+
Makaken sind den Menschen ähnlicher als Ratten und Mäuse - deshalb wurden sie für die Versuche ausgewählt.

Menschliche Stammzellen in Tieren

Mischwesen: Jenseits der Grenzen zwischen Mensch und Tier

  • schließen

Ein spanischer Wissenschaftler testet die Entwicklung menschlicher Stammzellen in Affen-Embryonen. Er forscht in China, denn in Spanien wäre sein Projekt verboten.  

Es ist nur Tage her, dass der japanische Forscher Hiromitsu Nakauchi Schlagzeilen machte mit seinem Vorhaben, menschliche Stammzellen in tierische Embryonen einzupflanzen und diese länger als zwei Wochen im Mutterleib wachsen zu lassen. Das Wissenschaftsministerium in Japan hatte die Erlaubnis für solche Experimente mit Ratten und Mäusen als „Leihmüttern“ erteilt; Hintergrund ist die Hoffnung, einen Weg zu finden, Organe für schwerkranke Menschen zu züchten.

Angesichts neuer Berichte wirkt aber die Meldung aus Japan fast schon harmlos: Wie die spanische Zeitschrift „El Pais“ berichtet, soll der Wissenschaftler Juan Carlos Izpisua Belmonte angeblich bereits menschliche Stammzellen in die Embryonen von Makaken verpflanzt haben. Weil das in seinem Heimatland Spanien verboten wäre, hat Belmonte diese Experimente zusammen mit spanischen und chinesischen Wissenschaftlern in China umgesetzt, wo die Gesetzgebung in medizinethischen Fragen oft weniger restriktiv ist als in den westlichen Ländern. Die Ergebnisse sollen zur Publikation bei einer renommierten Fachzeitschrift eingereicht worden sein.

Makaken zählen zu den Affen und sind den Menschen damit weit ähnlicher als Ratten und Mäuse. Genau deshalb hat Juan Carlos Izpisua Belmonte sie ausgewählt, denn er möchte laut „El Pais“ das Entwicklungspotenzial von bestimmten Stammzellen bei näheren Verwandten des Menschen erforschen. Und genau deshalb erscheinen seine offenbar bereits erfolgten Versuche ethisch noch fragwürdiger als die Pläne von Nakauchi.

Tiere als Ersatzteillager für menschliche Organe

Als langfristiges Ziel geben beide Wissenschaftler das gleiche an: Ihnen schwebt vor, in Tierembryonen einzelne menschliche Organe zu züchten, diese dann zu entnehmen und Patienten zu transplantieren. Belmonte sowie Nakauchi arbeiten dabei mit induziert pluripotenten Stammzellen. Das sind Zellen – meist Hautzellen –, die von Forschern im Labor künstlich wieder in ein frühes Entwicklungsstadium gebracht und mit den universellen Fähigkeiten embryonaler Stammzellen ausgestattet werden. Embryonale Stammzellen sind „Alleskönner“, sie sind in der Lage, sich in jede Art von Gewebe auszudifferenzieren. Adulte Stammzellen hingegen sind Spezialisten, sie entwickeln sich nur noch zu bestimmten Gewebetypen. Sie spielen eine wichtige Rolle, wenn der Körper etwas zu reparieren oder zu erneuern hat.

Der Ansatz beider Wissenschaftler besteht darin, solche induziert pluripotenten Stammzellen einem Tierembryo zu injizieren, damit sich aus ihnen gezielt eine Leber, eine Niere, eine Lunge oder eine Bauchspeicheldrüse entwickelt. Bei Nakauchi sollen zunächst Mäuse und Ratten die Funktion von Wirtstieren für menschliche Organe übernehmen, später dann auch Schweine.

Kann man diese Pläne zumindest als ethisch heikel bezeichnen, so überschreitet Belmonte noch eine weitere: Er greift zu Affen.

Den Versuchsaffen wird ihre Ähnlichkeit mit dem Menschen zum Verhängnis 

Unsere nächsten Verwandten als unsere Organproduzenten – das erscheint dem spanischen Wissenschaftler erfolgversprechender als andere Tiere in dieser Funktion, da die Barriere zwischen den Arten viel geringer ist und der menschliche Körper auf diese Weise gezüchtete Organe vielleicht besser annimmt.

Bereits 2015 hatten Belmonte und einige US-Forscher deshalb in einem Fachaufsatz mehr Experimente mit nicht-menschlichen Primaten gefordert. Als ob er es geahnt hätte, scheiterte er zwei Jahre später bei Versuchen mit Schweinen. Am kalifornischen Salk Institute in San Diego hatte Belmonte humane Stammzellen in Schweineembryonen eingepflanzt, die dann einige Wochen lang im Mutterleib wachsen durften, bevor sie vernichtet werden mussten. Es stellte sich heraus, dass lediglich eine von 100 000 Schweinezellen menschlichen Ursprungs war. Der Schweinekörper hatte die humanen Zellen vernichtet.

Auch Nakauchi hatte ähnliche Erfahrungen mit humanen Stammzellen in Schafembryonen gemacht; Schafe sind genetisch noch viel weiter vom Menschen entfernt als Schweine. „Erfolgreicher“ – sofern man dieses Wort überhaupt gebrauchen darf – war der Japaner allerdings bei einem Experiment mit verschiedenen Affenarten: Er injizierte Embryonen von Makaken pluripotente Stammzellen von Schimpansen, zwei Tage später sollen sich „cross species chimeras“ gebildet haben.

Während der Japaner Nakauchi allerdings immerhin zugesichert hat, seiner Forschung in kleinen Schritten nachzugehen, derzeit keine Geburt eines Mischwesens zu planen und die Öffentlichkeit an seiner Arbeit teilhaben zu lassen, bleibt zumindest im Augenblick ungewiss, wie weit sein spanischer Kollege mit seinen Experimenten fortgeschritten ist.

Öffentlichkeit holt die Debatte aus den „Hinterzimmern der Ethik-Kommissionen“

Auf Grundlage der vorliegenden Informationen sei derzeit noch keine Einschätzung möglich, sagt Hille Haker vom Lehrstuhl für Christliche Ethik der Loyala University Chicago. Deshalb sei „Vorsicht geboten“ gegenüber „jeder vorschnellen ethischen Bewertung“. Interessant sei allerdings, „dass jetzt zeitnah die verschiedenen Forschungen öffentlich werden“: „Das birgt eine gute Gelegenheit, um endlich eine Diskussion in Gang zu bringen, die ansonsten in den Hinterzimmern der Ethik-Kommissionen und Ethik-Zentren verschwindet.“

Peter Dabrock, Professor für Systematische Theologie/Ethik an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg und Vorsitzender des Deutschen Ethikrates, mahnt an, Forschungsvorhaben aus diesem Bereich „ethisch nicht über einen Kamm zu scheren“. Grundsätzlich stellten sich Fragen wie: „Was darf man mit Tieren zu menschlichen Zwecken machen?“

Belmontes Experimenten freilich kommt auch im ohnehin umstrittenen Bereich der Tierversuche eine Sonderstellung zu, da ihre Leidtragenden Affen sind – die Menschen nicht nur biologisch, sondern auch „symbolisch nahestehen“, so Dalbrock. „Man muss schon sehr unsensibel sein, um nicht zu ahnen, dass dies gegenwärtig größtes Unbehagen, ja Verstörung auslösen wird.“

Auch teilt der Ethikprofessor die Sorge vieler Experten, die befürchten, dass sich die menschlichen Stammzellen nicht nur zu den erwünschten Organen formieren, sondern auch im Gehirn von Tieren ansiedeln und dort Veränderungen hervorrufen könnten. Das müsse bei allen Chimärenversuchen verhindert werden.

Forscher weicht vor strengen Gesetzen nach China aus

Rüdiger Behr, Leiter der Abteilung degenerative Erkrankungen am Leibniz-Institut für Primatenforschung in Göttingen sieht diese Gefahr bei Affenembryonen als besonders groß an. „Die Alleskönner-Stammzellen könnten sich nach Übertragung auf einen Embryo möglicherweise auch zu Keimzellen oder Nervenzellen entwickeln und dabei auf Grund der verwandtschaftlichen Nähe mit Affenzellen besser und komplexer interagieren als mit den entsprechenden Zellen des Schweins“, erklärt der Wissenschaftler und konkretisiert: „Die Wahrscheinlichkeit, dass aus einem Gehirn, das aus Zellen des Affen und des Menschen besteht, ein Organ mit unerwarteten neuen Eigenschaften entsteht, ist größer, als wenn menschliche Zellen in einem Gehirn des Schweins vorhanden wären.“

Behr betont allerdings auch, dass die Suche nach Alternativen zur klassischen Organspende ein „hochrangiges Ziel“ und die „klinische Relevanz“ dieser Forschung groß sei.

In Spanien wäre eine Forschung, wie Juan Carlos Izpisua Belmonte sie nun betreibt, nicht möglich; um der strengen Gesetzgebung dort zu entgehen, hat er sie nach China verlagert. Für Ethiker Peter Dabrock wirft dieses Vorgehen die Frage auf, „wie man angesichts einer globalen Wissenschaftsgemeinde damit umgehen soll, wenn Forscher sich an einem Projekt beteiligen, das im eigenen Land verboten ist“.

Rechtslage

In Deutschland ist die Verwendung von induziert pluripotenten Stammzellen, mit denen Belmonte und Nakauchi arbeiten, nicht speziell gesetzlich geregelt. Jochen Taupitz, Medizinrechtler an den Universitäten Heidelberg und Mannheim, geht deshalb davon aus, dass die Experimente beider Forscher in Deutschland rein rechtlich erlaubt wären. Allerdings hat der Deutsche Ethikrat bereits 2011 gefordert, Versuche zur Erzeugung von Affen, in die Gene einer anderen Spezies eingebracht werden, zu verbieten.

Das Einsetzen menschlicher Zellen in Tiere ist seit jeher weltweit in der medizinischen Forschung üblich, um Krankheiten zu erforschen.

Diese Artikel könnten Sie auch interessieren

Japanische Forscher wollen Mischwesen erzeugen

Japan hat das ethisch umstrittene Projekt genehmigt, bei dem tierisch-menschliche Embryonen erzeugt und auch nach der Geburt am Leben gelassen werden sollen.

Der Mensch ist eben kein Gott

Mit der Änderung des Erbguts von Babys hat der Forscher He Jiankui eine Tür aufgestoßen, die schnell geschlossen werden muss. Eine Analyse von Torsten Harmsen.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare