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Noch haben Autos in der slowakischen Hauptstadt Vorfahrt: Weniger als zwei Prozent der Wege werden mit Rädern zurückgelegt.

Mobilität

Bratislava erfindet sich neu

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Mehr Fahrräder, Busse und Straßenbahnen sollen das Stadtbild künftig prägen. Doch die Mobilitätsmuster von Frauen und Männern unterscheiden sich

Verkehrspolitik ist der Bau von Straßen – jahrzehntelang konzentrierten sich die Politiker von Bratislava auf den Autoverkehr, als gäbe es den Nahverkehr und das Fahrrad nicht. Das Einrichten neuer Busspuren glich beinahe einem Tabubruch. Zum Radverkehr bekannte sich die Politik zwar, aber an der Umsetzung krankte es. Das hat bis heute Folgen: Weniger als zwei Prozent aller Wege werden mit dem Fahrrad zurückgelegt.

Das zu ändern war das Ziel des Architekten und früheren Aktivisten Matúš Vallo. Mit anderen Aktivisten und Experten entwickelte er einen ehrgeizigen Plan, wie Bratislava besser, lebenswerter und inklusiver werden sollte. Mit dem sogenannten Plan B kandidierte Vallo im vergangenen Jahr als Bürgermeister – und überzeugte die Bratislavaer von seinen Ideen.

Aus Sicht des Fahrradaktivisten Daniel Duriš, Vorsitzender des Vereins Cyklokoalícia, ist seit dem vergangenen Jahr wenig passiert. „Der tatsächliche Fortschritt ist sehr gering“, sagt Duriš. „Weil wir aber schon seit unserer Gründung vor acht Jahren für bessere Bedingungen beim Fahrradfahren kämpfen, waren unsere Erwartungen nicht so hoch.“

Auch Peter Netri findet, dass der Fahrradverkehr im vergangenen Jahr in Bratislava kaum vorangekommen ist. Netri war selbst lange Fahrradaktivist, hat Vallo bei der Ausarbeitung seines Plans unterstützt und ist heute für nachhaltige Mobilität bei der Stadt zuständig. „Es liegt noch viel Arbeit vor uns“, sagt Netri. „Das ist eine sehr schwierige und komplexe Angelegenheit, weil neben den Radwegen auch viele andere Dinge wie Bürgersteige, Begrünung und Parkplätze festgelegt werden.“ Das sei eigentlich eine komplette Neugestaltung der Straßen.

Ziel ist ein Radwegenetz von 76 Kilometern Länge, bei dem die Radwege klar von Autospuren und Fußgängerbereichen abgegrenzt sind. Nur dann fühlten sich die Menschen sicher und würden häufiger das Fahrrad wählen, betont Netri.

Trotz der geringen Fortschritte beim Radverkehr ist Netri nicht untätig gewesen. Bratislava hat im vergangenen Jahr mehrere Busspuren eingerichtet, so dass die Busse in der Stadt nicht länger im Stau stecken bleiben, sondern pünktlicher fahren. Weil Ersatzbusse deshalb nicht mehr notwendig sind, spart das der Stadt auch Geld.

Doch auch der Lebensstil der Bratislavaer muss stärker bei der Verkehrsplanung berücksichtigt werden, fordert die Stadtplanerin Milota Sidorová, die am Metropolitný Inštitút arbeitet und Bratislava bei der Stadtentwicklung berät. „Männer haben meist einfache Bewegungsmuster“, sagt Sidorová. Am Morgen steigen sie gewöhnlich ins Auto, um zur Arbeit zu fahren. Und am Abend fahren sie meist direkt wieder nach Hause.

Bei Frauen sei die Mobilität vielfältiger. „Ihre Fortbewegung basiert auf dem Gehen“, sagt Sidorová. Sie nutzten häufiger öffentliche Verkehrsmittel und das Fahrrad. Das Auto komme weniger zum Einsatz.

Aber auch die Muster der angesteuerten Orte variierten stärker. So würden Frauen beispielsweise vor der Arbeit noch den Kindergarten oder die Schule ansteuern und nach der Arbeit den Einkauf oder andere Besorgungen erledigen. „Gewöhnlich beobachten wir bei Frauen ein Netz verschiedener Orte, das in kurzen Abständen nacheinander angesteuert wird“, sagt Sidorová.

Leider wird dieses Phänomen der vielen aufeinanderfolgenden Wege von den Stadt- und Verkehrsplanern bislang nicht ausreichend berücksichtigt, klagt Sidorová. Das sehe man bei nicht abgestimmten Taktungen von Bussen und Straßenbahnen oder bei zentralen, aber weit voneinander entfernten Haltepunkten.

Trotzdem sieht Sidorová schon einige Verbesserungen für Frauen. Bislang war es beinahe überall erlaubt, auf dem Bürgersteig zu parken. „Das hat weitreichende psychologische Konsequenzen“, meint die Stadtplanerin. Frauen würden solche Gehwege nach Möglichkeit meiden.

Das soll sich in den nächsten anderthalb Jahren ändern. „Es brauchte viel Vorbereitung und eine Kampagne, bevor die Stadtvertretung den Weg für eine Parkraumbewirtschaftung freimachte“, erzählt Peter Netri von der Verwaltung. Einen Vorgeschmack auf die Vorteile der kommenden Parkraumbewirtschaftung bekommen die Bratislavaer schon heute am Platz des Slowakischen Nationalaufstandes.

Wo vor wenigen Monaten noch Autos parkten, zieren große orangefarbene und gelbe Kreise den Asphalt. Sie zeigen den Gehenden, dass sie sich auch jenseits des Bürgersteigs frei bewegen können – ohne heranfahrende Autos fürchten zu müssen.

Dennoch ist Milota Sidorová von dem Ergebnis wenig angetan. „Das ist kein Beispiel für eine gelungene Gestaltung“, sagt sie. Nach wie vor werde der Platz von Asphalt dominiert, dabei habe die Stadt ein ernstes Problem mit Überhitzung – vor allem dort, wo Flächen derart versiegelt seien.

„Das war nur ein erster, schnell erreichbarer Zwischenschritt“, meint Netri von der Stadt Bratislava. Dem Gebiet einschließlich des benachbarten Steinplatzes stünden noch größere Umbauten bevor. Zwei internationale Architekturausschreibungen seien in Vorbereitung. Mehr Grün, Aufenthaltsmöglichkeiten und Freizeitaktivitäten für die Bürger soll es geben. Und weniger Autos.

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