Tödlich in kleinsten Mengen

Nowitschok: Wie das Nervengift wirkt, mit dem Nawalny vergiftet wurde

  • Pamela Dörhöfer
    vonPamela Dörhöfer
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Krämpfe, Lähmungen, erhöhter Speichelfluss, Übelkeit und Luftnot - das Gift Nowitschok, mit dem Nawalny vergiftet wurde, ist schon in kleinsten Mengen tödlich.

  • Der bekannte Kreml-Kritiker Alexej Nawalny wurde mit einem Nervengift vergiftet.
  • Dabei handelt es sich um den Kampfstoff „Nowitschok
  • So wirkt der Nervenkampfstoff.

Der „Neuling“ – so etwa lässt sich das russische Wort „Nowitschok“ auf Deutsch übersetzen. Ein Name, der vor mehr als 40 Jahren zutraf, als sowjetische Wissenschaftler die hochgiftigen Verbindungen entwickelten, um die Chemiewaffenkonvention zu umgehen. Nowitschok zählt zu den Nervenkampfstoffen und bezeichnet nicht nur eine einzelne Substanz, sondern eine Klasse hochtoxischer Verbindungen. Sie können flüssig oder gasförmig sein. Einige davon zählen zu den gefährlichsten Giften der Welt. Je nachdem, um welche Variante es sich handelt, könnte Alexej Nawalny Nowitschok eingeatmet (eher unwahrscheinlich), über die Haut oder über ein Getränk aufgenommen haben, etwa als Pulver in dem Tee, den er am Flughafen getrunken hat.

Nowitschok: Kremlkritiker Alexej Nawalny wurde damit vergiftet

Verbindungen aus der Nowitschok-Gruppe gehören zu den Cholinesterasehemmern. Dass Nawalny mit einer Substanz aus dieser großen Wirkstoffgruppe vergiftet wurde, hatte man in der vergangenen Woche bereits an der Berliner Charité festgestellt. All diesen Substanzen gemein ist, dass sie das Enzym Cholinesterase blockieren. Ohne dieses Enzym kann unser Nervensystem nicht richtig funktionieren. Nervenzellen kommunizieren über das Aussenden von Botenstoffen mit anderen Zellen. Diese Botenstoffe müssen allerdings auch wieder abgebaut werden, sonst kommt es zu einer Reizüberflutung.

Wirkung des Nervengifts Nowitschok: Krämpfe und Lähmungen

Eine solche Aufgabe übernimmt die Cholinesterase. Fällt dieses Enzym aus, spielt das Nervensystem verrückt und feuert dauerhaft Informationen an das Gewebe, die Muskeln und die Organe. Das kann zu Krämpfen und Lähmungen, erhöhtem Speichelfluss, Übelkeit und Luftnot führen, weil die Atemmuskulatur verkrampft und nicht mehr kontrolliert werden kann. Die mangelnde Sauerstoffversorgung kann das Gehirn schädigen, Atemlähmung zum Tod durch Ersticken führen. Menschen mit einer Vergiftung durch einen Cholinesterasehemmer wie Nowitschok müssen deshalb künstlich beatmet werden, so wie es auch bei Alexej Nawalny geschehen ist.

Die Ärztinnen und Ärzte der Charité haben ihm als Gegenmittel Atropin verabreicht, ein giftiges Alkaloid aus der Tollkirsche, das in der Augenheilkunde genutzt wird, um die Pupillen weitzustellen. Als Gegenmittel bei Vergiftungen mit Cholinesterasehemmern hilft es, das Reizbombardement abzuschwächen, außerdem regt es die Herzfrequenz an.

Wirkung von Nowitschok: Hochtoxisches Nervengift

Experten gehen davon aus, dass Nowitschok nur in einem hochspezialisierten Labor hergestellt werden kann. Andere Wirkstoffe aus der Gruppe der Cholinesterasehemmer sind die Basis für Pestizide und Medikamente, die unter anderem bei Alzheimer eingesetzt werden. So hochtoxisch wie Nowitschok ist allerdings nichts davon.

Rubriklistenbild: © afp/ODD ANDERSEN

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