Mensch leitet neues Erdzeitalter ein

Der Mensch hat die Welt so radikal verändert, dass er nun sein eigenes Zeitalter erhält. Das Erdzeitalter „Holozön“ ist danach bereits durch das Anthropozän abgelöst worden.
Die Menschheit verändert die Welt so stark, dass sie damit ein neues Erdzeitalter eingeleitet hat – das „Anthropozän“. Dabei ist Klimawandel ist nur ein Anzeichen, andere gravierende Veränderungen wie die praktisch globale Verbreitung von Plastikmüll sowie veränderte Kreisläufe von Kohlenstoff, Stickstoff und Phosphor kommen hinzu.
Diese beispiellosen Einflüsse des Menschen auf den Planeten rechtfertigten diese Neubewertung, befand jetzt die zuständige Arbeitsgruppe auf dem Internationalen Geologischen Kongress im südafrikanischen Kapstadt. Das Erdzeitalter „Holozön“ ist danach bereits durch das Anthropozän abgelöst worden. „Viele dieser Veränderungen sind geologisch dauerhaft und einige von ihnen sind praktisch unumkehrbar“, hieß es zu Begründung.
In der Geologie wird die Erdgeschichte in Zeitalter eingeteilt. Das Holozän begann nach der letzten Eiszeit, also vor knapp 12 000 Jahren. Die überwiegende Mehrheit der Experten der „Working Group on the Anthropocene“ hält es nun für begründet, das Ende des Holozän auf die Mitte des 20. Jahrhunderts festzulegen. Das markanteste Datum dafür ist nach ihrer Ansicht der erste Atombombentest am 16. Juli 1945, dessen radioaktives Fallout auf der Erdoberfläche weltweit nachweisbar war. In Fachkreisen wurden bisher auch andere Einschnitte durch menschliche Aktivitäten diskutiert, etwa die Umweltveränderungen durch Abholzungen und Landwirtschaft vor 7000 Jahren. Auch der Beginn des industriellen Zeitalters um 1850 gilt als eine entscheidende Veränderung.
Die Arbeitsgruppe besteht aus 35 Wissenschaftlern, darunter Geologen, Klimaforscher und Archäologen. Nur einer der Experten enthielt sich bei der Abstimmung über die Frage, ob die Ausrufung des Anthropozäns sinnvoll sei. Die Arbeitsgruppe war vor sieben Jahren eingesetzt worden, um die Entscheidung darüber vorzubereiten, ob es sinnvoll sei, ein neues Erdzeitalter zu definieren und, wenn ja, auf wann sein Beginn datiert werden solle. Bereits 2008 hatte die einflussreiche „Geological Society of London“ geurteilt, es gebe überzeugende Argumente dafür, dass das Holozän bereits zu Ende gegangen sei. Als einen wichtigen Grund gab sie die weltweite Klimaveränderungen an, die durch den Anstieg der Treibhausgas-Konzentration in der Atmosphäre verursacht werden.
Den Begriff Anthropozän („anthropo“ bedeutet „den Menschen betreffend“) hatten der niederländische Meteorologe Paul Crutzen und der US-amerikanische Gewässerforscher Eugene Stoermer im Jahr 2000 vorgeschlagen und damit die Debatte gestartet. „Das Anthropozän beschreibt die Schuld des Menschen an diesem Zustand: Wir haben alles gestaltet und verändert“, sagte Crutzen, Chemie-Nobelpreisträger und früherer Direktor des Max-Planck-Instituts für Chemie in Mainz, im vorigen Jahr in einem FR-Interview. Der Begriff beschreibe aber auch „eine neue Qualität von Verantwortung, die diese Situation allen Menschen abverlangt“. Anstoß für die Initiative seien die Untersuchungen der Kommission „Planetare Grenzen“ unter Leitung des Stockholmer Forschers Johan Rockström gewesen. Dabei habe sich gezeigt, dass die Belastung durch den Menschen bereits bei drei von neun definierten „planetaren Leitplanken“ die Grenze überschritten hat, nämlich beim Klimawandel, beim Stickstoffeintrag und beim Artensterben, erläuterte Crutzen.
Bis zur offiziellen Ausrufung des Anthropozän dürften noch zwei, drei Jahre vergehen. In dieser Zeit wollen die Experten klären, welche in den Erdschichten durch menschliche Aktivitäten abgelagerten Stoffe als „Marker“ für das neue Erdzeitalter gelten sollen. Das könne eine Kombination von Kunststoffen, Atomwaffen-Fallout und Flugasche aus industrieller Produktion sein, sagte der Deutschen Presseagentur zufolge der Paläontologe Professor Reinhold Leinefelder von der Freien Universität Berlin, der der Arbeitsgruppe angehört.
Die letzte Entscheidung trifft das Exekutivkomitee der „International Union of Geological Sciences“. Es muss den Vorschlag zum Anthropozän ratifizieren. „Wir wollen den globalen geologischen Einfluss des Menschen ordentlich belegen, unabhängig von gesellschaftlichen Diskussionen“, betonte Leinfelder. Bei den übergeordneten Gremien gebe es noch Skepsis, vor allem, weil die bisherige Dauer des Holozän von 12 000 Jahren nach geologischen Maßstäben für ein Erdzeitalter dann extrem kurz ausfiele.