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Die Weltkonferenz zur Artenvielfalt startet in Paris.

Bedrohte Artenvielfalt

Bis zu 1 Million Arten vom Aussterben bedroht

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UN-Experten diskutieren in Paris den ersten globalen Bericht zur Artenvielfalt seit 2005. Die Daten verheißen nichts Gutes.

Der Weltklimarat IPCC ist eine wichtige Institution. Wenn das Gremium einen neuen Report präsentiert, hört die Welt zu. So wie zuletzt im vorigen Jahr, als der IPCC eindringlich die Notwendigkeit darstellte, die Erderwärmung nicht nur auf zwei, sondern auf 1,5 Grad zu begrenzen. Einen ähnlichen Weckruf dürfte am Montag der „Weltbiodiversitätsrat“ herausbringen. Dann veröffentlicht das UN-Gremium in Paris seinen „Sachstandsbericht“ zum globalen Natur- und Artenschutz – und darin wird nur wenig Positives zu lesen sein.

Die Dramatik der Entwicklung geht schon aus dem Entwurf des Berichts hervor, der in dieser Woche auf dem Treffen der „Zwischenstaatlichen Plattform für Biodiversität und Ökosystemdienstleistungen“ (IPBES) verhandelt wurde, wie der Rat offiziell heißt. Wegen der fortschreitenden Umweltzerstörung seien 500.000 bis eine Million Tier- und Pflanzenarten vom Aussterben bedroht. Es sei wahrscheinlich, dass viele bereits „in den kommenden Jahrzehnten“ verschwänden, heißt es darin. Zu den Hauptgründen dafür gehören demnach Intensivlandwirtschaft, Abholzung von Wäldern, Bergbau, Fischerei und Jagd, gefolgt von Klimawandel und Umweltverschmutzung.

An dem neuen, 1500 Seiten starken Report waren rund 450 Experten aus 50 Ländern beteiligt. In den vergangenen drei Jahren wurden dafür die etwa 15 000 relevantesten Studien ausgewertet, erstmals fand auch das Wissen indigener Völker in großem Umfang Eingang in die Bewertung. Der Bericht dokumentiert, wie sich der Zustand der Ökosysteme und die biologische Vielfalt seit Mitte des vergangenen Jahrhunderts weltweit verändert haben. Es handelt sich um den ersten globalen Zustandsbericht der UN zu dem Thema seit 2005, als das „Millennium Ecosystem Assessment“ veröffentlicht wurde.

Trendwende bei der Biodiversität ist trotz Warnungen ausgeblieben

Seit Anfang dieser Woche diskutieren nun die Delegierten der 132 IPBES-Mitgliedsstaaten die rund 40-seitige Kurzfassung des Berichts, die eine Handlungsgrundlage für die „politischen Entscheidungsträger“ sein soll. Das Verfahren ist dasselbe wie beim Weltklimarat. Auch dort wird das Dokument auf der letzten Sitzung Satz für Satz und Wort für Wort durchdiskutiert. „Es ist viel Energie nötig, viel Durchhaltevermögen, Geduld und Diplomatie“, sagte Josef Settele vom Leipziger Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ), einer der drei Co-Vorsitzenden des Reports. Die Staatenvertreter konnten vor der Verabschiedung Änderungen an dem Text vornehmen. Dennoch erwartete der Agrarforscher, dass die Kurzfassung 95 bis 98 Prozent von dem enthalten wird, was die Wissenschaftler vorgegeben haben.

Die Weltkonferenz zur Artenvielfalt startet in Paris.

Der Präsident des Expertengremiums, Robert Watson, machte schon zu Beginn der Schlusskonferenz in Paris klar, dass die erhoffte Trendwende bei der Biodiversität ausgeblieben ist. „Die Belege sind unbestreitbar: Die Zerstörung der Artenvielfalt und der Ökosysteme hat ein Niveau erreicht, das unser Wohlergehen mindestens genauso bedroht wie der durch den Menschen verursachte Klimawandel“, sagte er vor den Teilnehmern.

Tatsächlich zeigen auch andere Untersuchungen, dass das Tempo, in dem Pflanzen und Tiere aussterben, heute zehn- bis hundertmal höher ist als im Durchschnitt der vergangenen zehn Millionen Jahre. Auch die Zahl der Tiere nimmt ab. Die Umweltstiftung WWF dokumentierte zum Beispiel in ihrem „Living Planet Report“, dass die Bestände der von ihr untersuchten Wirbeltierpopulationen weltweit seit 1970 um knapp 60 Prozent zurückgegangen sind. Der dokumentierte Rückgang betrifft Säugetiere, Fische, Vögel, Amphibien und Reptilien. Parallel dazu hat sich die Zahl der Menschen seit 1960 mehr als verdoppelt – auf über 7,5 Milliarden.

Setzen sich Umweltschutzverächter wie Jair Bolsonaro durch?

Der neue Report macht klar, dass die auf der Vertragsstaatenkonferenz der Biodiversitätskonvention (CDB) anno 2010 von rund 200 Staaten verabschiedeten „Aichi-Ziele“ zum Naturschutz – benannt nach der japanischen Provinz, in der damals getagt wurde – zum größten Teil verfehlt werden. Danach sollten bis 2020 unter anderem der Verlust an natürlichen Lebensräumen halbiert, Feuchtgebiete geschützt und die Überfischung der Weltmeere gestoppt werden. Passiert ist hier viel zu wenig. Fortschritte gab es nur bei dem Ziel, 17 Prozent der Landfläche sowie zehn Prozent der Meere in nationalen Hoheitsgebieten unter Schutz zu stellen, wobei man allerdings über die Effektivität der entsprechenden Regelungen streiten kann.

Eine neue Chance, den Schutz der Ökosysteme und der Artenvielfalt endlich ernsthaft anzugehen, bringt die nächste CBD-Konferenz, die 2020 im chinesischen Kunming stattfindet. Die „20 Aichi“-Ziele laufen dann aus und müssen durch neue Verabredungen ersetzt werden. Dann wird sich entscheiden, ob sich der Ungeist von Umweltschutzverächtern wie den Präsidenten der USA und Brasiliens, Donald Trump und Jair Bolsonaro, durchsetzt oder die Weltgemeinschaft die Lehren aus dem aktuellen Report doch verstanden hat. Günter Mitlacher, Naturschutzexperte beim WWF, hofft natürlich, dass Letzteres geschieht. „In Paris steht Politik und Wirtschaft ein deutlicher Weckruf bevor“, sagte er.

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