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Morgenstund ist ungesund

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Schlafmangel kann zu einem schlechten Abi führen.
Schlafmangel kann zu einem schlechten Abi führen. © dpa

Weil die erste Schulstunde üblicherweise zwischen 7.45 und 8.15 Uhr beginnt, müssen viele Kinder und Jugendliche schon um 6 Uhr aufstehen. Forscher fordern einen späteren Schulbeginn, denn Unausgeruhte lernen schlecht und essen zu viel.

Von Walter Schmidt

Wenn jemand vom frühen Schulbeginn in Deutschland profitiert, dann sind es die Hersteller von Weckern. Die Schüler selbst hingegen leiden eher darunter. Vor allem für die älteren unter ihnen hat Morgenstund kein Gold im Mund, sondern provoziert einen zum Gähnen aufgerissenen Rachen.

Wider jede schlafmedizinische Erkenntnis zwingen Kultusminister die Schüler zu einem Schulbeginn meist zwischen 7.45 und 8.15 Uhr – mancherorts sogar noch früher. So müssen viele Kinder wegen weiter Anfahrtswege bereits um 6 Uhr oder gar noch zeitiger aufzustehen. „Das ist für sie biologisch nicht früh, sondern mitten in der Nacht“, urteilt der Regensburger Schlafmediziner Jürgen Zulley.

Schon deshalb hat man gelegentlich den Eindruck, die Schule tue ihrerseits alles dafür, dass Kinder übermüdet und unkonzentriert begreifen sollen, worin sich die zweite von der ersten binomischen Formel unterscheidet oder was es mit dem Zitronensäure-Zyklus auf sich hat. Dieser stellt Lebewesen wie uns Menschen immerhin Energie zur Verfügung – anders als der absurd frühe Schulstart hierzulande.

Vor allem Jugendliche haben Probleme

Am schwersten tun sich laut Studien Jugendliche zwischen 14 und 18 Jahren dabei, um 6.30 oder 7 Uhr halbwegs bei Sinnen aus den Federn zu kommen. „Jugendliche vor 9 oder 9.30 Uhr zu unterrichten, ist ziemlich kontraproduktiv“, urteilt der Chronobiologe Till Roenneberg, Professor am Institut für Medizinische Psychologie der Ludwig-Maximilians-Universität und Autor des 2010 erschienenen Buchs „Wie wir ticken“.

Aus schlafmedizinischer Sicht verschärft wird das Problem des frühen Schulbeginns dadurch, dass Kinder und Jugendliche „sich zu wenig im Freien aufhalten und ihnen deshalb natürliche Zeitgeber fehlen“ – vor allem natürliche Helligkeit. „Kinder brauchen mehr Tageslicht“, rät Roenneberg. In seiner Kindheit, also vor etwa 50 Jahren, habe man sich noch „40 bis 50 Prozent länger draußen aufgehalten“. Heute indes hockten die Kinder vor ihren Computern oder hörten Musik. Auch deshalb schliefen sie abends „später ein als vor 80 Jahren“.

Folglich brauchen sie dann morgens mehr Schlaf – den sie nicht bekommen. „Abends gibt auch heute die innere Uhr das Signal zum Einschlafen, morgens aber die äußere“, sagt der Forscher. Hierin liege eine „Diskrepanz, die oft nicht gesehen wird“.

Biorhythmus entscheidend für die Gesundheit

Oft hört Roenneberg zwar von Lehrern das Argument, die Jugendlichen seien „selbst schuld an ihrer Müdigkeit, weil sie zu lange aufbleiben und sich in Diskotheken herumtreiben“. Doch das sei falsch. Der Einschlaf-Reiz komme bei Jugendlichen nun mal „spät in der Nacht“. Sie können also bis zum frühen Morgen gar nicht auf ihr Schlafpensum kommen.

Kultusminister, Behördenleiter und Unternehmer sollten die Biorhythmen ihrer Schüler, Mitarbeiter oder Angestellten schon deshalb beachten, weil dies gut für deren Gesundheit wäre. Denn wer dauernd zu wenig schläft, nämlich weniger als fünf bis sechs Stunden pro Nacht, erleidet verglichen mit Ausgeschlafenen rund 1,5mal häufiger einen Herzinfarkt und 1,25mal häufiger einen Schlaganfall. Das haben Forscher der britischen Universität von Warwick kürzlich herausgefunden, indem sie 15 Studien mit insgesamt 475.000 Probanden aus acht Ländern analysierten.

In Deutschland erleiden pro Jahr etwa 280.000 bis 290.000 Menschen einen Herzinfarkt; das durchschnittliche persönliche Jahresrisiko liegt demnach bei etwa 0,35 Prozent (3,5 von 1000 Menschen, Lang- wie Kurzschläfer eingerechnet). Erhöhte sich die Wahrscheinlichkeit eines Herzinfarkts bei dauerhaftem Schlafmangel tatsächlich um nahezu die Hälfte, mag das nach wenig klingen, wäre aber hochgerechnet auf ein Volk von 82 Millionen keine Kleinigkeit. Warum zu wenig Schlaf auf Dauer die Gesundheit beeinträchtigt, wird der Studie zufolge „noch nicht völlig verstanden“.

Offenbar senkt ein konstantes Schlafdefizit den Gehalt des appetitzügelnden Hormons Leptin im Blut und erhöht darin die Konzentration des appetitfördernden Hormons Ghrelin. Dadurch isst der Unausgeschlafene mehr als nötig, verbraucht aber gleichzeitig weniger Energie und nimmt deshalb zu, was die Zuckerkrankheit (Diabetes mellitus) und als Folge davon Ablagerungen an den Gefäßwänden (Arteriosklerose) fördert. So genannte Gefäßverkalkungen wiederum begünstigen Herzinfarkt und Schlaganfall.

Schlaf wirkt auf Sozial- und Essverhalten

Auch wer etwas gegen das zunehmende Übergewicht von Schülerinnen und Schülern machen möchte, sollte alles dafür tun, dass die Kinder wenigstens ausschlafen können, wenn ihre Eltern sie schon abends nicht von der Glotze wegbekommen. Denn wie die Kinderärztin Judith Owens und die Psychiaterin Mary Carskadon von der Brown University in Providence im US-Staat Rhode Island nachweisen konnten, verleitet Schlafmangel am Folgetag zum vermehrten Essen zuckerhaltiger Nahrungsmittel mit hohem Kaloriengehalt.

Außerdem wirken solche Kinder mal lethargisch, mal übernervös, unkonzentriert und unaufmerksam, was von ihren Eltern leicht als so genannte ADHS-Störung („Zappelphilipp-Syndrom“) missverstanden werden könnte.

Für die biologisch so veranlagten Morgenmuffel unter den Schülern geht es aber auch um Gerechtigkeit. Studien aus den USA und aus Deutschland sind nämlich zu dem Ergebnis gekommen: Zu frühes Aufstehen raubt Teenagern im Schnitt rund zwei Stunden Schlaf und macht sie zu schlechteren Schülern, die obendrein später auch im Beruf weniger Erfolg haben als ihre morgens quicklebendigen Altersgenossen.

Das konnte zum Beispiel Christoph Randler von der Pädagogischen Hochschule Heidelberg zeigen. Schon zuvor an der Uni Leipzig hat sich der Biologe mit den Schlafgewohnheiten von Studierenden und ihrem Abschneiden beim Abitur beschäftigt. Randler ermittelte zunächst, ob die von ihm befragten Studierenden eher zu den Morgen- oder den Abendmenschen gehören. Dazu mussten die Studienteilnehmer angeben, welche Erfahrungen sie mit Schlafen und Wachsein, Munterkeit und Müdigkeit machen.

Das Ergebnis: Mit Beginn der Pubertät gehören die meisten Menschen zu den Langschläfern. In jüngeren Jahren ist der Anteil der Frühaufsteher noch größer, und so wird es auch wieder etwa vom 30. Lebensjahr an, wie andere Studien gezeigt haben. „Es hat also auch biologische, und hier vorrangig hormonelle, Ursachen, dass Jugendliche morgens schwerer in Gang kommen als der Rest der Familie oder ihre Lehrer“, berichtet der Biologie-Didaktiker.

Das wichtigste Resultat ist jedoch der Zusammenhang zwischen dem Biorhythmus der Studierenden und ihren Abiturnoten: Die Frühaufsteher hatten das Gymnasium mit deutlich besseren Abschlusszeugnissen verlassen – für unser auf Chancengleichheit zielendes Schulsystem ein unrühmlicher Befund.

Denn dieser bedeute ja keinesfalls, dass Frühaufsteher „intelligenter sind und systematischer oder disziplinierter gelernt“ hätten, warnt Randler vor Fehldeutungen. „Es heißt nur, dass diese jungen Leute das Glück hatten, in jenen Stunden des Tages herausgefordert zu werden, in denen sie munter waren.“

Die Mehrzahl der Schüler und Studenten sei vor 9 Uhr „einfach noch nicht wach“. Der Biologe hat dies als Dozent selbst leidvoll erfahren: „Wer morgens um halb acht in eine zehnte Klasse oder einen Hörsaal schaut, dem tut sich ein schreckliches Bild auf.“

Die Studie der Universität von Warwick:„Sleep duration predicts cardiovascular outcomes: a systematic review and meta-analysis of prospective studies“, in: European Heart Journal, 2011 DOI: 10.1093/eurheartj/ehr007

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