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Silvia Heer, Kevin Schaefers, FR-Redakteurin Antje Mathez und Beatrix Tappeser (v.l.n.r.).

Fair Finance Week

Nachhaltigkeit statt kurzfristiger Rendite

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Podium zum Auftakt der Fair Finance Week fordert mehr Engagement von Banken und Privatinvestoren.

Der Zeitpunkt passt – in diesem Jahr womöglich besser als in den drei Vorjahren: Die Fair Finance Week ist seit 2014 Gegenpol zur parallel stattfindenden Euro Finance Week, auf der die Finanzszene sich seit 20 Jahren trifft. In diesem Jahr aber ist Halbzeit bei der Klimakonferenz in Bonn, auf der die Teilnehmer darum ringen, wie man die Klimaziele erreichen – und wie man das nötige Geld dafür auftreiben kann.

Die Fair Finance Week findet auch gut eine Woche nach der Veröffentlichung der „Paradise Papers“ statt, in denen die Tricks zur Steuervermeidung von großen Unternehmen wie Apple oder von einzelnen vermögenden Anlegern wie Lewis Hamilton, Bono oder Ex-Bundeskanzler Gerhard Schröder offenbar wurden. „Die Gesellschaft muss sich dringend damit auseinandersetzen, wie sie mit Geld und Investitionen umgeht“, sagte Beatrix Tappeser, Staatssekretärin im Hessischen Ministerium für Umwelt, Klimaschutz, Landwirtschaft und Verbraucherschutz.

Ein Umgang im fairen Sinn. Das heißt, möglichst so, dass die 17 Nachhaltigkeitsziele (SDGs), die 2015 von den Vereinten Nationen verabschiedet wurden, erreicht werden. Nachhaltiges Wirtschaftswachstum, Unterschiede im Lebensstandard reduzieren, Chancengleichheit schaffen und die natürlichen Ressourcen nachhaltig managen – das sind nur einige dieser SDGs, die bis 2030 umgesetzt sein sollen.

Wie das geschehen könnte, war am Montag Thema einer von FR-Redakteurin Antje Mathez moderierten Podiumsdiskussion zum Auftakt der Fair Finance Week in Frankfurt. Denn es fehlt an Geld: Jährlich gebe es eine Finanzierungslücke von 2,5 Billionen Dollar, rechnete Silvia Heer vor, im Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) zuständig für die Förderung der Privatwirtschaft.

Selbst wenn die Industrieländer endlich die eigentlich von ihnen geforderten 0,7 Prozent des Bruttoinlandsprodukts dafür ausgeben würden, diese Ziele umzusetzen – es würde nicht ausreichen. Aber es gibt mehrere hundert Billionen Dollar privates Kapital. Diese Summen auch in nachhaltige Geldanlagen zu lenken, ist ein Ziel des BMZ. Dazu werden öffentliche Gelder mobilisiert mit Hilfe der Deutsche Investitions- und Entwicklungsgesellschaft (DEG) und der staatseigenen KfW, die den Investoren die Risikoscheu nehmen sollen.

Genossenschaftliche Institutionen vor Ort unterstützen wäre ein weiterer Ansatz – da könnte es helfen, wenn auch dafür staatliche Hermes-Bürgschaften zur Verfügung stünden, forderte Heer. Die Finanzsysteme in den Entwicklungsländern sollen außerdem gestärkt werden – oft legten etwa afrikanische Staaten ihr Geld nicht im eigenen Land an.

So wichtig der Kapitalfluss in die Entwicklungsländer sei: Man sollte aber nicht vergessen, dass es auch in Deutschland viel Nachholbedarf gibt: „Deutschland wird seine Nachhaltigkeitsziele nicht erreichen“, erinnerte Kevin Schaefers, Vorstandsmitglied von CRIC, des Vereins zur Förderung von Ethik und Nachhaltigkeit bei der Geldanlage. Und in solchen Investments sind bisher – so die jüngsten Zahlen des Forums für nachhaltige Geldanlagen – nur 125 Milliarden Euro investiert. „Ein Witz“, empörte sich Schaefers und erinnerte an die 60 Milliarden Euro, für die die EZB monatlich Wertpapiere am Kapitalmarkt kauft.

Mangel an Anlagemöglichkeiten für Privatanleger sieht er nicht- es gebe immerhin 300 nachhaltige Aktien-Publikumsfonds, in die Geld fließen könnten. Auch in den Banken muss einiges geschehen: Die Risiken des Klimawandels analysierten viele Geldhäuser oder institutionelle Investoren noch nicht ausreichend. Sie seien eher auf kurzfristige Rendite ausgerichtet, sagte Silvia Heer.

Doch sollte man die Banken nicht nur als Bremser sehen. Das wäre etwas zu simpel, mahnte Schaefers. Alle müssten sich engagieren – die Regierungen, die Bürger, private wie Finanzinvestoren. Die Finanzwirtschaft sei zwar der Transmissionsriemen. Aber die privaten Anleger müssten ihren Bankberater gezielt darauf ansprechen, wie sie ihr Geld nachhaltig anlegen könnten, institutionelle Investoren sollten diese Ziele entsprechend in ihre Anlagerichtlinien aufnehmen, schlug Schaefers vor.

Das aber hätten die Bankberater in ihrer Ausbildung schlicht nicht gelernt, ein Defizit, kritisierte die hessische Umweltstaatssekretärin Tappeser. Das Bankensystem habe sich damit noch nicht ausreichend auseinandergesetzt. Ein Wandel im Selbstverständnis sei deshalb nötig, sagte sie: Die Banken müssten sich wieder als Dienstleister der Realwirtschaft begreifen.

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