Die große Nachfrage nach Beratung und therapeutischer Hilfe kam zeitverzögert.
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Die große Nachfrage nach Beratung und therapeutischer Hilfe kam zeitverzögert.

Interview

„Die meisten stehen vor gewaltigen Aufgaben“

  • vonSaskia Bücker
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Nach der Corona-Krise dürften psychische Herausforderungen kein Tabu mehr sein, meint Therapeutin Eva Gjoni.

Die Corona-Krise erlebten viele Menschen als eine andauernde Schockstarre, berichtet die psychologische Psychotherapeutin Eva Gjoni. Der Bedarf an Orientierung steige, weshalb sie nun auch per Videoschalte ihre Hilfe anbietet. Der Bedarf an psychologischer Unterstützung werde in der nächsten Zeit sogar noch stark zunehmen, prognostiziert die Therapeutin.

Gjoni und rund 20 andere Psychotherapeuten, Psychologen und Ärzte stehen via Hotline für Liveberatung per Video oder Audio bereit. Das funktioniert ohne Anmeldung und Registrierung montags bis freitags zwischen 9 und 18 Uhr. Über die Homepage „Bleib psychisch gesund“ landen Ratsuchende direkt im digitalen Gesprächszimmer.

Frau Gjoni, was macht die Corona-Krise mit unserer Psyche?

Jeder reagiert ganz unterschiedlich auf die Herausforderungen. Ich bemerke, dass auch diejenigen, die früher weniger anfällig für Krisen waren, plötzlich Ängste bekommen. Das ist auch ganz normal, weil diese Krise eine massive, globale Herausforderung ist, worauf niemand vorbereitet war. Der Kontrollverlust über die eigene Lebensgestaltung setzt viele Menschen jetzt sehr unter Druck und löst Hilflosigkeit aus.

Standen mehr Patienten als sonst nach Verkündung des Lockdown vor Ihrer Praxis Schlange?

Eine Woche nach der legendären Rede der Bundeskanzlerin gab es erstaunlicherweise erst einmal eine unheimliche Ruhe. Die Nachfrage nach psychotherapeutischen Angeboten ist in den ersten Tagen bis Wochen wirklich sehr niedrig gewesen. Auch die eigenen Patienten, die bereits in Behandlung sind, konnten mit der Situation souverän umgehen. Man hätte denken können, dass Psychotherapeuten durch den plötzlichen Lockdown mit Telefonaten und Praxisbesuchen sofort überflutet werden. Aber so war es nicht. Die große Nachfrage kam zeitverzögert erst in den darauffolgenden Wochen.

Woran liegt das?

Eva Gjoni kümmert sich um das Seelenheil nach dem Virus.

Ärzte und Psychotherapeuten mussten sich bis zu den letzten umfassenden Lockerungen noch um Sichtbarkeit bemühen. Sie hatten zwar unter Einhaltung der Hygieneregeln geöffnet – aber nur wenige Patienten trauten sich in die Praxis oder die Klinik. Denn sie waren verunsichert, ob sie das überhaupt dürften. Viele haben auch Angst vor einer Ansteckung, während manche Patienten sich mit der Mundschutzpflicht nicht anfreunden können. Dann wurden die Anlaufstellen für psychologische Soforthilfe mit einem Anstieg an Anfragen konfrontiert, und die Terminservicestellen für eine Erstberatung und psychotherapeutische Sprechstunden konnten aufgrund der großen Nachfrage nicht mehr zuverlässig vermitteln.

Die Krise greift also tief in unser gesellschaftliches Leben ein?

Im Vordergrund stehen Veränderungen der vertrauten Lebensweise. Mit der Stilllegung des öffentlichen Lebens und der öffentlichen Strukturen stehen die meisten Menschen vor gewaltigen Aufgaben. Die Rollendiffusion beim erzwungenen Homeoffice und gleichzeitigem Homeschooling oder Kinderbetreuung und zugleich die fehlenden Ausgleichs- und Kommunikationsmöglichkeiten stellen Familien psychisch vor große Herausforderungen. Andererseits beschleunigt die soziale Isolation gerade auch bei älteren Generationen Einsamkeitsgefühle, existierende Ängste und Depressionen.

Welche Sorgen begegnen Ihnen derzeit am häufigsten?

Als Beschwerdebild stehen an erster Stelle das Gefühl des Kontrollverlustes über die unplanbare und unsichere Situation, Ratlosigkeit und Orientierungslosigkeit. Das mündet in einem Gefühl der Überforderung und emotionalen Belastung. Es geht darum, in irgendeiner Form wieder mehr Kontrolle zu erlangen. Und das ist derzeit wirklich schwierig. Dann gibt es natürlich auch ganz massive Existenzängste. Groß ist auch die Angst vor einer zweiten Welle. Es gibt strenge Maßnahmen, dann wieder Lockerungen, Schulen und Kitas wurden geschlossen und öffnen teilweise wieder, ohne dass Gewissheit über die Folgen besteht. Maskenpflicht, Distanzierung, Freizeitpark – ja oder nein? Es sind auch sehr widersprüchliche Botschaften unterwegs. Das führt zu einer massiven Verunsicherung – und damit auch zu einem großen Gesprächsbedarf.

Zur Person

Eva Gjonikümmert sich um das Seelenheil nach dem Virus.

Wir sind auf lange Sicht mit Extremen konfrontiert. Kann sich die Psyche derzeit überhaupt noch entspannen?

Bevor artikulierte Panik und Angst ausbrechen, merken die Menschen, dass sie konstant überfordert sind. Es ist dann irgendwie alles zu viel. Die letzten Monate waren für viele Menschen wie eine andauernde Schockstarre, mit der sie sich arrangieren mussten. Sie machten einfach weiter in einer Situation der permanenten Überforderung – ohne wirklich zu realisieren, wie sie da wieder herauskommen, oder sich sogar bewusst zu werden, dass sie auch schon in der Lage waren, damit fertig zu werden.

Hat sich Ihre Arbeit als Psychotherapeutin durch die Corona-Krise verändert?

Wir waren plötzlich konfrontiert mit einem ganz neuen Bedarf an psychologischer Unterstützung, der vorher so nicht planbar und vorhersehbar war. Ich habe inzwischen meine ganze Arbeit auf Online umgestellt. Durch die Corona-Krise bekommen telemedizinische Angebote plötzlich einen enormen Schub. Die gab es auch schon vor der Krise, sie wurden aber von vielen Patienten wie auch Ärzten oft skeptisch gesehen. Jetzt zeigt sich, dass es ein riesiger Vorteil sein kann, die digitalen Räume für die Therapie zu nutzen, wenn sie im physischen Raum nicht oder nur mit Einschränkungen möglich ist.

Werden Videosprechstunden bei Psychologen seit dem Lockdown vermehrt angenommen?

Seit Beginn der Corona-Krise haben sich die Anfragen nach einer telemedizinischen Unterstützung mit Psychotherapeuten in Deutschland vervielfacht. Die Onlinetherapie wurde für viele Patienten auf einmal zur einzigen Möglichkeit.

Kann ein Videogespräch eine persönliche Beratung in der Praxis ersetzen?

Ein Anruf oder eine Videoschalte können kein Ersatz der psychosozialen Strukturen vor Ort sein. Es ist ein Zusatzangebot in diesen besonders schwierigen Zeiten und richtet sich vor allem auch an Menschen, die vor der Corona-Krise weniger mit psychologischen Angeboten in Kontakt gekommen sind und sich jetzt aufgrund der außergewöhnlichen Herausforderungen belastet fühlen. Ein Videogespräch kann in diesen schwierigen Zeiten der sozialen Distanzierung aber sehr gut den persönlichen Kontakt ergänzen, oft auch die einzige Alternative zum Praxisbesuch sein. Von der Effektivität her wissen wir aus Studien, dass die Wirksamkeit vergleichbar ist. Unsere Erfahrungen zeigen auch: Wer es einmal geschafft hat, die Hürde zu überwinden, macht im Digitalen oft sogar größere Fortschritte in der Behandlung.

Worauf stellen Sie sich in den kommenden Monaten ein?

Wir rechnen mit einer Zunahme an Anfragen und Anrufen, weil die Spätfolgen der aktuellen Krisensituation sich mit der Zeit noch stärker bemerkbar machen können. Das heißt, viele Menschen werden vermehrt Hilfe brauchen und eine neue Orientierung suchen. Die positive Kehrseite ist: Auch wenn die Menschen mehr Ängste entwickeln, können sich mehr Lösungsmöglichkeiten entwickeln – wenn nötig mit professioneller Hilfestellung. Wir dürfen nicht vergessen, dass diese Krise uns allen Chancen bietet, an bereits bestehenden Ressourcen zu wachsen.

Haben Sie hoffnungsvoll stimmende Beispiele?

Scham ist zum Beispiel immer noch ein Thema, wenn es um die Entscheidung geht, sich psychologische Hilfe zu suchen. Ich habe die Hoffnung, dass solche Gefühle durch die Krise abnehmen, weil es allen ähnlich geht und alle gleichermaßen betroffen sind. Es ist dann kein Tabuthema mehr, über psychische Herausforderungen offen zu reden. Das ist einer der Vorteile dieser Krise: die Erleichterung zu erleben, mit der eigenen psychischen Belastung nicht in der Minderheit zu sein.

Interview: Saskia Bücker

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