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Warum manche junge Männer nach der Corona-Impfung eine Herzmuskelentzündung bekamen

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Von: Tanja Banner

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Mancher junge Mann hatte nach der Corona-Impfung eine milde Form einer Herzmuskelentzündung. Nun haben Forschende herausgefunden, welcher Mechanismus dahintersteckt. (Symbolbild)
Mancher junge Mann hatte nach der Corona-Impfung eine milde Form einer Herzmuskelentzündung. Nun haben Forschende herausgefunden, welcher Mechanismus dahintersteckt. (Symbolbild) © imago/Panthermedia

Forschende aus Deutschland entdecken einen Mechanismus, der für Herzmuskelentzündungen nach mRNA-Impfungen gegen Corona bei jungen Männern verantwortlich ist.

Homburg – Impfungen mit einem mRNA-Impfstoff gegen Corona haben sich in der Pandemie als wichtiger Schutz vor schweren Verläufen herausgestellt. Doch bei manchen Menschen – bevorzugt bei jungen Männern – trat als Nebenwirkung der Impfung eine Herzmuskelentzündung (Myokarditis) auf. Diese Fälle – etwa einer bis zehn pro 100.000 geimpfter junger Männer – verlaufen meist mild. Nun haben Forschende eigenen Angaben zufolge den Mechanismus hinter dieser seltenen Impf-Nebenwirkung aufgeklärt.

Ein Forschungsteam um Lorenz Thurner vom Universitätsklinikum des Saarlandes in Homburg berichtete in einer Studie, die im Fachjournal New England Journal of Medicine als Kurzbericht publiziert wurde, von der Entdeckung. Die Forschenden haben demnach 40 Patient:innen mit einer durch Biopsie bestätigten Herzmuskelentzündung nach einer Corona-Impfung immunologisch untersucht. Anschließend wurden die Daten mit denen einer geimpften und gesunden Vergleichsgruppe (214 Personen) sowie einer Vergleichsgruppe von 125 Patienten, die eine Myokarditis mit anderer Ursache hatten, verglichen.

mRNA-Impfung gegen Corona: Rätsel um Herzmuskelentzündung (Myokarditis) aufgeklärt

Die Forschenden suchten nach einem Autoantikörper, der zuvor schon bei Patient:innen mit schwerem Corona-Verlauf sowie bei Kindern mit der Corona-Spätfolge PIMS nachgewiesen worden war. Bei 75 Prozent der jungen Männer wurden die Forschenden fündig: Ihr Blut enthielt Autoantikörper gegen den zentralen körpereigenen Entzündungshemmer Interleukin-1-Rezeptor-Antagonist (IL-1-Ra). IL-1-Ra kann die Andockstellen des Entzündungsbotenstoffs Interleukin-1 (IL-1) auf der Zelloberfläche wie ein Stöpsel blockieren und so überschießende entzündliche Immunreaktionen stoppen. „Unser Immunsystem reguliert sich normalerweise selbst und gerade hochpotente Interleukine haben natürliche Gegenspieler, die gegebenenfalls überschießende Entzündungsreaktionen bremsen können“, erklärte Christoph Kessel, der an der Studie beteiligt war.

Impf-Nebenwirkung Myokarditis: Betroffene haben atypische Form eines Entzündungshemmers

Doch warum treten die Autoantikörper bei jungen Männern mit Myokarditis auf? Die Forschenden fanden eine atypische Form von IL-1-Ra, erklärte Studienautor Lorenz Thurner vom Universitätsklinikum des Saarlandes in Homburg. „Das Immunsystem bewertet diese als körperfremde Struktur und bildet fälschlicherweise Antikörper dagegen“, so Thurner. Dadurch werde der so wichtige körpereigene Entzündungshemmer neutralisiert und die Wirkung des entzündungsfördernden Botenstoffs IL-1 begünstigt. Er sorgt unter anderem bei Infekten für die Alarmierung und Mobilisierung des Immunsystems und bewirkt beispielsweise Fieber. „Gerade bezüglich Entzündungen an Herzbeutel, Herzmuskeln sowie Gefäßen wissen wir bereits um die zentrale Bedeutung von IL-1“, fuhr Forscher Kessel vom Universitätsklinikum Münster fort.

Warum die atypische Form von IL-1-Ra – bei ihr besitzt das Molekül eine zusätzliche Phosphorgruppe in seiner Proteinkette – bei manchen Menschen zu finden ist, ist den Forschenden zufolge noch unklar und muss weiter erforscht werden.

Herzmuskelentzündung nach Corona-Impfung: Kein Grund, sich nicht impfen zu lassen

Ein Grund, sich nicht gegen Corona impfen zu lassen, ist der von den Forschenden beschriebene Mechanismus offenbar nicht. „Man muss in diesem Kontext jedoch klarstellen, dass Impfungen gegen Sars-CoV-2 unzählige schwere Krankheitsverläufe verhindert und sehr viele Leben gerettet haben“, betonte deshalb auch die Co-Autorin Karin Klingel vom Universitätsklinikum Tübingen. „Wir sind fest davon überzeugt, dass der Nutzen der mRNA-Impfungen mit dem daraus resultierenden Schutz gegen schwere Sars-CoV-2-Infektionen und schwere Komplikationen bei weitem das Risiko einer milden Myokarditis überwiegt, die durch die von uns beschriebenen, insgesamt sehr selten auftretenden IL-1-Ra-Autoantikörper hervorgerufen werden kann“, so Klingel weiter. (tab)

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