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Kreißsäle werden geschlossen, weil sie dem Krankenhaus rote Zahlen bescheren.

Gesundheit

Kein Kreißsaal im Umkreis: Reisewarnung für Schwangere

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Chirurg und Publizist Dr. Bernd Hontschik erklärt in seiner Kolumne, was Fallpauschalen mit Kreißsälen zu tun haben. 

Es sind nur Einzelfälle, sagen die einen. Es bahnt sich eine Katastrophe an, sagen die anderen. Die zieht sich durch das ganze Land. Beginnen wir im Norden. Gleich zwei Mal in den vergangenen Monaten mussten werdende Väter die rasende Fahrt zum Kreißsaal stoppen und ihren hochschwangeren Frauen bei der Entbindung auf dem Beifahrersitz helfen – so gut sie das halt konnten. Beide Male war man auf dem Weg nach Varel, knapp 40 km entfernt, denn die Kreißsäle in Wohnortnähe, in Nordenham und Wittmund, waren geschlossen worden. 

Eine hochschwangere Frau aus Wallenborn in der Vulkaneifel war unterwegs nach Bitburg, Fahrtzeit mehr als dreißig Minuten. Nach zwanzig Minuten musste ihr Mann anhalten, ihr Kind kam an einer Tankstelle in Badem auf die Welt. Der wohnortnahe Kreißsaal in Daun war Ende 2018 geschlossen worden. Nicht anders ist es in Sachsen: in Stollberg, im Chemnitzer Land oder in Bischofswerda, oder in Sachsen-Anhalt: in Zerbst, Weißenfels oder Haldensleben, um nur einige Namen von in jüngster Zeit geschlossenen Kreißsälen zu nennen. Sogar in einer Stadt wie Groß-Gerau wird ein Kreißsaal in Kürze geschlossen. 

16 Prozent mehr Geburten, 16 Prozent weniger Kreißsäle, das ist absurd

Ein Paar hatte sich für eine Geburtsklinik in Stuttgart entschieden. Als es so weit war, wurden sie von sämtlichen Stuttgarter Krankenhäusern abgewiesen, die Kreißsäle allesamt voll. Sie rasten nach Esslingen, eine knappe halbe Stunde Fahrtzeit. Sie gerieten in eine Radarkontrolle, wurden geblitzt. Es ging alles gut, das Kind kam in der Klinik zur Welt, und dass die Krankenkasse den Strafbescheid wegen der überhöhten Geschwindigkeit bezahlt hat, hört sich schon fast lustig an. Es ist aber nicht lustig. Die Elterninitiative Mother Hood spricht daher inzwischen für viele Regionen Deutschlands eine Reisewarnung für Schwangere aus. 

Dr. med. Bernd Hontschik ist Chirurg und Publizist. www.medizinHuman.de

Was ist eigentlich los in der Republik? Nachdem es im Jahr 2011 mit 662.685 Geburten einen historischen Tiefstand in Deutschland gegeben hatte, steigt seitdem die Zahl der Geburten an, bis heute um etwa 16 Prozent. Im gleichen Zeitraum sind von über 800 Kreißsälen 130 geschlossen worden, das sind zufällig auch etwa 16 Prozent. 16 Prozent mehr Geburten, 16 Prozent weniger Kreißsäle, das ist absurd. 

Drei Gründe liegen auf der Hand. Zum einen sind die Prämien für die Haftpflichtversicherung von Hebammen von 180 Euro im Jahr 1991 auf heute knapp 8000 Euro gestiegen. Zweitens gibt es einen zunehmenden Mangel an Hebammen. Drittens sagen die Betriebsleitungen dieser Krankenhäuser seit einiger Zeit unisono: „Es rechnet sich nicht!“ Was rechnet sich hier nicht? 

Die Ursache liegt in dem Bezahlsystem der Krankenhäuser

Die Ursache liegt allein in dem Bezahlsystem der Krankenhäuser nach Diagnosen und Fallzahlen, den sogenannten DRGs, wo alles verkümmert, was keinen Gewinn verspricht, dazu gehören beispielsweise natürliche Geburten, und alles aufgebläht ist, was gut oder sehr gut bezahlt wird, dazu gehören beispielsweise Herzkatheteruntersuchungen, Gelenkspiegelungen oder die Implantation künstlicher Gelenke. 

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Kreißsäle werden also nicht geschlossen, weil kein Bedarf besteht. Das Gegenteil ist der Fall, der Bedarf wächst. Kreißsäle werden geschlossen, weil sie dem Krankenhaus rote Zahlen bescheren. Ein Kreißsaal muss rund um die Uhr auf hohem Niveau einsatzbereit gehalten werden. Das kann man mit einer Bezahlung nach Fallzahl und – außerdem auch viel zu niedrigen – Pauschalen nicht finanzieren. Deswegen, nur deswegen werden nicht rentable Abteilungen wie Kreißsäle geschlossen. Mit Medizin hat das nichts zu tun. Im Gegenteil, so wird Medizin unmöglich gemacht.

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