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Klassenlehrerin Christine Glitsch versucht in ihrer Grundschulklasse jedes Kind so gut wie möglich zu fördern. 

Bildung

So bunt sind Frankfurts Schulen

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Dass der Lehrerberuf trotz aller Herausforderungen Spaß machen kann, zeigt das Beispiel Pestalozzischule. 

Grundschüler der 3c von der Pestalozzischule in Frankfurt auf zwölf Nationen: Viele der Drittklässler sind zwar in Deutschland geboren, aber ihre Eltern größtenteils nicht. Nur ein einziger Junge hat ein Elternteil mit ursprünglich deutschen Wurzeln. Da in der Schulklasse keine Nationalität häufig genug vertreten ist, „spielt die Hautfarbe keine Rolle. Rassismus und Ausgrenzung kommen bei uns nicht vor“, betont die Klassenlehrerin Christine Glitsch. So bunt wie ihre Klasse ist der Stadtteil, in dem die Kinder leben. Der Riederwald ein Schmelztiegel vieler unterschiedlicher Kulturen; viele sozial benachteiligte Familien leben dort.

„Ich bin sehr gerne Lehrerin an der Pestalozzischule. Die Mischung ist einfach prima und meine Klasse ist großartig“, sagt Glitsch. Weil es sie ärgert, „dass unsere staatlichen Schulen mittlerweile so einen schlechten Ruf haben“, hat sie die Frankfurter Rundschau zum Unterrichtsbesuch eingeladen, um mal aus Sicht einer Lehrerin zu zeigen, „dass Schule Spaß macht“. Im Fach Sachkunde müssen die 17 Schüler an diesem Tag eine knifflige Aufgabe lösen: Aus mehreren Blättern Papier sollen sie eine stabile, tragfähige Trasse für eine Brücke konstruieren.

Als Seitenträger dienen mehrere übereinandergestapelte Bauklötze. Die acht- und neunjährigen Kinder machen sich in Zweiergruppen mit Feuereifer ans Werk. Als ihre Lehrerin fragt, ob schon jemand eine Idee hat, wie man das Problem lösen könnte, schnellen Dutzende Finger in die Luft. Durch mehrmaliges Nachfragen kristallisiert sich heraus, dass vor allem die Falttechnik – ähnlich wie bei einem Fächer oder einer Ziehharmonika – die nötige Stabilität bringen kann. Denn wie Christine Glitsch ihren Kindern vorführt, können ein paar glatte Blätter Papier keinen einzigen Bauklotz tragen. Das Arbeiten im Team läuft wie am Schnürchen. Lautstark melden sich die Kinder, wenn sie Fortschritte beim Herumtüfteln machen. 

Bei einer anschließenden Frage- und Antwortrunde verdeutlicht die Lehrerin, warum ein Zickzack- oder U-Profil die Brücke aus Papier so viel stabiler macht. Anhand einer schematischen Zeichnung an der Tafel fragt sie ihre Schüler, wo die Zug- und Druckkraft jeweils ansetzt.

Die Kiste mit den technischen Experimenten verdankt die Schule einer Kooperation mit der Polytechnischen Gesellschaft, einer Frankfurter Stiftung mit einem Schwerpunkt auf der Bildungsförderung. „Unsere Eltern können aus eigener Kraft gar nicht die Summe aufbringen, um solche Kisten mit Experimenten zu finanzieren“, sagt Glitsch im Anschluss an die Schulstunde.

Moiz wundert sich, wie viel seine Brücke tragen kann. Seine Familie stammt aus Pakistan.

Das Lernklima ist gut, obwohl es auch schwierige und verhaltensauffällige Kinder in der Klasse gibt. Der Freundschaft tut das allerdings keinen Abbruch – im Gegenteil. Christine Glitsch berichtet von einem „wunderbaren Trio“, bestehend aus Donya aus Afghanistan (Muslimin),

Avneet (Sikh-Religion) aus Indien und Efthimia (Christin) aus Ghana, die sich ganz selbstverständlich und unabhängig von Hautfarbe und Religion verstehen und gegenseitig helfen.

Christine Glitsch hat mit ihren Kindern viele Regeln und Rituale erarbeitet, die sie nach drei Jahren Schulzeit nun kennen und anwenden. Beispielsweise legt die Lehrerin großen Wert darauf, dass die Kinder die Person anschauen, mit der sie reden, und ihr zur Begrüßung die Hand geben oder den anderen die Tür aufhalten.

Manchmal gelingt es der Pädagogin sogar, „über die Kinder die Eltern zu erziehen“. So ist etwa beim gemeinsamen Frühstück Süßkram tabu, stattdessen stehen Brot, Gemüse, Obst und Wasser auf dem Speisezettel. Viel Lob hat Glitsch auch für die Eltern übrig, von denen meist alle zu den Elternabenden kommen, obwohl sie manchmal wenig verstehen. „Aber sie wollen damit zeigen, dass ihnen ihre Kinder wichtig sind.“

Die gemeinsame Sprache aller Kinder ist Deutsch, obwohl manche erst seit zwei Jahren hier leben. Diese Schüler erhalten in sogenannten Vorlaufkursen eine zusätzliche Sprachförderung, um überhaupt dem Unterricht folgen zu können. Das Sprachniveau ist für eine so heterogene Gruppe bemerkenswert gut. „Das geht aber nicht ohne Druck“, sagt Glitsch. Jedes Kind hat die Aufgabe, sich pro Woche ein Buch mit unterschiedlichen Schwierigkeitsgraden aussuchen und es zu Hause zu lesen. Im Anschluss beantwortet es am Computer eine Stunde lang inhaltliche Fragen dazu. Viele der Eltern wüssten nicht, „wie wichtig Vorlesen anstelle von Computerspielen ist“, betont Glitsch. Beim Daddeln seien die Kinder meist unproduktiv und unkonzentriert.

Rund 260 Kinder besuchen die Pestalozzi-Grundschule, etwa 50 von ihnen erhalten zusätzliche Deutschförderung in den Vorlaufkursen vor dem regulären Unterrichtsbeginn. Ein engagiertes Team von 18 Pädagogen kümmert sich um die Kinder. „Das Klima ist sehr gut, bei uns gibt es seit Jahren so gut wie keine Wechsel im Kollegium.“

Und auch für Christine Glitsch wäre es undenkbar, wegzugehen. Sie hätte auch an einer anderen Schule im Westend oder in Bockenheim unterrichten können. „Aber an der Pestalozzischule merkt man, was man tut.“

Für ihre Kinder sei ein Museumsbesuch oder ein Ausflug in die Frankfurter Innenstadt etwa zur Alten Brücke mit dem goldfarbenen Brickegickl wie der Eintritt in eine neue Welt. Viele kennen von Frankfurt lediglich das nahe gelegene Einkaufszentrum Hessen-Center.

„Ihre Umwelt betrachten sie fasziniert und ihre Freude, etwas Neues zu erleben, ist riesengroß. Ich freue mich dann über die witzigen und schlauen Bemerkungen meiner Schüler und merke außerdem, wie gut ich mich auf meine Klasse verlassen kann.“

Christine Glitsch zeichnet aus, dass sie sich um jedes Kind bemüht und ihnen „ein gutes Gefühl für das Leben mitgeben will“. Sie erwartet aber schon, dass Hausaufgaben gemacht werden. Ansonsten passt sie sich im Schultag entsprechend an, „damit auch Kinder, deren Eltern weder Nachhilfe bezahlen können noch selbst viel wissen, eine Chance haben“. Glitsch bezeichnet sich selbst als Spätberufene. Nachdem sie ihre drei Kinder großgezogen hat, hat sie mit Ende 40 noch einmal den Einstieg in den Lehrerberuf gewagt.

Teure Kleidung, tolle Wohnungen oder andere Statussymbole – all das können sich die Familien aus der Klasse 3c nicht leisten. Das bewertet Grundschullehrerin Glitsch als positiv. Denn: „Meine Schüler definieren sich nur über sich selbst. Angeber oder Kinder, die etwas Besonderes sein wollen, gibt es bei uns nicht.“ Für Mobbing und Ausgrenzung sei dadurch weniger Platz, obwohl manche sich bei sozialen Schwächen ihrer Mitschüler mitunter auch grausam verhalten. 

Auch in Hotels oder teuren Clubs waren Glitsch Kinder in der Regel noch nicht, um Urlaub zu machen. „Stattdessen fahren meine Schüler in ihre Herkunftsländer und besuchen dort ihre Familien und arbeiten dort auch mal mit“, berichtet die 55-Jährige.

Wenn sich die Freundinnen Wajeeha aus Pakistan und Yasmina aus Ägypten streiten, singen sie einfach gemeinsam ihr Lieblingslied und vertragen sich wieder. Wenn ein Schüler andere beschimpft oder schlägt, wird das gemeinsam im Klassenrat besprochen, dass man das nicht wieder tut. „Reden statt schlagen“ lautet das Motto.

Zudem lernen die Kinder, dass es unterschiedliche Religionen gibt, diese Religionen miteinander verbunden sind und letztlich alle an einen Gott glauben, wie auch immer er genannt wird.

Es gelinge nicht immer, Lösungen zu finden – „aber immerhin lehrt es die Schüler das Miteinander und ein Demokratieverständnis“, sagt Glitsch. „Jeder Mensch hat eine gleichwertige Stimme, Mädchen können und dürfen genauso viel wie Jungs.“ Die Schüler stimmen über alles Mögliche ab und die Minderheit lernt dabei, die Mehrheitsmeinung zu akzeptieren und die Frauen-, Kinder- und Menschenrechte zu achten. „Das sind die Grundpfeiler unseres Staates und das wird von der Schule in die Familien getragen“, sagt Glitsch. Dennoch könnten Gespräche, Klassenbildungsmaßnahmen, außerschulische Förderungen und persönliche Zuwendung nicht alle Probleme lösen und auch bei der Inklusion stößt die Lehrerin an Grenzen. Wenn zur Entlastung nur drei bis vier Stunden pro Woche eine Förderlehrerin in ihre Klasse komme, sei es schlichtweg nicht machbar, dass die Klassenlehrerin in den restlichen 20 Stunden alles völlig allein bewältigt.

Zum Schulschluss räumen die Schüler von selbst das Klassenzimmer auf und reihen sich ganz ohne Aufforderung ordentlich in einer Reihe an der Tür auf. Herzlich verabschiedet Christine Glitsch jedes Kind mit ein paar freundlichen Sätzen.

„Meine Arbeit empfinde ich als unglaublich befriedigend“, sagt Christine Glitsch. Sie freue sich beispielsweise ungemein, dass einer ihrer ehemaligen, extrem problematischen Schüler in der siebten Klassen nun eine Zwei im Sozialverhalten bekommen habe. Sie könne sich vorstellen, dass er sogar eines Tages studieren wird. „Ich habe mir damals gesagt, ich ziehe das durch. Dieses Kind darf mich jetzt nicht als Bezugsperson verlieren.“ Es hat sich gelohnt, dass sie damals durchgehalten und nicht aufgegeben hat.

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