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Jährlich gehen in Deutschland 225 Millionen Packungen über den Ladentisch. 

Gesundheit

Nahrungsergänzungsmittel: Geld dafür kann man sich sparen

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Studien belegen: Vitamin- und Mineralstoffpräparate helfen nicht und bergen manchmal sogar Risiken.

Sie versprechen, das Immunsystem auf Trab zu bringen, das Herz-Kreislauf-System zu schützen, vermeintlich verbreitete Mangelzustände auszugleichen und den Körper mit notwendigen, gesundheitsförderlichen Stoffen zu versorgen: Nahrungsergänzungsmittel gehören zu den Bestsellern in den Apotheken der Industrieländer und vermitteln bei der Einnahme das Gefühl, sich etwas Gutes zu tun – und das ohne das Risiko schädlicher Nebenwirkungen. Zu recht? Viele Mediziner zweifeln das inzwischen an und warnen sogar vor gesundheitlichen Risiken vor allem bei langfristiger Einnahme.

Nahrungsergänzungsmittel sind ohne Rezept in Apotheken, Drogerie- und Supermärkten erhältlich. Alleine in den USA, wo die Menschen besonders stark auf die Wirkung schwören, werden jedes Jahr 28 Milliarden Dollar für Nahrungsergänzungsmittel und Multivitaminpräparate ausgegeben, aber auch die Deutschen greifen gerne zu. Nach einer vom Lebensmittelverband Deutschland in Auftrag gegebenen Erhebung kauften die Bundesbürger 2018 insgesamt 225 Millionen Packungen. Der Umsatz stieg von 1,31 Milliarden Euro im Jahr 2017 auf 1,44 Milliarden im Jahr 2018. 

Nur Veganer brauchen Vitamin B12

Beim Kongress Viszeralmedizin 2019 (Viszeral bezeichnet die Eingeweide) in Wiesbaden stellte Jürgen Schölmerich, Facharzt für Gastroenterologie und ehemaliger Ärztlicher Direktor und Vorstandsvorsitzender des Universitätsklinikums Frankfurt die aktuelle Studienlage vor. Er nahm sich dabei nicht nur Vitamin- und Mineralstoffpräparate vor, sondern auch freiverkäufliche Medikamente wie Acetylsalicylsäure, die ebenfalls von vielen Menschen zur Prophylaxe eingenommen werden – und das oft, ohne dass sie ein Arzt zu diesem Zweck verschrieben hätte. 

Grundsätzlich, konstatiert Schölmerich, enthalte eine ausgewogene Ernährung „alles, was der Körper benötigt“. Die zuweilen in der Naturheilkunde propagierte „orthomolekulare Medizin“, die mit einer individuell auf jemand abgestimmten Dosis an Nährstoffen die Gesundheit erhalten und Krankheiten behandeln will, bezeichnete er als „Unsinn“. Lediglich Veganer müssten sich Vitamin B12 zuführen. Dieses ist wichtig für das Nervensystem, die Bildung roter Blutkörperchen und die Regeneration der Schleimhäute und in Fleisch, Innereien, Milchprodukten und Eiern enthalten, in pflanzlichen Produkten jedoch so gut wie gar nicht.

Nahrungsergänzung: Vitamin D ist vor allem für alte Menschen sinnvoll

Für ältere Menschen könne es zudem sinnvoll sein, Vitamin D-Präparate einzunehmen, sagt der Frankfurter Mediziner. Denn sie halten sich oft kaum noch im Freien auf und sind besonders gefährdet, sich Knochen zu brechen. Vitamin D bekommt der Körper vor allem durch das Sonnenlicht, seine Schutzwirkung vor Osteoporose ist belegt. 

Das war es dann aber auch schon mit den Empfehlungen für solche Präparate: Denn laut Schölmerich ließen sich bei mehreren groß angelegten Studien keinerlei positive Effekte der diversen Multivitamin- und Mineralstoffpräparate nachweisen. An einer dieser Untersuchungen nahmen 14.000 Ärzte teil, die dabei selbst als Testpersonen fungierten. Ein Teil von ihnen nahm über die Dauer von 15 Jahren Multivitaminpräparate ein, die andere Gruppe schluckte ein Placebo. Das Ergebnis: „Es kam heraus, dass diese Mittel überhaupt nichts helfen.“ 

Keine positiven Effekte Ergänzungspräparate nachgewiesen 

Eine kürzlich publizierte Metaanalyse, für die Forscher 49 Studien mit insgesamt 290.000 Teilnehmern auswerteten, legte den Fokus auf die Vitamine C, D und K, auf die Minerale Magnesium, Selen und Zink sowie auf die Omega-3-Fettsäure. Auch hier das gleiche Resultat: kein positiver Einfluss im Hinblick auf die Vermeidung von Krankheiten wie Krebs oder Herz-Kreislauf-Leiden, keine Lebensverlängerung. Insbesondere Vitamin C, Vitamin D, Selen und Zink werden von den Herstellern solcher Produkte oft positive Wirkungen auf das Immunsystem zugeschrieben. Magnesium und Omega-3-Fettsäuren wiederum nehmen viele Menschen ein im Glauben, damit ihr Risiko für eine kardiovaskuläre Erkrankung senken zu können. Vor allem die Omega-3-Fettsäure steht im Ruf, vor Herzinfarkt und Schlaganfall schützen zu können.

Bereits im vergangenen Jahr kamen mehrere Studien aber zu ernüchternden Ergebnissen. Eine Anfang 2019 Jahres veröffentliche Studie untersuchte an rund 26 000 Frauen und Männern ebenfalls die Wirkung von Omega-3-Fettsäuren und zusätzlich die von Vitamin D, beide im Hinblick auf die Prävention von Krebs und kardiovaskulären Erkrankungen. „Es fand sich kein Effekt“, sagt Jürgen Schölmerich.

Folsäure kann Krebsrisiko erhöhen

Allerdings scheinen nach einigen Untersuchungen Vitamin E und Folsäure das kardiovaskuläre Risiko geringfügig senken zu können, sagt Schölmerich. Für Folsäure kommt jedoch gleich ein dickes „Aber“ hinzu: Sie steht im Verdacht, das Risiko für Prostatakrebs zu erhöhen. Auch für Vitamin A legen einige Studien nahe, dass es in hohen Dosen krebsfördernd wirken und überdies zu Leberschäden führen kann. Beta-Carotin kann bei Rauchern die Gefahr steigern, einen bösartigen Tumor in der Lunge zu entwickeln.

Aspirin als Nahrungsergänzung - Ärzte raten davon ab

Nicht nur Vitamine und Mineralstoffe werden in der Hoffnung auf gesundheitsförderliche Effekte geschluckt, sondern auch „echte“ Medikamente. An vorderster Stelle steht hier Acetylsalicylsäure, besser bekannt als Aspirin. Wegen seiner blutverdünnenden Wirkung nehmen viele Menschen das Mittel, weil sie so einem Herzinfarkt oder Schlaganfall vorbeugen wollen.

Ärzte verschreiben Aspirin deshalb oft nach einer überstandenen kardiovaskulären Erkrankung zum Schutz vor einem weiteren lebensbedrohlichen Ereignis. In diesem Fall sei das Medikament auch „sinnvoll und wirksam“, erklärt Schölmerich. Viele Menschen nehmen es aber auch rein prophylaktisch ein, ohne je vorher erkrankt gewesen zu sein. Die Datenlage für Aspirin als „Primärprävention“ sei jedoch „ernüchternd“, erklärt der Experte. Mehrere 2018 veröffentlichte Studien zeigten, dass die vorsorgliche Einnahme des Mittels die Wahrscheinlichkeit einer Herz-Kreislauf-Erkrankung nicht reduzieren könne. Vielmehr wiesen jene Studienteilnehmer, die regelmäßig Acetylsalicylsäure einnahmen, eine erhöhte Rate von Blutungen auf, vor allem im Magen-Darm-Trakt.

Nahrungsergänzung: „Werbeaussage ist einfach falsch“

Seit einigen Jahren wird zudem diskutiert, ob Aspirin auch vor Krebs oder bei einer bestehenden Krebserkrankung vor der Bildung von Metastasen schützen kann; einige Studien und Erkenntnisse aus der Grundlagenforschung deuteten darauf hin. Eine neue Metaanalyse habe jedoch auch in dieser Beziehung „keine signifikanten Effekte gezeigt“, sagt Schölmerich.

Was bleibt? „Die Werbeaussage, wonach jeder Mensch eine Extraportion Vitamine oder Mineralstoffe zur Aufrechterhaltung der Leistungsfähigkeit und Gesundheit brauche, ist schlicht und einfach falsch“, sagt Schölmerich. Wer gesund länger leben wolle, solle dem alten Sprichwort folgen „Gutes Essen hält Leib und Seele zusammen.“ Mehr als nur dahingesagt: Neue Erkenntnisse der Forschung belegten, so der Mediziner, dass sich eine „genussvolle Art des Essens“ positiv auf die das Mikrobiom, die Zusammensetzung der Mikroorganismen, im Magen-Darm-Trakt auswirken. Und dieses wiederum sei bedeutsam für ein „langes, autonomes Leben“.

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