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Klimaschutz: Mit oder ohne Fleisch?

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Von: Jörg Staude

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Eine Frau kostet eine Quesadilla mit Wanderheuschrecken, die in der EU als Lebensmittel zugelassen sind.
Eine Frau kostet eine Quesadilla mit Wanderheuschrecken, die in der EU als Lebensmittel zugelassen sind. © picture alliance/dpa

Ein finnisches Forschungsteam untersucht, wie Klimaschutz mit „Future Foods“ gelingen kann – einer Ernährung, die tierische Produkte nicht ganz ausschließt.

Frankfurt – Was kann eine andere Lebensweise für den Klimaschutz bewirken? Auch für diese oft diskutierte Frage liefert der jüngste Teilbericht des Weltklimarates erstmals eine Zahl: Um 40 bis 70 Prozent könnten die CO2-Emissionen sinken, wenn sich bei Energie und anderen Gütern die Nachfrage der Verbraucherinnen und Verbraucher hin zu klimafreundlichen Produkten verschiebt. Dazu gehören energieeffizientes Bauen, ein kompaktere Infrastruktur der kurzen Wege, aber auch eine veränderte Ernährung.

Bei der Ernährung wird meist die Höhe des Fleischkonsums diskutiert. Allerdings ernähren sich auch Veganer nicht völlig treibhausgasfrei. Einen anderen Weg wählten finnische Forscher:innen in einer jetzt im Fachmagazin Nature Food veröffentlichten Studie.

Umweltoptimierte Ernährung: Land- und Wasserverbrauch sinken massiv

Sie ersetzten die übliche Mischkost mit hohem tierischen Anteil durch eine nach Umweltgesichtspunkten optimierte Ernährung. Das Ergebnis: Land- und Wasserverbrauch sowie auch der Treibhausgasausstoß könnten jeweils um rund 80 Prozent reduziert werden.

Zum Vergleich mit dem europäischen Durchschnitts-Food wählten die Forschenden dabei nicht nur eine rein pflanzliche, also vegane Ernährung, sondern auch eine auf Basis neuartiger Lebensmittel, sogenannter „Novel and Future Foods“. Da landen auch Insekten, Milch aus Zellkulturen oder mikrobielles Protein auf dem Tisch.

Solche Ersatzprodukte können Nährstoffe liefern, die sonst vor allem in tierischen Produkten vorkommen. Denn auch laut der vorliegenden Studie ist es nicht möglich, mit einer rein veganen Ernährungsweise den Bedarf für alle essenziellen Nährstoffe einschließlich der Vitamine D und B12 abzudecken.

Als drittes Vergleichssystem diente den Forscher:innen die sogenannte omnivore Ernährung. In der Studie ähnelt diese einer veganen Ernährungsweise, beinhaltet jedoch kleinere Mengen tierischer Erzeugnisse – vor allem Milchprodukte –, um den Bedarf für alle essenziellen Nährstoffe abzudecken.

Future Foods: Wie klimafreundlich sind sie?

Wie umwelt- und klimafreundlich die Future Foods sind, lässt sich allerdings noch nicht genau sagen. Die Abschätzung der Umweltauswirkungen beruhe in der Studie auf pauschalen Faktoren für Treibhausgasausstoß, Landnutzung und Wasserverbrauch, gibt Florian Humpenöder vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung zu bedenken. Gerade für neuartige Lebensmittel, die sich noch in der Entwicklung befänden, wie Milch aus Zellkulturen, gebe es größere Unsicherheiten über die Umweltauswirkungen.

Ein zentraler Faktor, der die Umweltfreundlichkeit der Novel Foods bestimmt, ist für den Volkswirtschaftler der Energieverbrauch. „Denn statt Tiere zu füttern, die dann Milch und Fleisch liefern, wird in der zellulären Landwirtschaft mehr Energie im Produktionsprozess benötigt, beispielsweise um Bioreaktoren zu heizen. Die Treibhausgasemissionen neuartiger Lebensmittel hängen somit wesentlich von der Verfügbarkeit kohlenstoffarmer Energiequellen ab“, lautet sein Fazit.

Heiße Eisen für den Klimaschutz

Ein erstes Gutachten zur Klimapolitik der Regierung liegt vor: Darin drängen Fachleute auf mehr Mitbestimmung für die Bevölkerung und eine umstrittene Technik.

Auch der Agrarökonom Matin Qaim, Direktor am Zentrum für Entwicklungsforschung der Uni Bonn, sieht die Future Foods in der Studie dadurch bevorteilt, dass sie oft noch in der Entwicklung seien. Bei der Studie handele es sich lediglich um mathematische Optimierungen von Ernährungsplänen. „Die Ergebnisse zeigen, was theoretisch möglich sein könnte, und nicht, was realistischerweise zeitnah zu erwarten ist“, dämpft der Agrarforscher etwaige Erwartungen. „Deswegen sind die errechneten Einsparungen der Umweltwirkungen hier auch größer als in bisherigen Studien.“

Ob alle Menschen in Europa zukünftig wirklich einen Großteil ihrer Nährstoffe aus Insektenmehl, Algen oder In-vitro-Kulturen decken werden, bleibt für Qaim abzuwarten.

Auch Franziska Gaupp, Leiterin der Wissenschaftlergruppe Food Systems Economics Commission, bemängelt an der Studie, dass diese zwar den Land- und Wasserverbrauch und die Treibhausgasemissionen untersuche, aber den wichtigen Faktor Energieverbrauch vergesse.

Statistisches Bundesamt
Der durchschnittliche CO2-Ausstoß verschiedener Ernährungsweisen pro Person und Jahr in Kilogramm, laut Angaben des Statistischen Bundesamtes. © FR

„Die Herstellung von kultiviertem Fleisch beispielsweise verbraucht mehr Energie als die herkömmliche Fleischproduktion“, erläutert Gaupp, die zugleich betont: „Die Studie bestätigt, dass Fleischkonsum der größte Faktor bezüglich negativer Umweltauswirkungen in unserer Ernährung ist.“

Laut den finnischen Forscherinnen und Forschern trägt allein der teilweise oder vollständige Verzicht auf Fleisch etwa zu 60 Prozent zur positiven Umweltbilanz einer optimierten Ernährung bei.

Klimapolitisch gesehen ist eine fleischarme oder fleischlose Ernährung ein ähnlicher „Big Point“ wie in der Mobilität der weitgehende Verzicht aufs Fliegen oder beim Wohnen die Absage an das berühmte Einfamilienhaus im Grünen. Das zusammen macht das Leben noch nicht klimaneutral, nimmt aber die größten Belastungen weg. (Jörg Staude)

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