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Mehrere digitale Seminare parallel zu absolvieren, wurde für manchen Studierenden dann doch zur Belastungsprobe.

Hochschule

Universität Frankfurt im Online-Modus: So lief das erste Corona-Semester

Ein Dozent der Frankfurter Uni berichtet von seinen Erfahrungen mit der Online-Lehre. Studierende beteiligen sich nicht immer an schriftlichen Diskussionen.

Frankfurt - Als sich langsam abzeichnete, dass das Virus einen normalen universitären Betrieb im Sommersemester 2020 unmöglich machen würde, rief ich an und sagte, dass mein Lehrauftrag ruhig wegfallen könne. „Nein, nein“, entgegnete man mir. Der Lehrbetrieb solle vollständig aufrechterhalten bleiben, nur eben digital. „Ach so“, antwortete ich, Souveränität vortäuschend.

Erleichterung empfand ich, als von der Dekane-Runde, die zur Bewältigung der Corona-Krise scheinbar pausenlos tagte, die Richtlinie „Keep it simple: Text vor Audio vor Video“ ausgegeben wurde. Ich musste meine Veranstaltung also nicht videobasiert gestalten. Aber wie dann?

Da fiel mir ein: Ich hatte bereits digitale Elemente in meine Lehre in den vergangenen Semestern integriert. Mit einer webbasierten Lernplattform, die weit verbreitet ist. Genutzt hatte ich diese bisher freilich nur, um die wichtigsten Daten wie Seminarplan und Literaturliste hochzuladen.

Nun schrieb ich die drei mir liebsten Kolleg*innen an und fragte, wie sie denn digital lehren wollten. Und siehe da, auch Christian (sämtliche Namen im Text wurden geändert) wollte diese Lernplattform breit nutzen, besonders die Funktionen „Mitteilungen“ und „Forum“, in dem sich alle Teilnehmer*innen des Kurses zu bestimmten Diskussionsthemen austauschen konnten. So könnte man die Seminardiskussion imitieren. Und unter „Mitteilungen“ könnte ich die Student*innen über für das Seminar relevante Entscheidungen informieren. Außerdem gab es einen „Steckbrief“, in dem sich alle mit Text und Foto kurz vorstellen konnten. Schließlich würde man sich ja nie persönlich kennenlernen.

Das Gerippe des Seminars stand somit, es fehlte nun das Fleisch auf den Knochen. Ich schrieb also meine erste ausführliche „Mitteilung“ – am Ende sollten es 33 sein –, in der ich versuchte, das Seminarkonzept zu erklären. Gar kein so leichtes Unterfangen, zumal die Möglichkeit für direkte mündliche Nachfragen, wie sonst im Präsenzseminar, nicht bestand. Nach einer kleinen Aktivierungsphase – die Teilnehmer*innen sollten definieren, was sie sich unter Didaktik vorstellen –, die gut angenommen wurde, ging es ans Herzstück des Seminars: die Vorstellung von Themen in Gruppen.

Zur Person

Thomas Beier ist (Hochschul-)Lehrer und hat einen Lehrauftrag in der Lehrer*innen-Bildung am Fachbereich Erziehungswissenschaften der Frankfurter Goethe-Universität, Institut für Pädagogik der Sekundarstufe. Zudem unterrichtet er an einem Frankfurter Gymnasium. FR

Ich hatte mir in den Kopf gesetzt – teils aus Überzeugung, teils aus Tradition – es genauso wie in einer Präsenzveranstaltung zu machen und Themen gruppenweise präsentieren und diskutieren zu lassen. Zum Glück bot die Lernplattform die Möglichkeit der Gruppenbildung auch digital. Ich konnte die AGs – etwa „Einstiege in den Unterricht“ oder „Bewertung und Zensuren“ – erstellen, eine Anzahl an Plätzen festlegen und eine Frist für die Eintragung bestimmen. Mit Hilfe von Achmed, der stets kompetenten studentischen Hilfskraft, kein Problem. Aber so manche konnten sich gar nicht erst in die AGs eintragen. Manchmal lag es am genutzten Browser, manchmal an Einstellungen auf der Plattform, von denen ich gar nicht wusste, dass es sie gab.

Dann ging es endlich inhaltlich los: AG Eins lud ihr Handout zum Thema „Das didaktische Dreieck Lehrer-Schüler-Unterrichtsthema“ hoch und forderte zur Diskussion im „Forum“ auf. Das wurde recht gut angenommen und von den Beiträgen war ich oft begeistert. Allerdings zeigte sich, dass es nicht jedermanns Sache ist, Diskussionsbeiträge schriftlich zu verfassen. Über den Seminarverlauf kristallisierte sich heraus, dass nur etwa ein gutes Drittel teilnahm.

Einen differenzierten Diskussionsbeitrag schriftlich auszuformulieren, kostet freilich erheblich mehr Zeit als eine Wortmeldung in der Präsenzveranstaltung und erfordert einige Formulierungskünste. In „Mitteilung 17“ habe ich mich mit der Frage an die Teilnehmer*innen gewandt, ob das bisherige methodische Vorgehen ihnen sinnvoll erscheint oder ob sie Video-Konferenzen wünschten.

Die Reaktion war verhalten positiv: Ja, das Konzept gehe auf, aber einige wollten doch gerne einen direkten digitalen Austausch. Die Anzahl der Beteiligten jedoch war dann überschaubar und die Diskussionsdynamik deutlich gebremster als in Präsenzveranstaltungen.

Wir haben uns verabredet, am Ende des Seminars erneut eine Video-Konferenz durchzuführen – zur Belebung der Diskussion mit vorab von mir versandten Leitfragen. Daran nahmen freilich noch weniger Student*innen teil. Man kann nur spekulieren, ob aus Reserviertheit gegenüber dem Format oder aufgrund digitaler Ermattung. Schließlich häuften sich die Berichte von gestressten Student*innen, die sieben unterschiedlich gestrickte Online-Seminare parallel kaum mehr bewältigten.

Mein Fazit: Ja, es geht mit der Online-Lehre. Aber den direkten Austausch im kritischen Diskurs ersetzt sie nicht.

(Von Thomas Beier)

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