churchill und Hillary Clinton.

- Letztgeborene haben – zumal in einer großen Geschwisterreihe – als „verhätschelte Nesthäkchen“ eine ziemlich ungünstige Prognose. Ihnen werden viele Probleme aus dem Weg geräumt und viele wichtige Herausforderungen von ihnen fern gehalten, so dass sie mit „Overprotection“ und einem Defizit an Eigenverantwortung ihre Kräfte nicht angemessen entwickeln können. Zu viel Schonraum und zu wenige Möglichkeiten, an Fehlern zu wachsen, führen zu einem Mangel an Lebenstüchtigkeit. Mit ungeschicktem Trotz und renitenten Verhaltensauffälligkeiten versuchen sie dann, aus der Rolle des „süßen Kleinen“ auszubrechen.

- Andererseits gilt aber auch, dass „Spätgeborene“, die als „Nachzügler“ mit einem sehr großen Abstand zu dem davor Geborenen zur Welt kommen, in einer anderen Zeit mit anderen Werten aufwachsen, so dass sie eher gegen elterliche Erwartungen aufbegehren; sie geraten unkonventioneller und sind beruflich erfolgreicher. Benjamin Franklin und Bill Gates stehen für einen solchen Werdegang.

- Mittlere Kinder haben oft eine harte Kindheit zwischen dem mit Stolz bedachten „Thronfolger“ und dem umsorgten „Nesthäkchen“. Sie bekommen häufig die geringste Aufmerksamkeit in der Familie und müssen sich früh selbst um sich kümmern. Sie entwickeln daher nicht nur ein hohes Maß an Eigenverantwortlichkeit und Selbstständigkeit sowie taktisch geschickter Diplomatie, sondern auch an Gelassenheit, Kooperationsfähigkeit, Durchsetzungsstärke und Egoismus. Sie werden nicht selten antriebsstarke Querdenker, Aussteiger und Gründer von Start-up-Unternehmen. Während nur ein Drittel aller Erstgeborenen und Einzelkinder rebellierend-kreative Tendenzen zeigen, neigen zwei Drittel aller Zweitgeborenen und mittleren Kinder dazu. Allerdings: Mit der Last, das eher ungeliebte Kind zu sein, werden sie vielfach neurotische und daher ungeliebte Chefs. Berühmte Zweitgeborene sind Kopernikus, Charles Darwin und Sigmund Freud.

- Der Wunsch von Eltern, besonders viele Kinder zu haben, entspricht eigentlich nie dem Bedürfnis der Kinder nach vielen Geschwistern. Die kindliche Psyche findet die Grenze ihrer sozialen Belastbarkeit durchweg im Vier-Personen-Haushalt mit Mutter, Vater und einem Geschwisterkind. Vom dritten Kind an stellt sich in der Regel Überfoderungsstress ein, und der trifft meist das mittlere Kind. Am leichtesten gelingt die Erziehung von zwei Geschwistern, jedenfalls leichter als bei Einzelkindern und bei drei Kindern. Am günstigsten ist, wenn Eltern einen Sohn und eine Tochter haben.

- Eine Studie des Bamberger Familienforschers Hartmut Kasten kommt zu dem Ergebnis, dass der optimale Altersabstand zwischen Geschwistern bei drei Jahren liegt. Ist der Abstand geringer, nehmen Streitigkeiten zu, ist er größer, wird zu wenig geredet und gespielt.

Bildungsniveau und Familienstand

Aufschlussreich ist übrigens der Zusammenhang von Bildungsniveau und Familienstand: Während nur 19 Prozent der Hauptschüler später ledig bleiben, sind es 42 Prozent der Abiturienten. Kinder von Absolventen der Sekundarstufe I, die ja nach Klasse 10 meist in eine Ausbildung gehen, wachsen eher in einer Familie auf und haben häufiger Geschwister als Kinder von Abiturienten und Akademikern.

Abschließend muss noch einmal betont werden: Alle eben gemachten Aussagen gelten nur in der Tendenz. Denn eine alleinerziehende berufstätige Mutter mit drei Kindern, die sämtliche statistischen Nachteile, die für die Sozialisation ihrer Familie gelten, in sich vereinigt, kann – wenn sie „gut drauf“ ist – durchaus kraft ihrer Persönlichkeit, ihrer Einstellung zu ihren Kindern und ihres Organisationstalents dafür sorgen, dass all ihre Kinder optimal gelingen.

Prof. Dr. Peter Struck ist Erziehungswissenschaftler an der Universität Hamburg.

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