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Nie mehr Stille. Tinnitus kann die Lebensqualität schwer beeinträchtigen.

Medizin

Wie Musiktherapie bei Tinnitus wirkt

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Wenn die Behandlung mit einer Musiktherapie bei Tinnitus nicht anschlägt, kann eine nicht erkannte Schwerhörigkeit die Ursache sein.

Es pfeift, zischt, brummt oder dröhnt im Ohr: Fast jeder Mensch kennt diesen Zustand, und glücklicherweise geht er meist nach kurzer Zeit wieder vorbei. Doch manchmal verschwinden die lästigen Geräusche eben auch nicht mehr, nicht nach Stunden, nicht nach Tagen, nicht nach Monaten. Sie bleiben dauerhaft bestehen, lassen sich kaum noch ignorieren und können die Lebensqualität erheblich einschränken, manchmal so sehr, dass sich daraus Depressionen entwickeln.

Tinnitus ist ein verbreitetes Leiden: Laut der Deutschen Tinnitus-Liga hören in Deutschland etwa drei Millionen Menschen permanent einen Ton im Ohr, den Außenstehende nicht wahrnehmen. Jährlich kommen 270 000 neue Patienten hinzu. Häufig tritt Tinnitus zwischen dem 40. und 50. Lebensjahr erstmals auf, der Anteil jüngerer Betroffener steigt jedoch kontinuierlich, was vor allem auf den regelmäßigen Besuch von Veranstaltungen mit erheblicher Lautstärke zurückzuführen ist.

Tinnitus und Schwerhörigkeit gehen oft Hand in Hand

Was weniger bekannt ist: Tinnitus und Schwerhörigkeit gehen oft Hand in Hand, wie die Forschung der vergangenen Jahre gezeigt hat. So kann Schwerhörigkeit die Ursache eines Tinnitus’ sein, etwa, wenn sie durch einen Hörsturz, eine dauerhaft zu hohe Lärmbelastung oder ein Knalltrauma ausgelöst wurde. Medizinisch lässt sich das so erklären: Bei einem Verlust von Hörvermögen ist die Signalübertragung vom Ohr zum Gehirn beeinträchtigt. Diese Signale werden dann als Geräusch wiedergegeben.

Tatsächlich hört ein beträchtlicher Teil der Tinnitus-Patienten schlecht; Experten gehen von mindestens zwei Dritteln aus. Eine nicht gut behandelte Schwerhörigkeit kann auch dafür verantwortlich sein, dass Therapien gegen Tinnitus nicht anschlagen. Das haben Heidelberger Forscher des Deutschen Zentrums für Musiktherapieforschung (DZM) jetzt für die Neuro-Musiktherapie belegt.

Gegen Tinnitus: Kombination aus Psycho- und Musiktherapie

Diese Behandlung wurde am DZM entwickelt und besteht aus einer Kombination von Psycho- und Musiktherapie. Sie basiert auf der Erkenntnis, dass das Hören von Musik und das Wahrnehmen von Ohrgeräuschen im Gehirn von denselben Bereichen verarbeitet werden. Untersuchungen haben gezeigt, dass diese Areale bei Tinnitus-Patienten oft verändert sind. Die Neuro-Musiktherapie zielt darauf, diese Veränderungen rückgängig zu machen; gelingen soll das mit Psychotherapie und musikalischen Übungen. Hirnforscher der Universität des Saarlandes konnten mit Untersuchungen im Magnetresonanz-Tomographen nachweisen, dass die Neuro-Musiktherapie tatsächlich bereits nach fünf Tagen zu sichtbaren Effekten in den betroffenen Gehirnstrukturen führten.

Wie die Wissenschaftler des DZM erklären, habe die Neuro-Musiktherapie bei rund 75 Prozent der bislang rund tausend damit behandelten Patienten zu einer „stabilen und klinisch relevanten“ Reduktion der Beschwerden geführt, die auch noch Jahre nach der Therapie anhielt. Bei rund einem Viertel habe sich jedoch keine Verbesserung eingestellt.

Tinnitus und Musiktherapie: Übungen werden an die Höhe des Tinnitusgeräuschs angepasst

In ihrer Studie wollten die Forscher untersuchen, woran das liegt. Analysen hätten gezeigt, dass derzeit rund 15 Prozent der Tinnitus-Patienten mit einem Hörgerät versorgt seien, obwohl doch die Mehrzahl schlecht höre. Die Annahme der Wissenschaftler: Weil die musiktherapeutischen Übungen an die Höhe des jeweiligen Tinnitusgeräuschs angepasst werden, leidet der Behandlungserfolg, wenn die Töne aufgrund von Schwerhörigkeit nicht richtig wahrgenommen werden könnten.

Die Forscher werteten für ihre Studie die Daten von 120 Patienten mit chronischem Tinnitus aus, die an einer Musiktherapie teilgenommen hatten. Dabei verglichen sie drei Gruppen mit jeweils 40 Teilnehmern. Die Patienten in der ersten Gruppe hatten eine ausgeprägte Hörminderungen, die durch ein Hörgerät ausgeglichen wurde. Die Patienten der zweiten Gruppe waren schwerhörig, trugen jedoch kein Hörgerät. Die Patienten der dritten Gruppe schließlich hörten normal. Alle drei Gruppen litten vor Beginn der Musiktherapie unter einem vergleichen Belastung durch Tinnitus.

Musiktherapie bei Tinnitus: Beschwerden bessern sich - Hörgerät verspricht noch mehr Erfolg

Insgesamt hätten sich die Beschwerden bei allen Patienten gebessert, heißt es in der Studie – wie sehr, dabei habe es allerdings „gravierende“ Unterschiede gegeben. Während sich in der ersten und in der dritten Gruppe der Tinnitus klinisch relevant verringert habe, sei er in der zweiten Gruppe (Hörminderung ohne Hörgerät) nur um rund 33 Prozent zurückgegangen. Die Forscher folgern daraus, das Patienten mit Hörminderung, die sich vor der Musiktherapie ein Hörgerät anpassen lassen, eine dreifach höhere Aussicht auf einen Erfolg der Behandlung hätten. Nicht selten kann auch allein das Tragen eines Hörgeräts oder das Einsetzen einer Hörprothese – eines sogenannten Cochlea-Implantats – dazu führen, dass der Tinnitus zurückgeht.

Da diese Daten aus einer retrospektiven Studie stammen, wollen die Forscher sie nun in einer Untersuchung mit weiteren Patienten noch einmal überprüfen.

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