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Mehr Süßigkeiten, kaum Bewegung

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Von: Pamela Dörhöfer

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Die meisten Kinder haben viel mehr Zeit mit dem Handy, vor dem Fernseher oder Computer verbracht als vor der Pandemie. Getty
Die meisten Kinder haben viel mehr Zeit mit dem Handy, vor dem Fernseher oder Computer verbracht als vor der Pandemie. © Getty Images/EyeEm

Die Folgen von Corona: Vor allem Zehn- bis Zwölfjährige sind während der Pandemiedicker geworden. Fachleute fürchten Folgeerkrankungen

Die Pandemie und die mit ihr einhergehenden Maßnahmen wie Lockdowns, Schulschließungen und Kontaktbeschränkungen haben sich negativ auf die Gesundheit von Kindern und Jugendlichen ausgewirkt, insbesondere auf das Gewicht. Folgeerkrankungen drohen. Dieses Resümee ziehen Fachleute der Deutschen Adipositas-Gesellschaft (DAG) und des Else Kröner-Fresenius-Zentrums für Ernährungsmedizin (EKFZ) an der Technischen Universität München nach der Auswertung einer gemeinsam initiierten repräsentativen Eltern-Umfrage zu den Auswirkungen der Corona-Pandemie auf Kinder. Die Folgen seien so gewaltig, „dass sie in ihrer Bedeutung für die Gesundheit wahrscheinlich weit über das hinausgehen, was Corona an Infektionen gebracht hat“, sagte Hans Hauner, Direktor des Else Kröner-Fresenius-Zentrums für Ernährungsmedizin und Mitglied im Vorstand der DAG, am Dienstag bei der Präsentation der Ergebnisse.

Um eines vorwegzunehmen: Als besonders anfällig erwiesen sich Zehn- bis Zwölfjährige. Susann Weihrauch-Blüher, Oberärztin für Pädiatrische Endokrinologie und Diabetologie an der Universitätskinderklinik Halle/Saale und Sprecherin der Arbeitsgemeinschaft Adipositas im Kinder- und Jugendalter der DAG, verwundert das nicht: „Das ist eine sehr vulnerable Gruppe.“ In diesem Alter würden Kinder „zunehmend autark vom Einfluss der Eltern“, die einsetzende Pubertät gehe zudem mit Veränderungen im Körper einher.

In Zusammenarbeit mit dem Forsa-Institut waren im März und April 2022 mehr als tausend Eltern mit Kindern im Alter von drei bis 17 Jahren befragt worden. Die Auswertung ergab, dass sich fast die Hälfte der Kinder (44 Prozent) seit Beginn der Pandemie weniger bewegt haben, bei den Zehn- bis Zwölfjährigen sind es sogar 57 Prozent. Dafür sitzen 70 Prozent der Sechs- bis 17-Jährigen häufiger als früher vor dem Fernseher, dem Computer und an der Spielekonsole oder nutzen ihr Smartphone. Bei den Kleinen zwischen drei und fünf Jahren steigerte sich die Mediennutzung um 54 Prozent. „Diese Zahlen sind alarmierend“, sagt Weihrauch-Blüher. Dabei seien die Effekte unabhängig vom Einkommen und den Schulabschlüssen der Eltern ähnlich gewesen, auch habe es keine Unterschiede zwischen Mädchen und Jungen gegeben,

Gestiegen ist auch der Verzehr von Süßigkeiten und Knabberkram. Jedes sechste Kind ist seit Beginn der Pandemie dicker geworden, auch hier sind Zehn- bis Zwölfjährige überproportional betroffen; 32 Prozent nahmen ungesund zu und das vor dem Hintergrund, dass laut der DAG bereits vor der Pandemie 15 Prozent der Kinder und Jugendlichen an Übergewicht litten, davon sechs Prozent an Adipositas.

Passend zu diesen Ergebnissen hat sich die körperlich-sportliche Fitness bei einem Drittel aller Kinder (und bei mehr als der Hälfte der Zehn- bis Zwölfjährigen) verschlechtert. Die Folgen von Übergewicht und Bewegungsmangel können schon in jungen Jahren drastisch sein und im Erwachsenenalter chronisch werden. Experte Hauner führt als Beispiele Bluthochdruck, Fettleber und Diabetes auf.

Grundsätzlich positiv: Vermutlich durch das Homeoffice haben 34 Prozent der Familien häufiger gemeinsam gegessen als vorher. Bedrückend indes: Die seelische Stabilität wurde bei 43 Prozent der Kinder durch die Pandemie „mittel“ oder sogar „stark“ belastet. Besonders gelitten haben Mädchen und Jungen, die in Haushalten mit geringem Nettoeinkommen leben, sagt Weihrauch-Blüher.

Insgesamt zeigt die Umfrage, dass die Pandemie die gesundheitliche Ungleichheit in der Gesellschaft weiter verschärft hat. Wie Hauner erläutert, haben Kinder und Jugendliche aus einkommensschwachen Familien doppelt so häufig ungesund an Gewicht zugelegt wie Gleichaltrige aus Familien, denen mehr Geld zur Verfügung steht.

„Eine Gewichtszunahme in dem Ausmaß wie seit Beginn der Pandemie haben wir zuvor noch nie gesehen“, sagt Weihrauch-Blüher. Die Ergebnisse der aktuellen Umfrage reihen sich ein in die anderer Untersuchungen, etwa einer Studie der Universität Leipzig, die ergab, dass das Gewicht von Kindern in Mitteldeutschland in den ersten Monaten der Pandemie deutlich gestiegen ist – oder des Karlsruher Instituts für Technologie, wonach ein Viertel der Kinder und Jugendlichen mit Normalgewicht im zweiten Lockdown zunahm.

Daten der Krankenversicherung DAK zeigen einen deutlichen Anstieg der Krankenhausbehandlungen wegen Adipositas bei Kindern und Jugendlichen im Jahr 2020. Die WHO Europa hat bereits auf eine Zunahme stark übergewichtiger Kinder und Jugendlicher als Folge der Pandemie hingewiesen, ebenso der Corona-Expertenrat der Bundesregierung.

Um die beschriebenen Auswirkungen nicht noch größer werden zu lassen, fordern die Deutsche Adipositas-Gesellschaft und das Else Kröner-Fresenius-Zentrum für Ernährungsmedizin einen „Marshall-Plan für die Kindergesundheit“. So sollten zuckerhaltige Getränken besteuert werden, wie in etlichen Ländern bereits üblich. In Großbritannien sei der Zuckerkonsum dadurch „signifikant gesenkt“ worden, sagt Hauner.

Gemüse und Obst hingegen sollten von der Mehrwertsteuer befreit werden. Für ungesunde Lebensmittel müsse es „Werbeschranken“ geben. Bislang existierten in Deutschland keine Einschränkungen. Außerdem müsse die Therapie von Adipositas gestärkt werden; diese sei in Deutschland unterfinanziert.

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