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„Mehr Natur wagen“: Forschende wollen Verlust der Artenvielfalt aufhalten – Trendwende von Politik gefordert

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Von: Pamela Dörhöfer

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Der Amazonasdelfin zählt wie alle Flussdelfine zu den bedrohten Arten.
Der Amazonasdelfin zählt wie alle Flussdelfine zu den bedrohten Arten. © Getty Images

Ein Bündnis von Forschenden fordert in der „Berliner Erklärung“ von der Politik eine Trendwende, um den Verlust der Artenvielfalt aufzuhalten.

Frankfurt – Die Zahlen klingen erschreckend: Seit dem 16. Jahrhundert sind mindestens 680 Wirbeltierarten von der Erde verschwunden, aktuell ist mehr als ein Viertel der Arten auf der Roten Liste vom Aussterben bedroht, allein mehr als 40 Prozent der Insekten droht der Exitus. 75 Prozent der Ökosysteme an Land und etwa 66 Prozent der in den Meeren sind erheblich geschädigt oder sogar zerstört, fast 60 Prozent der Fließgewässer trocknen an mindestens einem Tag im Jahr aus. Um den damit verbundenen Schicksalen Gesichter zu geben: Alle sechs Arten Flussdelfine sind stark gefährdet, 24 von 26 Störarten vom Aussterben bedroht – nur zwei Beispiele von einer Vielzahl dramatischer Entwicklungen.

Ein Bündnis von Forschenden unter der Federführung der drei Leibnizforschungsmuseen in Deutschland fordert in einer gestern präsentierten „Berliner Erklärung“ von der Politik eine „Trendumkehr“, um den Verlust der biologischen Vielfalt aufzuhalten. Das stehe nicht in Konkurrenz oder gar Widerstreit zum Klimaschutz, sondern diene diesem im Gegenteil sogar. Das Positionspapier enthält zudem konkrete Handlungsempfehlungen, die auf „naturbasierte Lösungen“ abzielen. Sie sollen Biodiversität und Klima gleichermaßen schützen; „Mehr Natur wagen“, bringen es die Museumsdirektoren auf eine griffige Formel.

Verlust der Artenvielfalt aufhalten: „Mehr Natur wagen“, fordern Forschende

Diese „Zwillingskrise“ lasse sich nur gemeinsam und nur mit Hilfe der Natur bewältigen, sagt Bernhard Misof, Direktor am Leibniz-Institut zur Analyse des Biodiversitätswandels. Deutschland kommt mit seiner G7-Präsidentschaft nach Ansicht der Forschenden dabei eine „besondere Verantwortung“ zu – und der für Ende August geplante Weltnaturgipfel, der voraussichtlich im chinesischen Kunming stattfindet, böte für diese „dringend notwendige Trendumkehr“ die „historische Gelegenheit“.

Was schert mich der Stör im fernen Jangtse, wo der Fisch schon lange nicht mehr gesichtet wurde, was das Insekt, das über den Boden krabbelt, mögen sich vielleicht manche denken. Doch diese Sichtweise ist kurzsichtig: „Alles Leben auf der Erde hat einen gemeinsamen Ursprung und hat sich unendlich diversifiziert“, sagt Johannes Vogel, Generaldirektor am Museum für Naturkunde Berlin. Gleichwohl seien alles „Teile eines Netzwerks“. Und deshalb schlage der Verlust von biologischer Vielfalt immer auch auf unsere Spezies zurück.

So trage das Artensterben dazu bei, die Klimakrise zu verstärken. Umgekehrt helfe die Natur, die Klimakrise besser zu bewältigen.

Artenvielfalt erhalten: Mischwald ist gut für Klima und biologische Vielfalt

Deshalb plädieren die Verfasserinnen und Verfasser der Erklärung für „naturbasierte Lösungen“ . Doch wie sollen diese konkret aussehen? Klement Tockner, Generaldirektor der Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung, in Frankfurt nennt Beispiele: etwa, indem man Mischwald erhält oder aufforstet. Dieser speichere viel mehr Wasser als Monokulturen und noch viel mehr als Ackerland – sowie zusätzlich Kohlenstoff, erläutert der Wissenschaftler. Mischwald sei deshalb gut fürs Klima und die biologische Vielfalt und besitze zudem für Menschen einen hohen Erholungswert.

Als weitere Maßnahme zählt er die Wiedervernässung der Moore auf, die enorme Mengen Kohlenstoff speichern können und ebenfalls Lebensraum für viele Arten bieten. Gleichzeitig, betont Tockner, sollten auch die Emissionen aus fossilen Energieträgern drastisch reduziert werden.

Bislang allerdings mangelt es nach Ansicht der drei Museumsdirektoren noch an „Problembewusstsein“. Noch könne er keinen Effekt auf den Verlust der Artenvielfalt erkennen, sagt Bernhard Misof. Deutschland müsse sich beim Weltnaturgipfel „mit Nachdruck“ dafür einsetzen, dass bis 2030 global 30 Prozent der Land- und Meeresflächen wirksam geschützt und weitere 20 Prozent renaturiert würden – mit einer „klaren Priorisierung“ der arten - und kohlenstoffreichsten Gebiete.

Wie die Artenvielfalt zu retten wäre

Forscher sehen in gezielter Landnutzungsplanung einen Weg, Agrarwirtschaft und Naturschutz unter einen Hut zu bringen.

Artenvielfalt erhalten und gleichzeitig das Klima schützen

Was die eigene Verantwortung Deutschlands angehe, so plädieren die Forschenden für eine Aufstockung der bereits im Koalitionsvertrag vereinbarten Erhöhung der Gelder für Naturschutzprogramme auf acht Milliarden Euro pro Jahr; bislang ist eine Aufstockung von derzeit 800 Millionen auf vorerst mindestens zwei Milliarden jährlich geplant.

Zudem solle Deutschland sich dafür einsetzen, Lieferketten so zu gestalten, dass sie nicht zur weiteren Zerstörung der Natur in den Ländern führen, aus denen die Produkte stammen, erklärt Misof.

Um all das zu erreichen, sei eine enge Zusammenarbeit von Politik, Wissenschaft, Wirtschaft, Gesellschaft und philantropischen Organisationen nötig. Zur Finanzierung der Maßnahmen könnten laut „Berliner Erklärung“ die jährlich „knapp 67 Milliarden Euro umweltschädlichen Subventionen“ in Deutschland genutzt werden, die in die Bereiche Verkehr, Energie, Landwirtschaft und Gebäude fließen. Dieses Geld anders einzusetzen, so Misof, würde sowohl dem Erhalt der Natur als auch dem Klimaschutz nutzen. (Pamela Dörhöfer)

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