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Gehänselt? Gefährdet sind diejenigen, die von der herrschenden Norm in der Klasse abweichen.

Mobbing

Mobbingopfer: „Der ist selber schuld, dass ihn keiner mag“

Ein Experte gibt Antworten zum Mobbing unter Schülern und zeigt auf, was Lehrer dagegen tun können.

Was genau ist unter Mobbing zu verstehen?Von Mobbing ist zu sprechen, wenn es über einen längeren Zeitraum geht und wenn es durch Lächerlich-Machen, Hänseln, Streiche-Spielen, Isolieren, Intrigen, verbale und/oder körperliche Angriffe geschieht. Außerdem ist es immer gegen die gleiche Person oder einige wenige Personen gerichtet.

Welche Gründe gibt es für Mobbing unter Kindern?Mobbing in der Klasse nutzt Einzelnen, die die Klasse dominieren wollen und als „Chef“ das höchste Ansehen genießen. Viele Schüler und Schülerinnen machen aus Angst mit, weil sie als Mitläufer nicht gefährdet sind, selbst nicht in die ungeliebte Rolle zu geraten. Manche beteiligen sich an der Dehumanisierung, weil sie dann eigene „Minderwertigkeiten“ ausgleichen können (beispielsweise keine Freundin, schlechte Schulnoten, kein Motorrad). Häufig macht es auch Spaß, andere leiden zu sehen; Vorbilder finden sich bei anderen und in den Medien. Die Gründe sind den Kindern und Jugendlichen selbst nur teilweise bewusst.

Mobbingopfer geraten erst in der Schule in die ungeliebte Sonderrolle

Wer ist denn besonders gefährdet, Mobbingopfer zu werden?Gefährdet sind diejenigen, die von der herrschenden Norm in der Klasse abweichen. Das kann zum Guten oder Schlechten sein. Wer sich etwa kein Smartphone leisten kann, kann an Ansehen verlieren. Genauso gut ist es möglich, dass dies keine Rolle spielt. Schüler oder Schülerinnen mit schlechten Noten können verachtet werden oder wegen ihrer Verweigerung des Konkurrenzwettbewerbs bewundert werden.

Welche Folgen hat langanhaltendes Mobbing?Unterscheiden wird zwischen Opfern, Mobbingtätern und (relativ) unbeteiligten Kindern und Jugendlichen. Kinder und Jugendliche sind auf dem Weg, selber erwachsen zu werden. Deshalb grenzen sie sich ein Stück weit von den dominierenden Erwachsenen ab. Dazu kann es gehören, die Ansprüche der Eltern oder Lehrkräfte abzulehnen. Vater und Mutter sind entsetzt, wenn ihre Kinder beispielsweise das Lernen als unwichtig betrachten; die Lehrer sind verärgert, wenn ihr sorgfältig geplanter Unterricht nicht ernst genommen wird. Da sie für dieses Verhalten von Seiten der Erwachsenen kein Lob erhalten, brauchen sie die Anerkennung der Gleichaltrigen, für die sie sich anstrengen. Die „coolen“ Jungen und Mädchen fühlen sich wohl in der Gruppe.

Ausgegrenzte leiden sehr. Manche versuchen durch große Sprüche oder kleine Geschenke Freunde zu gewinnen, andere werden aggressiv oder ziehen sich zurück, indem sie sich in der Pause verstecken, unsichtbar sein wollen, um nicht gequält zu werden. Damit erwerben sie sich keine Sympathien. Viele Mitschüler suchen die schützende Gruppe und meiden den Kontakt mit den Mobbingopfern.

Viele glauben, oft seien die Mobbingopfer selber schuld. Warum?Die meisten Mobbingopfer geraten erst in der Schule in die ungeliebte Sonderrolle. Die Mitschüler denken, das abgelehnte Kind (oder der Jugendliche) sei schon immer „so komisch“ gewesen. Die Ansicht der Mehrheit: „Der ist selber schuld, dass ihn keiner mag.“ In Wirklichkeit entwickeln sich erst in der Ausgrenzung seine ungünstigen Verhaltensweisen: Aggressionen, Ängstlichkeit, Empfindlichkeit, Anbiederung an Lehrkräfte, Flucht von der Klasse und Schule. Häufig verbreitet sind psychosoziale Erkrankungen wie Kopfschmerzen und Bauchweh.

Die Mobbingopfer haben allein keine Chancen

Wie verläuft der Prozess in der Klasse, mit dem Einzelne ausgegrenzt werden?Schüler A hänselt einen Mitschüler B, von dem er etwa behauptet, der sei dumm, ungeschickt, weinerlich, lächerlich. Auch sich zur „falschen“ Fußballmannschaft zu bekennen, kann zu einer Außenseiterposition führen. Wenn niemand in der Klasse auf die Versuche, ihn auszugrenzen eingeht, wird B nicht diskriminiert. Wenn allerdings einige lachen und ebenfalls über B herziehen, ist der erste Schritt zum Mobbing schon getan. B wird versuchen, sich zu verteidigen, A anzugreifen oder Ähnliches. Doch nicht die bessere Argumentation ist entscheidend, sondern die Stellung in der Gruppe.

Welche Rolle spielt Cybermobbing?Während vor ein paar Jahren noch Kinder und Jugendlichen warten mussten, um sich in der Schule oder danach über Einzelne auszutauschen, geschieht Mobbing heutzutage ununterbrochen. Schon morgens nach dem Aufstehen schauen sie auf ihr Smartphone, wer was über wen gepostet hat. Mit ein paar Klicks werden in kürzester Zeit Aussagen, Behauptungen, Beleidigungen an viele weitergegeben, die ihrerseits wieder andere informieren.

Und wenn viele etwas sagen, bleibt auch immer etwas hängen, selbst wenn es nicht der Wahrheit entspricht. Die Mobbingopfer haben allein keine Chancen, die Fake News richtigzustellen. Weil die Mobber im Internet ihren Opfern nicht in die Augen schauen müssen, nehmen die Hemmungen und Falschmeldungen weiter zu. Für die Ausgegrenzten wird die Situation ständig belastender. Es hat sogar schon Suizide deswegen gegeben.

Warum erkennen Lehrkräfte an Schulen oftmals Mobbing nicht?Mobbing findet häufig statt, wenn keine Erwachsenen dabei sind: auf dem Schulweg, im Umkleideraum, in den Pausen, am Telefon, im Internet. Dabei entwickeln sich Sprachregelungen, die so subtil sind, dass sie auch im Unterricht gebraucht werden können, ohne dass die Lehrkraft das Hänseln wahrnehmen kann: „Der Fortuna-Fan weiß es“, ruft jemand in die Klasse hinein. Viele grinsen, weil der Lehrer nicht weiß, was in der Pause dieser Schüler hinzunehmen hatte und die Bemerkung in diesem Kontext schon wieder eine Herabwürdigung ist.

Pädagogen nehmen Mobbing häufig nicht wahr

Wie können Lehrkräfte Mobbing wahrnehmen?Wenn Lehrkräfte den Verdacht haben, es könnte Mobbing in der Klasse geben, sie es aber nicht genau wissen, können sie verschiedene Verfahren anwenden. Sie können mit anderen Lehrkräften, mit einzelnen Schülern sprechen, mit anonymen Fragebögen und Soziogrammen die Struktur der Klasse ermitteln. Dazu ist es aber nötig, dass sie diese Verfahren gut beherrschen.

Welche Fehler machen Eltern von Opfern häufig im Gespräch mit Lehrkräften?Wenn Lehrkräfte erkannt haben, dass Einzelne unter Mobbing zu leiden haben, reagieren sie oft spontan und gehen mit den gemeinen Schülerinnen und Schülern ins Gericht. Das kann hilfreich sein – ist es aber meistens nicht. Ein Teil der Kinder und Jugendlichen ist ehrlich überzeugt, dass das Mobbingopfer wegen seines unerträglichen Verhaltens (Intrigieren, Schreien, Schlagen, Petzen …) zu Recht von niemandem gemocht werde.

Ein anderer Teil, der die Situation besser verstanden hat, stellt sich auch gegen die Lehrkraft, weil sie nicht angeschuldigt werden wollen. Eigentlich wäre die ganze Klasse zur Verantwortung zu ziehen, weil sie entweder selbst gemobbt haben oder nicht zu Gunsten des Opfers eingegriffen haben.

Lesen Sie hier über einen Elfjährigen, der sich wegen Mobbing das Leben nahm

Der bekannteste Ansatz zu Mobbing-Intervention ist der sogenannte „No-Blame-Approach“-Ansatz, der oft das Mobbing beenden kann. Leider dient er nicht der Mobbing-Prävention.

Wenn Lehrkräfte Mobbing erkennen und sich auf die Seite der Opfer stellen, misslingen oft ihre Interventionsversuche. Weshalb?Eltern sind häufig aufgebracht, weil sie der Meinung sind, die Lehrkräfte unternehmen zu wenig gegen Mobbing. Dass Pädagogen die Angriffe auf ihr Kind nicht wahrnehmen, können sie sich nicht vorstellen. Doch ihre Berichte (Ranzen versteckt, Heft beschmiert …) lassen oft nicht erkennen, welches Ausmaß das Hänseln inzwischen angenommen hat. Sie sollten aufschreiben, was in einer Woche ihr Kind alles ertragen musste, statt belanglose Einzelheiten zu erzählen. Sonst kommen die Lehrkräfte eventuell zu der Überzeugung, Eltern und Kind seien überempfindlich.

Manche Eltern wollen dann ihr Kind auf eine andere Schule schicken, wo es besser laufen sollte. Doch die Gefahr ist groß, dass dann die vorgeschädigten Kinder wieder in die Rolle des Opfers geraten. Dann sind sie doppelt belastet.

Soziales Lernen in der Schulklasse ist am besten gegen Mobbing geeignet

Wie können Lehrkräfte bei Mobbing intervenieren und zugleich präventiv wirken?Soziales Lernen in der Schulklasse ist am besten gegen Mobbing geeignet – aber nicht einfach eine Unterrichtsreihe gegen Mobbing. Solche Sonderveranstaltungen haben sich nicht nachhaltig bewährt. Besser ist die Einbindung in die regulären Fächer, ohne dass das Wort Mobbing unbedingt fallen muss.

Im Deutschunterricht kann beispielsweise das Jugendbuch „Ich hätte Nein sagen können“ von Anika Thor. Als Einstieg wird ein Stück daraus gelesen und besprochen. Einzelne Schülergruppen bereiten vor, wie bestimmte Personen zu charakterisieren sind. Dabei werden die Verhaltensweisen und Einstellungen herausgearbeitet.

Dadurch, dass nicht über die eigene Klasse gesprochen wird, sind die Schülerinnen und Schüler nicht gehemmt, deren Verhalten zu kritisieren. Sie erkennen, was Einzelnen zugefügt und welche Folgen dies hat. Vor allem werden im Roman die Hoffnungen und Ängste gezeigt, die die Kinder der realen Klasse von sich aus nicht erzählen würden. Schließlich kann so die Scheu überwunden werden, das eigene Verhalten zu thematisieren, um so Verbesserungen des Umgangs untereinander in die Wege zu leiten. Im Deutschunterricht können auch fachspezifische Aspekte zur Geltung kommen, wie etwa „Nachricht und Erzählung“, Inhaltsangabe, Zusammenfassung, Orthographie. Das geht auch in Sozialkunde, Ethik oder Religion.

Der Autor

Karl Dambach hat mehrere Publikationen zu den Themen Mobbing und Sozialverhalten in der Schulklasse veröffentlicht und ist als Referent im Rahmen von Workshops und Vorträgen unterwegs. Neben Unterrichtstätigkeit an beruflichen Schulen war er Studiendirektor am Studienseminar in Wiesbaden für Erziehungswissenschaften.

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