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„Lehrer werden viel zu oft wie Fließbandarbeiter behandelt“, kritisisert OECD-Bildungsdirektor Andreas Schleicher. 

Schule

Mittelmaß, Ungleichheit und überlastete Lehrer

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Die stolze Bildungsnation Deutschland kann sich mit den Pisa-Spitzenreitern nicht messen: Die sieben größten Fehler im deutschen Bildungssystem.

1 Wir verschlafen die frühen Jahre

In vielen Fällen entscheidet sich bereits in den ersten Jahren, ob eine Bildungsbiografie erfolgreich verläuft oder nicht. Das gilt insbesondere für Kinder, die zu Hause nicht so gut gefördert werden. Es ist alarmierend, wenn die Bertelsmann-Stiftung feststellt: Der Personalmangel in Kitas belastet die Betreuungsqualität. Laut einer aktuellen Studie fehlen mehr als 100 000 Vollzeitstellen, ein Erzieher im Kindergarten muss im Schnitt mehr als 13 Jungen und Mädchen betreuen. So ist es schwer für Kitas, zu echten Bildungseinrichtungen zu werden.

2 Unser Bildungssystem ist ungerecht

In Deutschland ist Bildung stark an die soziale Herkunft gekoppelt. Nur knapp 15 Prozent der Schulabgänger mit Eltern ohne Abitur erreichen in Deutschland einen Hochschulabschluss, eine Quote weit unter dem OECD-Durchschnitt. Ein Professorenkind hat eine mehr als dreimal so große Chance wie ein Facharbeiterkind, eine Empfehlung für das Gymnasium zu bekommen – bei gleicher Kompetenz. Das ist ungerecht und dumm. Im demografischen Wandel braucht Deutschland jedes Talent.

3 Deutschland hat sich mit dem Mittelmaß arrangiert

Das katastrophale Abschneiden bei der Pisa-Studie im Jahr 2001 hat in der deutschen Bildungspolitik etwas zum Besseren bewegt. Die Schüler haben im internationalen Vergleich zuletzt einen Platz im oberen Mittelfeld erreicht. Doch der Abstand zu Pisa-Spitzenreitern wie Singapur oder Finnland bleibt groß. Die Bildungspolitik nimmt das mit einer Gelassenheit hin, die wir in anderen Bereichen nie akzeptieren würden. Man stelle sich nur mal vor, ein Fußballnationaltrainer würde nach der Devise handeln: „Sollen die Deutschen sich mal nicht so anstellen, Mittelmaß ist doch genug!“

4 Wir lassen unsere Lehrer im Klassenzimmer allein

„Lehrer werden viel zu oft wie Fließbandarbeiter behandelt, deren Meinung nicht gefragt ist“, hat OECD-Bildungsdirektor Andreas Schleicher in einem Interview gesagt. Die Lehrer sollen also möglichst unfallfrei unterrichten – abgesehen davon interessiert sich zu selten einer für ihre Ideen und für das, was sie im Klassenzimmer tun. Entsteht so die beste Unterrichtsqualität? Schleicher, der Chef der Pisa-Studie ist, fordert, Lehrer sollten häufiger gemeinsam Stunden vorbereiten und sich in ihren Klassen gegenseitig besuchen. Lehrergewerkschaften verweisen auf fehlendes Personal. Im idealen Bildungssystem würden Lehrer zudem in hohem Maß von Erziehern, Sozialarbeitern und Psychologen unterstützt. Die Schulen wären mehr als ein Ort des Lernens. Das ist zu selten so.

5 Jedes Land macht, was es will

Bildung ist Ländersache. Das müsste kein Problem sein, wenn die Länder sich so eng wie möglich abstimmen würden. Doch die Unterschiede sind so groß, dass für Familien ein berufsbedingter Umzug in ein anderes Bundesland zum Albtraum werden kann. Hinzu kommt große Ungleichheit in Sachen Abschlussprüfungen und Zeugnisse: Die durchschnittlichen Abiturnoten klaffen im Vergleich der Länder weit auseinander. Mit diesen Noten bewerben sich alle um dieselben Studienplätze. Die Länder arbeiten zwar an mehr Vergleichbarkeit – doch diese Abstimmungsprozesse dauern sehr lang.

6 Wir nehmen die Herausforderungen der Migrationsgesellschaft nicht ernst genug

Es gibt Schulen, in denen sitzen nur Akademikerkinder zusammen. Andere Schulen werden fast nur von Jungen und Mädchen mit schlechten Startchancen besucht – mit Schülern aus schwierigen ökonomischen Verhältnissen und/oder mit Sprachproblemen. Die Brennpunktschulen, in denen diese Probleme gebündelt auftreten, müssen so viele Lehrer und eine so gute Ausstattung erhalten, dass sie ihre Aufgaben wirklich bewältigen können. Im besten Fall würden sie dadurch attraktiv für alle werden. In der Realität kämpfen gerade Brennpunktschulen oft mit Lehrermangel. Wen könnte das wundern? Die Lehrer mit den härtesten pädagogischen Jobs werden oft am schlechtesten bezahlt.

7 Es bröckelt, schimmelt, regnet rein

Es kann für ein Kind eine unangenehme Sache sein, wenn es in der Schule zur Toilette gehen möchte. Oder noch schlimmer: muss. „Da schimmelt es in den Ecken, da bröckelt der Putz, die Toiletten sind unbenutzbar, und Fensterscheiben oder gar die halbe Decke einer Aula kommen einem entgegen“, sagt der Chef des Verbandes Bildung und Erziehung (VBE), Udo Beckmann, über den Zustand deutscher Schulen. „Eine Farce ist das“, setzt der Lehrergewerkschafter hinzu. Laut den Kommunen müssten 42,8 Milliarden Euro in die Gebäude investiert werden. Dazu kommt: Erst jetzt beginnt die Politik, die Schulen mithilfe des Digitalpakts ins Internetzeitalter zu bringen.

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