Henriette Goldschmidt

Die Mitbegründerin der ersten Hochschule für Frauen

Vor 100 Jahren starb die Frauenrechtlerin Henriette Goldschmidt, die weitgehend in Vergessenheit geraten ist.

Das Politische saugte Henriette Goldschmidt zwar nicht mit der Muttermilch auf, verleibte es sich aber zusammen mit dem Frühstücksbrot ein: So las ihr Vater, ein jüdischer Kaufmann, jeden Morgen am Familientisch aus der Breslauer Zeitung vor. Bildung und Teilhabe von Frauen wurden bald zu ihrem Lebensthema. Auf ihr Bestreben hin eröffnete 1911 in der sächsischen Messestadt unter anderem die erste deutsche Hochschule für Frauen. Vor 100 Jahren, am 30. Januar 1920, verstarb Henriette Goldschmidt 94-jährig in Leipzig.

Als Henriette Benas kam sie am 23. November 1825 im ostpreußischen Krotoschin zur Welt. Über ihre Kindheit und Jugend ist wenig bekannt. Mit 27 Jahren heiratete sie einen verwitweten Neffen ihres Vaters, Abraham Meyer Goldschmidt. Dieser war Prediger der deutsch-jüdischen Gemeinde in Warschau und brachte drei Kinder mit in die Ehe. 1859 siedelte die Familie nach Leipzig um, wo Goldschmidt die Stelle des Rabbiners der jüdischen Gemeinde übernahm.

In der florierenden sächsischen Metropole kam Goldschmidt mit der Journalistin Louise Otto-Peters, die 1849 die erste bedeutende Frauen-Zeitung gründete, und der Pädagogin Auguste Schmidt in Kontakt. Zusammen legten sie das Fundament für die Frauenbewegung in Deutschland. So organisierten sie Oktober 1865 die „Erste deutsche Frauenkonferenz“ und gründeten im gleichen Atemzug gemeinsam den „Allgemeinen Deutschen Frauenverein“. Zentrale Forderung war das Recht der Frauen auf gleiche Bildung sowie auf Chancengleichheit am Arbeitsmarkt. Noch im gleichen Jahr entstanden zahlreiche Lokalvereine.

Goldschmidt vertrat die Ansicht, dass der Weg zu mehr Bildung für Frauen in der Kultivierung frauenspezifischer Tätigkeitsbereiche lag. Als genuin weiblich empfand sie dabei das Thema der Kindererziehung – was ihr heutzutage zuweilen Kritik von feministischer Seite einbringt. Goldschmidt indes fühlte sich von den Erziehungsidealen des Pädagogen Friedrich Wilhelm August Fröbel angesprochen, welcher dafür plädierte: „Es ist das Charakteristische der Zeit, das weibliche Geschlecht seines nur instinktiven, passiven Seins zu entheben und es von Seiten seines Wesens und seiner Menschlichkeit pflegenden Bestimmung zu gleicher Höhe wie den Mann zu erheben.“

So rief Goldschmidt 1871 den „Verein für Familien- und Volkserziehung“ ins Leben. Dessen Ziel war einerseits die Verbreitung von Kindergärten, andererseits die Ausbildung qualifizierter Kindergärtnerinnen sowie die „erzieherischen Bildung der Jungfrauen und Mütter“. So gründete der Verein unter Vorsitz von Goldschmidt ein Kindergärtnerinnenseminar, das Frauen die Möglichkeit zur Weiterbildung gab.

Gleiche Höhe zum Mann

1898 gehörte Goldschmidt zu den Mitverfasserinnen einer Petition, die eine staatliche Aufsicht über Kindergärten, deren Integration in das staatliche Erziehungssystem sowie einen verpflichtenden Kindergartenbesuch forderte.

Nach teilweise polemisch geführten öffentlichen Diskussionen wurde die Petition schließlich abgelehnt. Die Zeit war damals offensichtlich noch nicht reif für diese heutigen Selbstverständlichkeiten.

Erfolgreicher war Goldschmidt mit dem Projekt, Frauen einen besseren Zugang zu Bildung zu verschaffen. Eine von ihr 1874 initiierte Reihe mit wissenschaftlichen Vorträgen für Frauen fand überwältigenden Anklang – wohl nicht zuletzt der Tatsache geschuldet, dass Frauen seinerzeit von dem Besuch öffentlicher höherer Schulen ausgeschlossen waren. Bis zu diesem Zeitpunkt gab es für sie lediglich private und damit kostspielige oder aber minderwertige Fortbildungseinrichtungen.

Aus den Vortragsreihen entwickelte sich schließlich ein „Lyceum für Damen“ und schließlich 1911 durch die finanzkräftige Unterstützung Leipziger Mäzene die erste deutsche Hochschule für Frauen, die heute unter dem Namen „Fachschule für Sozialpädagogik Henriette Goldschmidt Leipzig“ firmiert. (kna)

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