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Spektakulärer Fund auf Borneo: In der Steinzeit wurde schon amputiert

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Von: Constantin Hoppe

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Urspruenglicher Tiefland-Regenwald an den Ufern des Danum-Fusses, Malaysia, Borneo
Haben sich in den Regenwäldern Borneos bereits in der Steinzeit komplexe medizinische Fachkenntnisse entwickelt? Ein aufsehenerregender Fund legt das nahe. © G. Fischer/Imago

Auf der Insel Borneo sind Anthropolog:innen auf einen erstaunlichen medizinischen Fund gestoßen: In der Steinzeit wurde hier einem Mann der Fuß amputiert.

Brisbane – Die medizinische Versorgung gehört zum Fundament unserer heutigen Gesellschaft: Ist jemand verletzt oder krank, bekommt er in der Regel schnell Hilfe. Das war bekanntlich auch in früheren Zeiten so – die Medizin besitzt eine weit zurückreichende Tradition. Doch die Erkenntnis darüber, wie weit die Geschichte komplexer, chirurgische Eingriffe geht, könnte sich durch einen Fund aus der Steinzeit auf der Insel Borneo verändern.

Anthropolog:innen des Australian Research Centre for Human Evolution der Griffith University in Brisbane (Australien) haben auf Borneo einen bemerkenswerten Fund gemacht: Die sterblichen Überreste eines Menschen, dem vor 31.000 Jahren der Fuß medizinisch amputiert wurde. Ihre Erkenntnisse über den Fund veröffentlichten sie am Mittwoch (7. September) in der wissenschaftlichen Fachzeitschrift Nature.

Amputation vor 31.000 Jahren: Älteste bislang bekannte Operation fand vor 7000 Jahren statt

Die vorherrschende Ansicht über die Entwicklung der Medizin ist, dass die Entstehung sesshafter Agrargesellschaften vor etwa 10.000 Jahren (die neolithische Revolution) zu einer Vielzahl von Gesundheitsproblemen führte. Diese waren zuvor bei nicht sesshaften Völkern, die bisher als Jäger und Sammler lebten, unbekannt. Dies führte zu den ersten größeren Innovationen in der prähistorischen medizinischen Praxis.

Zu diesen Veränderungen gehörte auch die Entwicklung fortschrittlicherer chirurgischer Verfahren. Der älteste bekannte Fund für eine „Operation“, waren bislang Skelettreste eines europäischen Bauern aus der Jung-Steinzeit. Diese wurden in Frankreich, bei Buthiers-Boulancourt gefunden und ließen sich etwa auf die Jahr 4900 bis 4700 v. Chr. zurückdatieren.

Steinzeitliche Amputation: Radiokarbon-Untersuchung belegt das Alter der Fundstätte

Der Fund in Buthiers-Boulancourt galt bislang als ältester Beleg für einen solch komplexen, chirurgischen Eingriff. Doch das muss jetzt unter Umständen korrigiert werden: In einem Grab in der Liang Tebo Höhle wurde das Skelett eines jungen Mannes aus der Steinzeit gefunden. Das Alter der Grabstätte konnte mittels der Radiokarbon-Methode auf etwa 31.000 Jahre vor unserer Zeit berechnet werden – was die älteste Bestattungsstätte eines modernen Menschen auf Borneo darstellt.

Die Steinzeit
AltpaläolithikumBeginn vor ca. 2,5 Millionen Jahren in Afrika
Mittelpaläolithikum300.000 bis 45.000 v. Chr.
Jungpaläolithikum45.000 bis 9700 v. Chr.
Mittelsteinzeit9700 bis 5800 v. Chr.
Jungsteinzeit5800 bis 1800 v. Chr.

Doch der Fund besitzt noch einen weit spannenderen Aspekt: Der Mann besaß keinen linken Fuß. Offenbar war er dem Mann samt einem Teil des Unterschenkels entfernt worden.

Vor 31.000 Jahren: Fuß eines Kindes wurde gezielt amputiert

Aus den genaueren Untersuchungen der Knochen ging hervor, dass dies durch einen scharfen Gegenstand erfolgen konnte. Den Wissenschaftlern zufolge erscheint deshalb ein Unfall oder ein Tierangriff unwahrscheinlich, da dabei in der Regel Quetschungen erkennbar sind. Sie gehen deshalb davon aus, dass der Fuß gezielt amputiert wurde.

Zudem sind Anzeichen einer Verheilung deutlich erkennbar: Anhand ihrer Untersuchungen gehen die australischen Forschenden davon aus, dass dem jungen Mann bereits im Kindesalter das untere Drittel seines Fußes chirurgisch entfernt wurde. Nach der Operation lebte er schätzungsweise noch weitere sechs bis neun Jahre.

Vermutlich war dem jungen Patienten im Zuge einer lebensbedrohlichen Verletzung oder Entzündung der Fuß operativ entfernt worden, folgern die Forschenden.

Steinzeitliche Amputation: hoch entwickelte medizinische Kenntnisse notwendig

Dieser unerwartet frühe Nachweis einer erfolgreichen Amputation von Gliedmaßen deutet darauf hin, dass zumindest einige moderne menschliche Sammlergruppen im tropischen Asien hoch entwickelte medizinische Kenntnisse und Fähigkeiten entwickelt hatten. Und das lange vor dem Übergang zur neolithischen Landwirtschaft.

Aus dem Fund schlussfolgern die Forschenden, dass die Person, die den Eingriff an dem jungen Menschen aus der Steinzeit vorgenommen hat, über detaillierte Kenntnisse der Anatomie der Gliedmaßen sowie der Muskel- und Gefäßsysteme verfügt haben muss. Nur so konnten ein tödlicher Blutverlust und Infektionen im Zuge des Eingriffs verhindert und die Gesundheit des Patienten erhalten werden.

Eine Frage bleibt für die Forschenden jedoch offen: Wie verbreitet waren solche Praktiken? „Es erscheint möglich, dass die Besiedlung der Regenwälder Borneos frühe Fortschritte in der Medizintechnik ausgelöst oder gefördert hat, die nur in dieser Region möglich waren“, erklärt die Gruppe in ihrem Forschungsbericht. (Constantin Hoppe)

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