Eine Molkerei in Südengland. Welche Rolle der Milchkonsum bei Krebserkrankungen spielt, ist bis heute umstritten.
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Eine Molkerei in Südengland. Welche Rolle der Milchkonsum bei Krebserkrankungen spielt, ist bis heute umstritten.

Krebs

Die Milch, die nicht gesund ist

  • Pamela Dörhöfer
    vonPamela Dörhöfer
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Der Medizin-Nobelpreisträger Harald zur Hausen erforscht die Rolle von Viren bei Dickdarm- und Brustkrebs.

Als Harald zur Hausen in den 1970er Jahren erstmals den Verdacht äußerte, dass humane Papillomviren Gebärmutterhalskrebs auslösen, mochten viele seiner Kollegen das zunächst nicht glauben. Doch er behielt Recht – und wurde für seine Entdeckung 2008 mit dem Nobelpreis für Medizin ausgezeichnet. Der emeritierte Professor für Virologie geht davon aus, dass die durch ihn so bekannt gewordenen Warzenviren keineswegs die einzigen infektiösen Erreger sind, die entscheidend beim Entstehen einer bösartigen Erkrankung mitwirken, dass vielmehr Viren und auch Bakterien oder Parasiten einen größeren Einfluss haben als gemeinhin angenommen. Als unbestritten gilt ein Zusammenhang zwischen der Wurmkrankheit Bilharziose und Blasenkrebs, zwischen dauerhaften Infektionen mit dem Magenbakterium Helicobacter pylori und Magenkrebs, zwischen chronisch verlaufender Hepatitis B und C und Leberkrebs oder zwischen dem Epstein-Barr-Virus (es verursacht Pfeiffer’sches Drüsenfieber) und bestimmten Tumorarten, darunter Lymphdrüsenkrebs.

Aktuell geht Harald zur Hausen mit seiner Arbeitsgruppe am Deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg vor allem der Rolle nach, die Viren bei Dickdarm- und Brustkrebs spielen. Ausgangspunkt dafür sind epidemiologische Studien, in denen „auffallende Häufungen dieser Krebsarten in bestimmten Arealen der Welt“ zu erkennen seien, erklärt der 79-Jährige. Dabei gebe es große geographische Überschneidungen: So ist die Rate an Krebserkrankungen von Dickdarm und Brust in Nordamerika und Europa vergleichsweise hoch, in einigen asiatischen Ländern – etwa China – dagegen niedrig. Für Harald zur Hausen lag es nahe, eine Verbindung zwischen diesen Beobachtungen und dem regional unterschiedlichen Verzehr von Rindfleisch und Milchprodukten herzustellen.

Nun ist die These nicht neu, dass der häufige Genuss von rotem Fleisch das Krebsrisiko erhöht, insbesondere, wenn es scharf angebraten ist. Bei diesem Prozess bilden sich aromatische Kohlenwasserstoffe, die, in hoher Dosis, verabreicht, bei Nagetieren Krebs erzeugen. „Das schien eine vernünftige Erklärung zu sein“, sagt zur Hausen. Indes: „Beim Anbraten von Fisch und Geflügel entstehen die gleichen Schadstoffe, sogar zum Teil in höherer Konzentration. Aber bei beiden stellt auch langfristiger Verzehr kein Risiko dar, im Gegenteil, Fisch scheint sogar schützende Wirkung zu haben. Das passt nicht zur Vorstellung von angebratenem Fleisch als Krebsfaktor.“ Auch das Beispiel der Mongolei widerspreche dieser gängigen These: Dort erkrankten im Verhältnis wenige Menschen an Dickdarmkrebs, obwohl dort von der Tradition her besonders häufig gegrilltes rotes Fleisch auf dem Teller landet.

Die Theorie des Nobelpreisträgers ist es, dass das Problem nicht im Rindfleisch an sich liegt. Zum Krebsfaktor werden seiner Ansicht nach vielmehr viral infizierte Rinder und die aus ihnen gewonnenen Milchprodukte. Schon länger verfolge er die Idee, dass bestimmte virale Infektionen von Menschen auf Tiere und umgekehrt übertragen werden können, sagt Harald zur Hausen. Das gelte zum Beispiel für Polyomaviren (sie lösen bei Menschen meist unbemerkte Infektionen aus), Adenovirustypen (sie können zu Entzündungen der Augen, Atemwege und des Magen-Darm-Trakts führen) sowie für Epstein-Barr- und Papillomviren. „Den Tieren schaden diese Viren primär nicht, sie vermehren sich nicht in ihnen, wirken aber auf sie krebserzeugend“, erklärt zur Hausen. Es stelle sich nun die Frage, ob Tiere ähnliche Viren wiederum auf den Menschen übertragen, wo sie sich nicht vermehren können, wohl aber auch beim Entstehen von Krebs beteiligt sind. Um eine solche fatale Wirkung zu entfalten, seien neben diesen biologischen Einflüssen auf das Erbgut durch die Viren-DNA noch weitere genetische Veränderungen nötig, zum Beispiel durch chemische Faktoren im Tabakrauch.

Yaks und Wasserbüffel

Als Risikofaktor für Dickdarmkrebs hat Harald zur Hausen insbesondere Rinderrassen aus Europa und Amerika im Auge; in Regionen, wo eher Yaks oder Wasserbüffel auf dem Speiseplan stünden, verzeichne man hingegen keine hohen Erkrankungsraten. Dagegen seien in Japan und Südkorea rund 20 Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg beziehungsweise 20 Jahre nach dem Koreakrieg die Zahl der Dickdarmkarzinome deutlich angestiegen – was der Wissenschaftler vor allem auf die zunehmende Einfuhr von Rindfleisch aus den USA zurückführt. Harald zur Hausen vermutet deshalb, dass es bei einigen Rassen gehäuft einen „artspezifischen Befall“ mit bestimmten Viren gibt. Er selbst genießt Rindfleisch zurückhaltend – „Vegetarier bin ich dadurch aber nicht geworden.“

Und was ist mit der Milch? Bei ihr geht der Mediziner einer möglichen Korrelation mit Brustkrebs nach. Auch dabei richtet sich sein Blick wieder auf den Globus: „In den meisten Ländern besteht eine hohe Konkordanz mit Dickdarmkrebs – mit einigen Ausnahmen: In Japan und Korea kommt dieser vergleichsweise häufig vor, die Brustkrebsrate ist allerdings gering.“ Der Grund könnte sein: In beiden Ländern isst die Bevölkerung wie erwähnt viel Rindfleisch, deshalb die hohen Werte beim Dickdarmkrebs – aber wie in weiteren Bereichen Asiens, speziell in Südostasien, werden auch dort nur wenig Milchprodukte verzehrt, deshalb die niedrigen Werte bei Brustkrebs.

Interessant findet Harald zur Hausen in diesem Zusammenhang die Entwicklung in Indien: Dort sei der Milchkonsum in den vergangenen Jahrzehnten deutlich in die Höhe gegangen, Kinder würden früh der Mutterbrust entwöhnt und mit Kuhmilch gefüttert: „Mit fast 20-jähriger Verzögerung hat parallel dazu dort der Brustkrebs zugenommen.“

Und wieder scheinen die gleichen Rinderrassen verantwortlich sein, erklärt der Krebsforscher und führt als Indiz eine Entwicklung in der Mongolei an: „In den großen Städten greifen die Bewohner verstärkt auf importierte Milchprodukte zurück. Dort sind die Brustkrebsraten gestiegen. In ländlichen Gebieten wird insbesondere die Milch von Yaks zubereitet. Dort hat sich nichts geändert.“ Also jetzt lieber auf alle Milchprodukte verzichten? Harald zur Hausen schüttelt den Kopf. Er geht davon aus, dass der Konsum von Milch, Quark oder Joghurt im Jugendlichen- und Erwachsenenalter keinen Einfluss mehr auf ein Krebsgeschehen hat. Seiner Ansicht nach wird die Saat für eine spätere, durch virale Erreger mitverursachte Brustkrebserkrankung bereits in der frühen Kindheit gelegt: „Die Entwicklung bis zum Karzinom dauert viele Jahrzehnte.“

Beweise für seine Hypothese habe er noch nicht, sagt der renommierte Wissenschaftler. Aber seinem Team am Deutschen Krebsforschungszentrum gelang es bereits, aus Kuhmilch, Rinderseren und Proben von krankem menschlichen Gewebe eine Vielzahl bislang unbekannter DNA-Sequenzen „mit hohem Verwandtschaftsgrad“ zur DNA von Viren zu isolieren. Eine ähnlich massive Korrelation wie zwischen Gebärmutterhalskrebs und Papillomviren schließt zur Hausen indessen sowohl für Dickdarm- als auch für Brustkrebs aus: „Papillomviren sind hoch pathogen.“ Doch so wie aus seinen preisgekrönten Erkenntnissen dazu eine Impfung gegen Gebärmutterhalskrebs hervorging, könnte er sich auch vorstellen, dass für Dickdarm- und Brustkrebs in der Zukunft ebenfalls eine effektivere Vorbeugung möglich sein wird: „Wenn wir eine direkte Verbindung infektiöser Faktoren mit einer Krebserkrankung nachweisen, wäre das die Basis für eine therapeutische Prävention, etwa, indem Risikopatienten erfasst oder neue Impfungen entwickelt werden.“

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