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Behandlungen von Krebspatienten müssen nicht mehr zwangsläufig stationär stattfinden.
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Behandlungen von Krebspatienten müssen in der Corona-Pandemie nicht mehr zwangsläufig stationär stattfinden.

Gesundheit

Krebs: Mehr ambulante Chemotherapien wegen Corona

  • Pamela Dörhöfer
    vonPamela Dörhöfer
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Versorgung von Krebskranken: In der Corona-Pandemie haben sich viele Behandlungen vom Krankenhaus in onkologische Praxen verlagert.

Frankfurt – Es ist im Laufe des vergangenen Jahres fast schon so etwas wie eine Binse geworden, dass Corona andere Krankheiten aus dem Fokus der Öffentlichkeit verdrängt. Dazu zählt auch Krebs, ein Thema, das vorher viel Aufmerksamkeit bekommen hat. Jährlich erkranken in Deutschland rund 500 000 Menschen neu, Millionen leben seit Jahren mit Krebs. Bei onkologischen Institutionen und Fachgesellschaften war die Sorge groß, dass in der Pandemie die Versorgung dieser Patientinnen und Patienten leidet – heißt: dass bei Diagnostik und Operationen durch abgesagte Termine oder Verschiebungen wertvolle Zeit verloren gehen, die Kontinuität von Therapien und die Nachsorge nicht gewährleistet sein könnte. Das Deutsche Krebsforschungszentrum, die Deutsche Krebshilfe und die Deutsche Krebsgesellschaft hat deshalb eigens eine Corona-Taskforce gebildet. Und dort warnt man eindringlich davor, Krebskranke in der Krise zu vernachlässigen.

Wie die Auswertungen von Zahlen aus dem vergangenen Jahr zeigen (für den zweiten Lockdown fehlen noch Daten), sind diese Befürchtungen nur zum Teil berechtigt. So vermeldete die in der Darmkrebsvorsorge engagierte Felix-Burda-Stiftung für die ersten drei Quartale 2020 sogar ein deutliches Plus bei den Koloskopien. Lediglich während einer Woche, vom 25. bis 31. März, habe es einen Rückgang der Darmspiegelungen um 42,5 Prozent gegeben – das war der Beginn des ersten Lockdown, verbunden damals mit der Bitte, alle nicht unbedingt nötigen Untersuchungen zu verschieben.

Corona: Deutlich weniger Aufnahmen wegen Krebs in Krankenhäusern

Von stärkeren Einbrüchen berichtet dagegen der Helios-Verband, laut eigenen Angaben Europas größter privater Klinikbetreiber. Für eine Studie, deren Ergebnis die Autor:innen als repräsentativ ansehen, hat ein Forschungsteam um Peter Reichardt vom Helios-Klinikum Berlin-Buch rund 75 000 Fälle aus 75 Helios-Kliniken in 13 Bundesländern analysiert. Betrachtet wurden die Krankenhausaufnahmen in der Zeit zwischen Mitte März und Ende April 2020 sowie in den darauffolgenden Wochen bis Mitte Juni. Das Ergebnis verglich man mit den entsprechenden Zeiträumen aus dem Jahr 2019.

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Vor allem in größeren Krankenhäusern in Bundesländern mit höheren Corona-Fallzahlen soll es demnach Einschnitte bei onkologischen Behandlungen gegeben haben. In einem Artikel im „Ärzteblatt“ wird zudem darauf hingewiesen, dass die Klinken im Frühjahr 2020 Freihaltepauschalen erhalten hatten, damit genug Betten für Covid-19-Patientinnen und -Patienten zur Verfügung stehen; diese Regelung gibt es mittlerweile nicht mehr.

Aufgrund von Corona: Behandlungen von Krebs verschieben sich in den ambulanten Bereich

Dass Krebskranken in der Pandemie wichtige Therapien vorenthalten wurden, kann dennoch nicht als ausgemachte Tatsache gelten. Denn offenbar hat sich eine beträchtliche Zahl von Behandlungen von den Klinken in den ambulanten Bereich verschoben. Dort habe die Zahl der medikamentösen Tumorbehandlungen sogar zugenommen, sagt Wolfgang Knauf vom Centrum für Hämatologie und Onkologie Bethanien in Frankfurt und Vorsitzender des Berufsverbandes niedergelassener Hämatologen und Onkologen. Dessen Mitglieder behandeln in Deutschland pro Quartal mehr als eine halbe Million Menschen, erklärt Knauf. „Im zweiten Quartal 2020 gab es bei den ambulanten Chemotherapien einen Anstieg um mehr acht Prozent.“ Seine Aussage basiert auf einer rückblickenden Bestandsaufnahme, die der Berufsverband initiiert hatte.

Zu diesem Zweck wurden die Mitglieder aufgefordert, anonymisierte Abrechnungsdaten an das Wissenschaftliche Institut der Niedergelassenen Hämatologen und Onkologen zu schicken, um mögliche Veränderungen bei der Versorgung zu erfassen. „Wir bekamen Rückmeldung von 101 Praxen aus dem Bundesgebiet, die insgesamt rund 160 000 Patientinnen und Patienten betreuen“, berichtet Knauf. Zwar sei es im März 2020 zunächst zu vereinzelten Einbrüchen bei den „Arzt-Patienten-Kontakten“ gekommen, aber ab Mai seien die Zahlen dann „in die Höhe geschossen“ – parallel zur Entwicklung der Pandemie, die sich zu diesem Zeitpunkt abzuschwächen begann.

Keine Verschiebungen von Krebs-Behandlungen wegen Corona

Knauf, Professor für Hämatologie und Onkologie, geht überdies auch nicht davon aus, dass in den Krankenhäusern tumorchirugische Eingriffe um mehr als einen Monat verschoben wurden: „Das wäre mit dem ärztlichen Ethos nicht vereinbar.“

Die medikamentöse Tumorbehandlung – Chemotherapie sowie die neuen zielgerichteten Therapien und die Immuntherapie – finde mittlerweile hauptsächlich nicht mehr stationär im Krankenhaus, sondern ambulant statt, erklärt Knauf. Gleiches gelte für die Strahlentherapie. „Die Onkologie hat sich in den letzten 15 bis 20 Jahren stark in ein ambulantes Fach verwandelt.“

Patienten suchen für die Krebs-Behandlung lieber eine onkologische Praxis auf

Viele neue Therapien seien zudem sehr teuer und für Krankenhäuser finanziell schwer zu leisten, weil sie in das „pauschalisierte Entgelt“ gepackt werden müssten. „Für die Anwendung in Praxen sind sie aber gut geeignet.“ Wolfgang Knauf vermutet aber, dass auch viele Patientinnen und Patienten, die normalerweise in einer Klinik behandelt worden wären, stattdessen eine spezialisierte onkologische Praxis aufsuchten: „So war die Versorgung gesichert, eine Lücke hat es nicht gegeben.“ Der Onkologe sieht darin „einen großen Vorteil des dualen Systems, wo nicht nur Hausärzte in niedergelassenen Praxen arbeiten, sondern auch hochspezialisierte Fachärzte“: „Das unterscheidet unser Gesundheitssystem positiv von vielen anderen.“

Ein Thema, das viele Patientinnen und Patienten beschäftigt, ist auch die Corona-Impfung. Wer akut an einer Tumorerkrankung leidet oder eine überstanden hat, besitzt ein erhöhtes Risiko für einen schweren Verlauf von Covid-19. Das gilt zum Teil auch dann, wenn man bereits vor längerer Zeit an Krebs erkrankt war: „Es hängt davon ab, welche Art der Tumorerkrankung und welche Therapie man hinter sich hat – und inwieweit das Immunsystem sich schon wieder erholt hat“, erklärt Knauf. Insbesondere wenn die Krankheit erst kurze Zeit zurück liege, sei man anfällig für schwer verlaufende Infektionen: „Deshalb empfehlen wir vehement auch die Impfung gegen Grippe und Lungenentzündung.“

Menschen mit Krebserkrankung werden in der Corona-Impfpriorität hochgestuft

In der Prioritätenliste für die Covid-Impfung sind Menschen mit einer Krebserkrankung und bis zu fünf Jahre danach unabhängig vom Alter von der Gruppe drei in die Gruppe zwei hochgerückt. Wer Krebs hatte oder hat, solle sich auf jeden Fall impfen lassen, sagt der Frankfurter Mediziner. Bei einer laufenden Tumortherapie könne individuell ein therapiefreies Zeitintervall für die Impfung genutzt werden.

Es sei allerdings denkbar, dass Menschen, die vor kurzem eine Chemotherapie erhalten haben, „keine optimale Impfantwort entwickeln“ – denn diese Art der Krebsbehandlung wirkt sich für eine gewisse Zeit auch negativ auf die Leistungsfähigkeit des Immunsystems auf. „Aber“, sagt Wolfgang Knauf, „ein schlechter Impfschutz ist immer noch besser als gar keiner“. (Pamela Dörhöfer)

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