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Schon im jungen Alter können Kinder etwas über das Denken eines Programmierers lernen, sagen Wissenschaftler.

Mein Kind, ein Forscher?

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Experten diskutieren in Berlin, wie Kinder auf Digitalisierung und Klimawandel vorbereitet werden können.

Die Zahl der Woche lautet 110 – darauf zumindest hat sich das Bundesbildungsministerium festgelegt, das in einer entsprechenden Rubrik regelmäßig eine solche Zahl kürt. Denn 110 internationale Experten diskutieren in Berlin seit Donnerstag zwei Tage lang über frühe naturwissenschaftliche Bildung. Auf Einladung des „Hauses der kleinen Forscher“ in Berlin, das es sich zum Ziel gemacht hat, den Entdeckergeist von Jungen und Mädchen zu fördern. Das gemeinsame Ziel der Bildungswissenschaftler und Praktiker: Sie wollen, dass Kinder bereits in möglichst jungem Alter erstmals mit Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik – also den so genannten MINT-Fächern – in Kontakt kommen. Sie verbindet die Überzeugung, dass es keine gute Idee ist, wenn junge Menschen erstmals in der Pubertät wirklich etwas über Physik oder Chemie lernen – und das auch noch in erster Linie anhand trockener Formelsammlungen.

„Alle Kinder werden als Forscher geboren, sie testen Dinge aus“, sagt OECD-Bildungsdirektor Andreas Schleicher in seiner Rede auf dem Kongress. Schleicher – Chef der Pisa-Studie, des wichtigsten internationalen Bildungsvergleichs – fügt aber hinzu: „Wenn die Kinder dann zur Schule kommen, nehmen wir ihnen diesen Forschergeist weg.“

Einer der 110 Menschen, die sich in Berlin darüber austauschen, wie es anders laufen kann, ist David Lapides. Der 49-Jährige arbeitet in Kanada für eine Organisation, die sich darum kümmert, junge Studenten aus Naturwissenschaften und Technik in die Schulklassen zu schicken. Die erzählen dort dann darüber, was ihnen Spaß an ihrem Studium macht. Und sie bringen praktische Experimente mit. 3000 Freiwillige hätten auf diese Weise mit 300 000 Kindern Kontakt, berichtet Lapides. Schon während der ersten drei Schuljahre könnten Kinder etwa viel über das Denken eines Programmierers lernen.

Lapides erzählt von einem Spiel, bei dem eine große Karte auf den Boden gelegt wird. Die Kinder hätten dann die Aufgabe, ein Spielzeugauto Stück für Stück von A nach B zu bringen: nicht, indem sie es bloß voranschöben. Sondern indem sie jeweils präzise Befehle formulierten und am besten aufschrieben. Im Grunde mache ein Programmierer nichts anderes.

Vielleicht machen Projekte wie dieses einen Teil des Erfolgs aus, dass 15 Jahre alte Kanadier im Pisa-Test in Naturwissenschaften zuletzt gut abgeschnitten haben. Hinzu kommt: Die jungen Kanadier gaben in hoher Zahl an, sie hätten Spaß an Naturwissenschaften und könnten sich gut vorstellen, später als Forscher zu arbeiten. Die deutschen Jugendlichen wiederum hätten, so erklärt Pisa-Chef Schleicher, im Durchschnitt zwar ordentlich abgeschnitten. Aber viele äußerten sich wenig begeistert über die naturwissenschaftlichen Fächer. Doch nicht nur Experten und Praktiker aus den Industriestaaten nehmen an dem Kongress in Berlin teil. Es sind auch Vertreter aus Ländern wie Kenia oder Indien dabei, in denen ganz andere Probleme herrschen. Im Jahr 2015 seien 264 Millionen Kinder und Jugendliche nicht zur Schule gegangen, heißt es im kürzlich veröffentlichten Weltbildungsbericht der Unesco. Darunter waren mehr als 60 Millionen Kinder im Grundschulalter. Der Anteil derer, die nicht zur Schule gehen, hat demnach nach einem Rückgang Anfang der 2000er-Jahre zuletzt stagniert. Nawneet Ranjan (35) – ein Filmemacher, der eine Dokumentation über das Leben in Mumbais Dharavi Slums gedreht hat – kann nicht allen Kindern dort helfen. Aber in einem von ihm gestarteten Projekt können 200 Kinder viel lernen. Mit Ranjan als Mentor haben die Kinder Apps entwickelt – zum Beispiel eine, mit der die Behörden aufmerksam gemacht werden können, wenn sie irgendwo dringend Müll abholen müssen. Dort würde auch Tipps zur richtigen Mülltrennung geteilt. „Programmieren ist keine Raketenwissenschaft“, sagt Ranjan. Und: Es gehe ihm darum zu zeigen, dass mit der richtigen Unterstützung jeder lernen könne, Probleme zu lösen. Zumal die Menschen im Slum die eigenen Schwierigkeiten im Alltag natürlich besser kennen würden als andere.

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